Disput

Allwissend

Satire

Von Jens Jansen

Irgendwie beunruhigt mich seit Langem, dass Wolfgang Schäuble mehr von mir weiß als meine Frau nach jahrzehntelanger Ehe. Er weiß, wann ich aufstehe, auch auf Dienstreisen, weil ich einen Funkwecker benutze, dessen Signale keine Einbahnstraße sind. Er hat in meiner Tiefgarage Kameras installiert, angeblich, um die Frauen vor Sittenstrolchen zu schützen. Er kann in der Verkehrsleitzentrale sofort ablesen, wann ich welche Kreuzung auf dem Weg zur Arbeit passiere. Er weiß ebenso, ob ich unterwegs an irgendeinem der tausend Dienstgebäude anhalte und in welches Stockwerk ich fahre. Meine Telefonate, E-Mails und Internetanfragen kann er jederzeit zurückverfolgen mit Uhrzeit, Adressat und Verbindungsdauer. Das lässt er nun sechs Monate speichern, damit er den Inhalt protokollieren kann. Natürlich kennt er alle meine Bankverbindungen sowie deren Ein- und Ausgänge. Er weiß auch von der Schuldenfahndung, ob und wann ich bei wem mit wie viel in der Kreide stand. Er kennt meine Wohnungseinrichtung durch die EC-Karten-Rechnungen der Möbelhäuser. Er kennt meine Ess- und Einkaufsgewohnheiten durch die Strichcodes der Supermärkte. Er kann unschwer ermitteln, welche Zeitungen und Zeitschriften ich lese und was abends bei uns auf der Glotze läuft: Welcher Sender, welches Programm, welche Einschaltdauer. Er weiß, wann ich welche Reise wohin gebucht habe und was ich auf dem Flugplatz an Gepäck und Kleidung mithatte. Er kann über meinen Navigator und über mein Handy mitverfolgen, ob und wo ich einen Umweg oder einen Seitensprung mache – mit Straße und Hausnummer. Kurzum, er weiß mehr als meine Frau von mir, so dass mich das zunehmend nervös machen musste, und meine Frau auch.

Als ich ihr das unlängst erklärte, fragte sie empört: »Hat der Kerl was mit dir? Mit so viel Energie hast du mich seinerzeit nicht verfolgt!«

Ich habe ihr dann erklärt, dass unser Innenminister ein bedauernswerter Mensch ist, der ein anstrengendes Tagewerk vollbringt, um unser aller Glück und Sicherheit zu garantieren. Das besänftigte meine Frau aber keineswegs: »Höre ich da eine versteckte Sympathie oder gar ein rühriges Mitleid heraus? Willst du seine Schwester Teresa sein?«

Ich hob die Hände gen Himmel und versicherte, dass weder er noch ich derlei Interessen haben. Es ginge uns bei allem nur um Deutschland. Worauf meine Frau klarstellte: »Ich bin auch Deutschland!«

Ich versicherte ihr umgehend, dass ich sie für den schönsten und wertvollsten Teil unserer Heimat halte. Doch es war unverkennbar, dass ein gewisses Misstrauen zwischen ihr und mir – wie auch zwischen Schäuble und uns beiden bestehen blieb.

Als ich im Sommer in Heiligendamm zur Mahnwache gegen den G8-Gipfel antrat, da schickte Schäuble Bundeswehr-Tornados über unseren Zeltplatz, um rauszukriegen, mit wem ich da meinen Schlafsack teilte. Als die Krankenkasse aufheulte, dass ihre Dividende viel zu klein sei, weil zu viel Spreu unter ihren Patienten wäre, da genehmigte Schäuble die elektronische Gesundheitskarte für 10.000 Testpersonen, um festzustellen, wer mit welchen Leiden, Medikamenten und Nebenwirkungen zu einem unvertretbaren Versicherungsrisiko wird. Die Bemühungen um die Ausweitung der Gentests werden künftig schon als Speicherchip im Oberarm von Säuglingen Auskunft geben, wer mit welchen erblichen Gebrechen welche Lebenserwartung hat.

Mit der Einführung der obligatorischen Fingerabdrücke im Reisepass ist nun aber – Gott sei Dank! – der letzte Zweifel bei meiner Frau ausgeräumt, dass Schäuble ein persönliches Interesse an mir als unbescholtenen Bürger und treuen Verfechter der freiheitlich demokratischen Grundordnung haben könnte. Dieser Fingerabdruck rückt mich nun endgültig auf die andere Seite der Barrikade: Von den Verlässlichen zu den Verdächtigen, von den Gesetzestreuen zu den Generalverdächtigen. Und von da zur Anklagebank ist es ein kleiner Schritt. Es reicht ja mitunter, dass man mit seinem osmanischen Gemüsehändler zu lange geplaudert hat, ohne zu wissen, dass er als islamistischer Fundamentalist aufgefallen ist.

Ich stehe nun im Regen der Dauerbeschattung. Aber das macht mir nichts, denn meine Frau umfängt mich jetzt mit Mitleid statt mit Eifersucht auf »Wölfi den Allwissenden«. Und ich meinerseits bemitleide nun alle meine splitterfasernackten Mitbürger. Der Einzige, der noch fröhlich durch das Dickicht aller Ausspähungen kommt, ist jenes Rumpelstilzchen mit dem Spruch: »Oh, wie gut, dass keiner weiß, dass ich Wolfgang Schäuble heiß’!«