Disput

Ehrlicher währt am längsten

Sodann in Ibbenbüren

Von André Hagel

Er wird nicht der nächste Bundespräsident werden. Das weiß er selbst. Peter Sodann geht es mit seiner Kandidatur für die LINKE vielmehr darum, ein Fundament zu legen. Eindrücke von einem doppelten Auftritt Sodanns im nordrhein-westfälischen Ibbenbüren


Der große grüne Reisekoffer, der aufgeklappt neben ihm auf dem Holzboden der Theaterbühne steht, hält für den Abend ein offenbar unerschöpfliches Reservoir bereit. Peter Sodann greift ein ums andere Mal in den Koffer hinein und fördert neues Material zutage. Das Grundgesetz. »In Rot«, schmunzelt Sodann. Einen Zettel mit einem Zitat: »Es stellt sich die Frage, ob man die Bundesrepublik Deutschland überhaupt noch uneingeschränkt als parlamentarische Demokratie bezeichnen kann.« Ex-Bundespräsident Roman Herzog in der »Welt am Sonntag« vom 14. Januar 2007. Was Peter Sodann aus dem Reisekoffer heraushebt, landet vor ihm auf einem kleinen Tisch. Mappen mit Texten. Ein Stapel Bücher. Eine Spieluhr, deren Melodie der Mime mit einem am Tisch aufgepflanzten Mikrofon einfängt und durch den Raum schickt: »Die Internationale«. Beifall im Saal. Vereinzeltes Lachen. »Diese Spieluhr hat mir Norbert Blüm geschenkt«, grinst Sodann. »›Lacht auf, Verdummte dieser Erde!‹, haben wir früher in der DDR dazu gesungen.«

Von einem einzelnen Scheinwerfer in ein einsames, gelbes Licht getaucht, sitzt Peter Sodann an diesem Novemberabend auf der Bühne der Ibbenbürener Schauburg, einem ehemaligen Kino, das in Eigenregie von einer örtlichen Theaterinitiative in einen schmucken kleinen Musentempel umgebaut worden ist. Der Zuschauerraum versprüht den Charme der Fünfzigerjahre. Die Holzklappsessel sind noch Originalstücke aus dem ehemaligen Lichtspielbetrieb. Rund 250 Zuschauer vermag die Schauburg zu fassen. An diesem Abend sind die Sitzreihen gut zur Hälfte gefüllt. Peter Sodann, der wegen des auf ihn gerichteten Scheinwerfers das Publikum mehr ahnen denn wirklich erkennen kann, nimmt es gelassen. »Es hat, wie ich gehört habe, im Vorfeld Irritationen gegeben, was meinen Auftritt angeht. Aber jetzt bin ich ja da«, sagt er. In die Schauburg ist der Erfolgsschauspieler gekommen, um aus seinen Erinnerungen und weiteren Texten zu lesen. In anderen Städten wurden anberaumte Lesungen des Ex-»Tatort«-Kommissars von Veranstaltern wieder gekippt, nachdem Sodann erklärt hatte, für DIE LINKE als Bundespräsidentschaftskandidat anzutreten. Sponsoren zogen sich zurück. Der Termin im nordrhein-westfälischen Ibbenbüren blieb bestehen.

»Demokratie muss sich jeden Tag neu bewähren«


Dreieinhalb Stunden hat Peter Sodann, bevor er auf die Bühne muss. An anderen Auftrittstagen würde er jetzt vielleicht auf seinem Hotelzimmer noch eine Runde nickern, einen Spaziergang durch die Stadt machen, ein paar Kleinigkeiten erledigen. Doch an diesem Dienstag Mitte November steht für Sodann vor seiner Lesung ein anderer Termin an: Auf Einladung des Kreisverbandes Steinfurt der LINKEN stellt sich der Bundespräsidentenkandidat aus Halle an der Saale in Ibbenbüren den Fragen interessierter Bürger. Hierfür ist eigens ein Gastraum seines Hotels reserviert worden. Wer Sodann sehen will, kann sich gar nicht in der Tür irren: Am Kopfende des entsprechenden Raumes hängt ein rotes Transparent. »Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren!«, prangt darauf. Daneben: das Emblem der LINKEN. Der Eigentümer des Hotels, das an einer Einfallstraße der 52.000-Einwohner-Stadt Ibbenbüren liegt, ist seit seinen Jugendjahren in der CDU. In seinem Hotel tagen sonst eher Untergruppierungen der Christdemokraten oder Seminare der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dass heute Rot statt Schwarz dominiert, nimmt er mit einem leichten Lächeln hin.

Knapp 40 Personen haben sich in dem Gastzimmer eingefunden. Das Publikum besteht aus Parteimitgliedern, vielen Senioren, ein paar Jugendlichen. Außerdem sind ein Drehteam des ZDF, der WDR und eine Journalistin der »Süddeutschen Zeitung« erschienen, um über den öffentlichen Auftritt des Bundespräsidentenkandidaten Sodann zu berichten. Kein großer Bahnhof. Zum einen ist die nahe Osnabrück gelegene Kohlestadt Ibbenbüren ursozialdemokratisches Pflaster. Die Zeche ist der größte Arbeitgeber vor Ort. Die Kumpels wählen traditionell SPD. Die Hemmschwelle gegenüber der LINKEN ist hier zumindest bislang noch groß, auch wenn die Linkspartei in der Bergmannstadt Ibbenbüren seit Kurzem über einen eigenen Ratsherrn verfügt, einen vormaligen SPD-Vertreter, der seiner Fraktion den Rücken gekehrt hat. Zum anderen spielt heute das Wetter nicht mit: Draußen prasselt unablässig und wie aus Kübeln der Regen. Kaum jemand würde es einigermaßen trocken bis zum Hotel schaffen, das leicht außerhalb liegt.

Vielleicht hätten sich Sodann und die örtliche LINKE mehr Zuhörer, mehr Interessierte gewünscht. Dafür aber ist die Atmosphäre in dem rustikalen Gastraum sehr ruhig. Die Anwesenden hören konzentriert zu, während der Kandidat noch einmal klarer fasst, was ihm an jüngsten Äußerungen öffentlich um die Ohren gehauen worden ist. Zum Beispiel die Sache mit der Demokratie in Deutschland. »Die Demokratie in unserem Land schwächelt. Aber eine schwächelnde Demokratie ist keine Demokratie«, stellt Peter Sodann fest. Für ihn bleibt es dabei: Der Zustand der Demokratie macht sich am Zustand der Würde des Menschen im Lande fest. Und die bleibt für Sodann derzeit in vielen, allzu vielen Fällen auf der Strecke, nicht nur wegen Hartz IV. »Demokratie muss sich jeden Tag neu bewähren«, formuliert er sein Gegenbild. »Wir müssen die, die auf der Strecke bleiben könnten – Alte, Kranke, Behinderte, auch die, die kein Geld haben – auf unserem gemeinsamen Weg mitnehmen.« In der konkreten Begegnung mit dem Bundespräsidentenkandidaten Sodann relativiert sich einiges von dem, was momentan medial über ihn in die Öffentlichkeit transportiert wird.

»Warum tun Sie sich so etwas an?«


Bei den meisten seiner Zuhörer stoßen Sodanns Ausführungen auf offene Ohren. Einer aus dem Publikum, ein Mann um die 60, berichtet aus seiner jungwilden Zeit im Dortmunder Jugendring. Als Bundeswehr-Sanitäter einst nach Kambodscha entsandt wurden, opponierten die jungen Dortmunder hiergegen – und rannten sich an juristischen Wänden die Köpfe ein. »Damals hat man uns beschieden, dass wir in dieser Sache gar kein Klagerecht und uns deswegen auch nicht zu Wort zu melden hätten. Das ist Demokratie«, kommentiert der Zuhörer verbittert die vorangegangenen Worte Sodanns.

Höfliche, westfälisch-zurückhaltende Neugier prägt die meisten der Zuhörerfragen. Nur einen Senior, der lange aufmerksam gelauscht hat, hält es plötzlich nicht mehr: »Herr Sodann, warum tun Sie sich so etwas wie diese Kandidatur an?«, will er wissen und berichtet von seinem Vater, einem alten Sozialdemokraten, der es trotz Rackerns im Betrieb zu nichts gebracht habe, während Kollegen mit dem »richtigen« Parteibuch an ihm vorbei nach oben, in Spitzenpositionen geschossen seien. Sodann, der weiß, dass ihm seine Kandidatur im Namen der LINKEN weder Ruhm noch Erfolg einbringen wird, kontert: »Ich war immer schon ein Weltverbesserer. Ich habe immer versucht, die Welt zu begreifen und zu verbessern.« Seine Kandidatur zum Bundespräsidentenamt sieht er als einen ersten Schritt: »Damit lege ich ein Fundament. Vielleicht baut der nächste Kandidat das Haus, der übernächste das Dach – und dann haben wir vielleicht eines Tages den ersten richtigen linken Bundespräsidenten in Deutschland.« Zuviel des Optimismus? »Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist«, schließt Sodann.

»Ich wüsste, wohin ich Hilfspakete schicken würde«

In der Schauburg ist Peter Sodann, je länger der Leseabend voranschreitet, umso mehr in seinem Element. Gerade hat er gemeinsam mit dem bunt gemischten Publikum, das über politische Lagergrenzen hinweg offenbar keine Probleme mit seiner Bundespräsidentschaftskandidatur hat, ein Gedicht rezitiert. Das Scherzpoem »Dunkel war’s, der Mond schien helle …« sorgt für Lacher im Theater. Dann wird Sodann unvermutet ernst: »Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind in der Welt an Hunger«, zitiert er Statistiken des Schreckens. »Frau Merkel und andere schnüren ständig irgendwelche Hilfspakete. Ich wüsste, wohin ich Hilfspakete schicken würde«, sagt Sodann, um darauf mit Gandhi »Politik ohne Prinzipien« als eine von sieben Todsünden unserer Zeit zu bezeichnen.

»Ich habe keine präsidiale Sprache«, hat Peter Sodann gut vier Stunden vorher bei seinem Auftritt als Bundespräsidentschaftskandidat offenherzig zugegeben. Dem Schauspieler und Kabarettisten Sodann ist eine solche Präsidialsprache ebensowenig gegeben. Dafür ist Sodann ehrlich. So kantig-ehrlich wie Bruno Ehrlicher, sein Alter Ego, der in Zwangspension geschickte sächsische Maigret. Das behagt nicht allen. Aber: Ehrlicher währt bekanntlich am längsten.