Disput

Zwischen Mühlenberg und Kohlmarkt

Ein paar Eindrücke aus dem Wahlkampf in Niedersachsen: Hannover und Braunschweig

Von Florian Müller und Gert Gampe

Mittwoch ist Markttag am Mühlenberg. Asiatische Textilien gibt’s, atlantischen Fisch, schlesische Wurst. Wahlmaterialien auch, an diesem Mittwoch, vier Tage vor der Stimmabgabe für den niedersächsischen Landtag.

Die Parteien bauen sich auf am Ende der Fußgängerzone. Als Erste kommen (und gehen) zwei Grüne, die SPD mobilisiert ihren halben Ortsverein, die CDU taucht auf. Und schließlich tritt DIE LINKE an. Hier, an diesem trüb-kühlen Nachmittag, heißt DIE LINKE: Alfred, Sven und Uwe.

Alfred Dirks hat den Boden des Infostandes ein bisschen verstärkt, der wird schließlich häufiger gebraucht. Uwe Baentsch, die knallrote Tasche umgehängt, steuert auf die Mühlenberger zu und bietet nach Brot, Wurst und Gemüse etwas politische Nahrung an. Derweil erzählt mir Sven Steuer, wie hier alles angefangen hat, mit der LINKEN und mit den Leuten. Vor zwei Jahren war’s, als Uwe und er die Basisgruppe Hannover-Ricklingen gegründet haben. Sie rechneten zunächst mit Ablehnung, womöglich mit Pöbeleien. Irrtum! Mit ihren Themen stießen sie schnell auf Interesse und Interessenten. Mittlerweile zählt die Gruppe 35 Mitglieder und 20 Sympathisantinnen und Sympathisanten.

»Wir sind«, berichtet Basissprecher Sven, »auf alle Vereine und Verbände im Stadtteil zugegangen und sind dort Mitglied. Das kommt an.« Selbst bei der Parteikonkurrenz. Der Umgang miteinander ist ungewöhnlich unaufgeregt und vernünftig. Es geht auf Ortsebene ums Bürger/innenwohl. Man akzeptiert sich, man unterstützt sich auch mal. (Während wir uns unterhalten, tauscht ein CDU-Mann ein Brillenputztuch, vom sächsischen Landesverband der LINKEN geschickt, gegen ein CDU-Werbtetütchen ein.)

Der Mühlenberg am Südwest-Rand von Hannover, höre ich, sei ein besonderes Pflaster. Multikulti: »Von Afrikanern bis Chinesen« (»Leider dürfen nicht alle wählen«). Aber auch sozial problematisch. 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner leben von sogenannten Transferleistungen. Viele haben wenig Zuversicht, sind enttäuscht, trauen den »anderen Parteirichtungen« nicht mehr. Nicht wenige schöpfen mit der LINKEN zumindest ein bisschen Hoffnung.

Alfred, Sven, Uwe und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter (unter ihnen eine Kita-Leiterin und ein Schuldirektor) wollen sie nicht enttäuschen. Ihre Sorgen bringt Sven Steuer als Bezirksrat ins Kommunalparlament. Und nicht allein vor Wahltagen, sondern regelmäßig einmal im Monat stehen sie in der Fußgängerzone, verteilen den »Roten Faden« (für Hannover) und Zeitschriften der Bundestagsfraktion und geben Auskunft über das, was die neue Partei anders machen will. Sven, Jahrgang 1968 und als freier Mitarbeiter der Stadtmission Obdachlose betreuend und beratend, hat ein ausgeprägtes soziales Verständnis.

Alfred Dirks gehörte viele Jahre der SPD an, sehr engagiert, wie er betont. Doch nachdem er sich als Arbeitsloser unwürdig behandelt fühlte, trat er aus und blieb längere Zeit parteilos. Bis die LINKE kam. Er hat sie sich eine Weile angesehen und als Sympathisant mitgemacht. Ende Juni 2007, nach dem Gründungsparteitag, wurde der Hausmeister ihr Mitglied. In den vergangenen Wochen, verrät er mit spürbarem Stolz, steckte er einige tausend Kurzwahlprogramme in die Briefkästen.

Alfred, Sven und Uwe verströmen an diesem besonderen Markt-Mittwoch ansteckenden Optimismus. Der resultiert nicht so sehr aus den plötzlich fünf Prozent verheißenden Umfrageprognosen, denen sie noch nicht so recht glauben. Er rührt wohl viel mehr aus dem Gefühl, dass diese junge Partei erkennbar gebraucht wird. Im Alltag, in sozialen und anderen Bewegungen, auch in Parlamenten.

Am Abend treffe ich Alfred zur Großveranstaltung in der Sechsziger-Jahre-Halle in Hannover wieder. Die beiden anderen sehe ich nicht. Kann ich beim besten Willen nicht entdecken, denn die Halle in einem Kulturzentrum, das mal eine Bettfedernfabrik war, ist hoffnungsvoll überfüllt. Die »Hannoversche Allgemeine« beschreibt das so: »Viele, die annahmen, es reiche, wenn man bei der Linkspartei pünktlich vorbeischaut, sind im Vorraum gestrandet, eingezwängt in eine Menschenmenge, ohne Chance, noch vorne anzukommen.«

Wie wahr. Spätestens in diesem Gedränge kann ich für mich den lauen Eindruck, den das Internet vom Wahlkampf vermittelte, deutlich korrigieren. Eine Stimmung baut sich auf, fast so begeisternd wie am überaus erfolgreichen Wahlabend. Tina Flauger und Manfred Sohn, die beiden Spitzen, sagen überzeugend, kurz und bündig, wofür die LINKE zwischen Nordsee und Harz steht. Songs und ein Gespräch zwischen dem Kabarettisten Werner Schneyder und dem Landesvorsitzenden Diether Dehm sorgen für Anregung. Und dann die eigentlichen Stars, seit Tagen in Niedersachsen und Hessen wahlkämpfend unterwegs: Zunächst Gregor Gysi, anschließend Oskar Lafontaine zünden ihr Feuerwerk von Fakten und Argumenten: Die Bundesrepublik braucht die LINKE – auch im niedersächsischen Landtag!

Noch sind drei Tage Zeit, die Stimmung zu Stimmen zu führen. Viele, auch aus anderen Landesverbänden, haben daran ihren Anteil. Das Resultat spricht für sich. Als Anerkennung und als Auftrag. In den Wahllokalen um den Mühlenberg kommt die Partei auf 11,1 Prozent, das sind fast soviel wie Grüne und FDP zusammen erhalten. Herzlichen Glückwunsch!

Braunschweig: Heißer Wahlkampf im Winter

Der Wetterfrosch verkündet Sturm und Regen für den Sonnabend vor dem Wahltag. Und so startet der Vormittag in Grau, um später für den Wechsel zu sorgen. Blauer Himmel und Sonnenschein. Das Wahlkampfteam der LINKEN ist gut gelaunt, und die Stadt feiert auf dem Kohlmarkt ein Fest auf den ausgefallenen Winter. Deshalb haben sich die Stadtmarketingexperten eine Rodelbahn ausgedacht, für die extra Schnee aus dem Harz angekarrt wurde, dazu eine Spaß- und Unterhaltungsbühne und die übliche Auswahl von Ständen. Dazwischen bauen routiniert die Parteien ihre Politmöbel auf. Alle sind im Endspurt. Ein Osterhase hüpft durch das Volk, und der dazugehörige Mann von der FDP verteilt Schokohasen mit dem Werbetext der Gelben: »Schon heute an Morgen denken«. Jedoch denken alle Wahlkämpfer/innen auf dem Kohlmarkt erstmal an heute, an das Wetter und an die Verteilquote.

Die mit der roten Weste – »Hier ist DIE LINKE – (es sind ihrer viele) bestimmen das Farbenspiel auf dem Platz. Emsig wie die Ameisen laufen sie in jede Gasse, um Material zu verteilen und Gespräche zu führen, eben Straßenwahlkampf. Bei der CDU kann man ein Glücksrad drehen, und bei den Sozialdemokraten, die für einen Mindestlohn in unbekannter Höhe werben, spielt ein Drehorgeltrio. Um mit der Musik zu versöhnen, verteilen die Junggardisten der SPD rote Rosen, sehr schön.

Es ist der Tag vor der Sensation, vor dem Wahlsonntag, in Niedersachsen, der zu diesem Zeitpunkt noch voller Spekulationen steckt. Dennoch kann der aufmerksame Beobachter erkennen: Die mit den Westen und ihren Kurzwahlprogrammen in zehn Punkten, die haben Chancen, sie finden Zuhörer, und ihr Material landet nicht in der Tonne. Die Stadt, wochenlang »geschmückt« zur Freude der einen und zum Ärgernis der anderen, mehr als 1.000 Plakate »Hier ist DIE LINKE« unübersehbar und klug verteilt, zeigt sich interessiert an der neuen LINKEN.

Die Wahlkampftruppe um Manfred Kays, der schon fast stabsmäßig plant und führt, schickte die ca. 20 AktivistInnen – zeitweise kamen auch Helfer aus Nordrhein-Westfalen – in die sozialen Brennpunkte, Stadtteile, die dann am Wahlsonntag über zehn Prozent ausweisen werden, um Bürgerbriefe und Programme zu verteilen. Der Aufruf »Gewerkschafter wählen DIE LINKE« war in der heißen Phase initiiert worden und wurde dann an den Werktoren verteilt, erfolgreich. Fast 60.000 Briefkästen in allen Stadtteilen werden bestückt mit dem Bürgerbrief von Oskar und Gregor. Und die tausend Plakate haben sie natürlich gehängt; gleich nach dem Wahlsonntag  müssen sie auch alle wieder runter – sie taugen nicht als Dekoration für den Karnevalsumzug. Die 20 stehen bereit, der Kreisverband hat über 100 Mitglieder.

Nach fünf Stunden falten die »Westenträger« auf dem Kohlmarkt im Zentrum von Braunschweig das Info-Zelt zusammen. Das Material ist verteilt. Der Himmel wird trübe, es regnet und stürmt. Die Anderen machen noch weiter, sie ahnen wohl Schlimmes.