Disput

Kleine Zirkel reichen nicht

Aufklärung setzt Selbstaufklärung voraus. Die Kommission Politische Bildung diskutiert den Einstieg in systematisierte Bildungsarbeit

Von Heinz Hillebrand

Das Diktum des großen französischen Soziologen Pierre Bourdieu, dass Aufklärung Selbstaufklärung voraussetzt, könnte gut als Motto für die Bildungsarbeit der neuen Partei DIE LINKE dienen. DIE LINKE ist eine erfolgreiche und aktive Partei. Ihre praktische politische Arbeit erzeugt einen enormen Bedarf an Bildungsangeboten unterschiedlichster Art. Politische Kampagnen müssen inhaltlich vorbereitet, Unterstützer/innen ausgebildet werden. Dank der gestiegenen Akzeptanz der LINKEN werden wir bald tausende von neuen kommunalen MandatsträgerInnen im Westen haben, die dringend auf ihre Aufgabe vorbereitet werden müssen. Vorstandsmitglieder aus neuen Kreis- und Stadtverbänden brauchen Handwerkszeug für ihre politische Arbeit. Auch für die Programmdebatte ist Bildungsarbeit dringend angesagt. Für die Diskussionen am Infostand werden Argumente dazu benötigt, warum der Bundeswehreinsatz in Afghanistan nicht den Frieden und ein Lohnverzicht keine Arbeitsplätze schafft.

Aber nicht nur die aktuellen politischen Aufgaben erfordern Bildungsarbeit. DIE LINKE hat sich nicht allein die ehrgeizige Aufgabe gestellt, den Neoliberalismus zurückzudrängen – große Teile der Partei, aus unterschiedlichen politischen Lagern, fordern vehement das Ziel des Demokratischen Sozialismus ein.

Dieses Ziel hat Auswirkungen auf die politische Arbeit, speziell die Bildungsarbeit. Sie setzt zuerst voraus, den real existierenden Kapitalismus, in dem wir leben, zu begreifen. Wie können linke Vorstellungen in dieser Gesellschaft hegemonial werden, mit welcher Strategie erreicht man einen Demokratischen Sozialismus, und vor allem: was ist das überhaupt? Dem Selbstverständnis der LINKEN entsprechend müssten diese Diskussionen nicht nur von kleinen intellektuellen Zirkeln, sondern von der gesamten Partei geführt werden. Dies setzt Grundlagenbildung voraus.

Die Bildungsarbeit der LINKEN kann nur von einem gemeinsamen Ansatz ausgehen. Dieser trifft aber auf eine sehr heterogene Mitgliedschaft. Im Osten gibt es einen hohen Anteil an AkademikerInnen und verständliche Aversionen gegen das »Parteilehrjahr«, gegen die Vermittlung ewiger Wahrheiten. Im Westen kommen in die Partei viele neue Mitglieder, denen politische Grundlagenbegriffe vielfach noch fremd sind.

Zur Bildungsarbeit gehört natürlich die Ausbildung von TeamerInnen und ReferentInnen. Auch die Formen und Methoden müssen auf den Prüfstand. Die Subjektorientierung, das Ansetzen an den Erwartungen und Bedürfnissen der Teilnehmer/innen, ist relativ unumstritten. Aber zu diskutieren wird sein, wie Wochenendseminare und Abendveranstaltungen interessant gestaltet werden und die PowerPoint-Präsentation nicht zur Schlafmittel-Konkurrenz wird.

Unter diesen Vorbedingungen traf sich eine neu zusammengesetzte Kommission Politische Bildung zu einer Tagung in Elgersburg (Thüringen). Erfahrene aus der Erwachsenenbildung, meist aus gewerkschaftlicher Bildungsarbeit, aus dem Westen trafen auf solche aus dem Osten, die teilweise schon in der Volksbildung der DDR gearbeitet haben. Nach einer Phase gegenseitigen Beschnupperns stellte man fest, dass man gut zusammenarbeiten konnte, und einigte sich relativ rasch auf konkrete Maßnahmen. Der Parteivorstandssitzung im Februar 2008 soll ein konkretes Konzept vorgelegt werden. Die Bildungsarbeit soll nach den Vorstellungen der Kommission in drei Säulen aufgeteilt werden.

Die erste Säule ist Grundlagenbildung. Grundlagenbildung wird als originäre Parteibildungsarbeit verstanden, von Mitgliedern der Partei für Mitglieder der Partei. Grundlagenbildung soll, dem Namen entsprechend, die grundlegenden Themen politischer Arbeit behandeln: Was will die Partei DIE LINKE, wie ist sie entstanden, wie ist sie aufgebaut, wie kann ich mich einbringen? In welcher Gesellschaft leben wir, was ist Neoliberalismus, was ist Kapitalismus? Welche Geschichte hat die LINKE? Welche politischen Grundvorstellungen prägen den pluralen politischen Kosmos der LINKEN, was sind kurz- und langfristige politische Ziele? Eine Arbeitsgruppe entwickelt Bausteine einer systematischen Grundlagenbildung.

Für die zweite Säule wurde die Überschrift Politik von A-Z gefunden. Damit sind die konkreten politischen Schulungsbedarfe der Partei gemeint. Im Bildungsangebot für das Jahr 2008 werden hierzu Seminare angeboten wie: Neu im Kreisvorstand – was ist zuerst zu tun? Oder: Mitgliedergewinnung und -betreuung. Zur Rentenkampagne wird es einen Workshop zur Kampagnenumsetzung vor Ort geben. Speziell für neue Mitglieder findet im Juni ein Seminar in Berlin mit einem Treffen mit Mitgliedern des Parteivorstandes und einer Bootsfahrt auf der Spree statt.

Die dritte Säule der Bildungsarbeit betrifft die Programmatik. Die Diskussionen über ein neues Parteiprogramm sind eng verbunden mit der Frage, was eine »Linke des 21. Jahrhunderts« inhaltlich kennzeichnen soll. Dass dies eine Unterstützung durch die Bildungsarbeit erfordert, die die zentralen Fragen der Diskussion, wie die des Demokratischen Sozialismus, näher beleuchten soll, liegt auf der Hand. Im Mai 2008 befasst sich ein Seminar mit der Organisation der Programmdebatte vor Ort.

Für alle drei Säulen der Bildungsarbeit wird es in Zukunft eine Ausbildung von TeamerInnen geben. Die Bildungsarbeit steht und fällt aber mit ihrer Verankerung in der Partei. Bildungsverantwortliche in den Kreisverbänden, Teamerarbeitskreise auf Landesebene und ReferentInnenpools sind bei Weitem nicht flächendeckend vorhanden. Auch die Verbreitung der Angebote der parteinahen aber unabhängigen Rosa-Luxemburg-Stiftung könnte noch verbessert werden.

Mit allen diesen Fragen beschäftigte sich die Kommission Politische Bildung in Elgersburg. Ingesamt kann man feststellen, dass auf dieser Tagung ein guter und vielversprechender Anfang gemacht wurde, sowohl was die Zusammenarbeit zwischen Ost und West, Alt-PDS und Alt-WASG als auch was die diskutierten Projekte angeht.

Heinz Hillebrand ist Mitarbeiter des Bereiches West der Bundesgeschäftsstelle. heinz.hillebrand@die-linke.de