Disput

Die Besetzung

Vor 75 Jahren: Drei Wochen nach der Machtübergabe an Hitler fiel das Berliner Karl-Liebknecht-Haus in die Hände der SA

Von Ronald Friedmann

Ende 1932 setzte sich in der Führung der KPD, entgegen anderslautenden Vorgaben aus Moskau, die Erkenntnis durch, dass die Übergabe der Regierungsgewalt an Hitler und seine Bande nur noch ein Frage der Zeit war. So erklärte der Parteivorsitzende Ernst Thälmann auf einem Bezirksparteitag in Hamburg am 4. Dezember 1932, dass die gerade eingesetzte Reichsregierung unter General von Schleicher nur ein »Übergangskabinett« wäre, ein »Platzhalterkabinett zur Vorbereitung einer Hitlerkoalition beziehungsweise Hitlerregierung«.

Die KPD hatte zu dieser Zeit knapp 340.000 Mitglieder, von denen etwa zwei Drittel regelmäßig ihren Parteibeitrag bezahlten. Eine so große Organisation auf die Arbeit unter den Bedingungen der Illegalität vorzubereiten, ohne in der Öffentlichkeit den unvermeidlichen Eindruck einer vorzeitigen Kapitulation zu erwecken, erschien von vorn herein ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Schon deshalb wurde diese Aufgabe nur an wenigen Orten und zudem halbherzig in Angriff genommen. Und tatsächlich sorgten die eingeleiteten Schritte an der Parteibasis vor allem für Verwirrung und behinderten vielfach das tägliche politische Wirken der Partei.

Anders sah es bei der Arbeit der Parteizentrale aus, die im Karl-Liebknecht-Haus in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes ihren Sitz hatte. Hier war bereits im Sommer 1932, nachdem es am 12. August zum wiederholten Male zu einer Besetzung und Durchsuchung durch die Polizei gekommen war, systematisch damit begonnen worden, in Berlin und Umgebung Ausweichmöglichkeiten für die Arbeit unter den Bedingungen der Illegalität zu schaffen. So wurden besonders gesicherte Büros für die Spitzenfunktionäre der Partei in der Potsdamer Straße und in der Pallasstraße eingerichtet. In einem Klaviergeschäft am Spittelmarkt und in einem Kohlengeschäft am Cottbuser Damm beispielsweise gab es geheime Poststellen. Wichtige Akten und andere Unterlagen, die der Polizei keinesfalls in die Hände fallen durften, wurden in die Wohnungen zuverlässiger Genossen geschafft. Waffenlager gab es im Karl-Liebknecht-Haus ohnehin nicht. »Die Waffen der KPD«, so berichtete eine Zeitzeugin viele Jahre später, »lagerten ganz woanders: zum großen Teil, gut eingeölt und verpackt, in den idyllischen Schrebergärten und Lauben treuer Genossen. «1

Nach außen hin bewahrte das Karl-Liebknecht-Haus die gewohnte Geschäftigkeit, doch tatsächlich stand eine große Zahl der Büroräume zum Beginn des Winters 1932/1933 bereits leer. Mitte Januar 1933 schließlich begannen die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Parteizentrale damit, auch die restlichen Unterlagen und notwendigen Arbeitsmittel aus dem Haus zu schaffen und ebenfalls in Privatwohnungen unterzubringen, ohne dass das den stets wachsamen Polizisten auf dem Bülowplatz – Ende der zwanziger Jahre war in der Nachbarschaft eigens eine Polizeikaserne ausschließlich zur Überwachung der KPD-Zentrale eingerichtet worden – auffiel.

Am 22. Januar 1933 kam es schließlich zur bis dahin größten Provokation der Nazis gegen die KPD und ihre Zentrale: An diesem Tag marschierten auf dem Bülowplatz, also unmittelbar neben dem Karl-Liebknecht-Haus, mehrere zehntausend SA-Leute unter dem massiven Schutz der Polizei auf.

Drei Tage später, am 25. Januar 1933, antwortete die KPD mit einer der größten Kundgebungen ihrer Geschichte: Mehr als 130.000 Menschen, unter ihnen nicht allein Mitglieder und Anhänger der KPD, sondern auch zahlreiche Sozialdemokraten, versammelten sich bei klirrender Kälte – die Temperatur lag in Berlin bei minus 18 Grad – mehr als vier Stunden lang vor dem Karl-Liebknecht-Haus. In der Weydingerstraße, dort, wo sich heute der »Kleine Buchladen« befindet, war eine Tribüne aufgebaut worden, von der Ernst Thälmann und andere Spitzenfunktionäre zu den Demonstranten sprachen.

Doch auch dieses letzte Aufbäumen war vergeblich: Am 30. Januar 1933 erteilte Reichspräsident von Hindenburg Hitler den Auftrag zur Regierungsbildung – die Machtübergabe an die Nazis und die nachfolgende Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland erfolgten nicht als Staatsstreich, sondern auf der Grundlage der bürgerlichen Weimarer Verfassung.

Bereits am 2. Februar 1933 rückte die Polizei erneut im Karl-Liebknecht-Haus ein. Es blieb aber bei einer – ergebnislosen – Durchsuchung. Weder gab es Verhaftungen noch wurde Eigentum der KPD beschlagnahmt. Noch, so schien es, konnte die KPD mehr oder weniger legal arbeiten. Dennoch fand die Reichsfunktionärskonferenz zur Vorbereitung der für den 5. März 1933 anberaumten Reichstagswahlen, die später in der offiziellen Geschichtsschreibung der DDR zur »letzten ZK-Sitzung unter Teilnahme von Ernst Thälmann« verklärt wurde, nicht im Karl-Liebknecht-Haus, sondern unter konspirativen Bedingungen im Sporthaus Ziegenhals in Niederlehme bei Berlin statt. Auf dieser Konferenz, die am 7. oder 10. Februar 1933 stattfand, wurde deutlich, dass die Führung der KPD – so Ernst Thälmann in seinem Referat – noch immer auf einen »Prozess des Heranreifens der revolutionären Krise in Deutschland« und »eine stürmische Beschleunigung der revolutionären Entwicklung« hoffte.

In Ziegenhals hatte Ernst Thälmann in Hinblick auf die zahlreichen Überfälle von Nazis »auf Arbeiterhäuser, Parteihäuser, Gewerkschaftshäuser, Arbeiterlokale und Wohnungen unserer Funktionäre« noch von der Notwendigkeit gesprochen, zu »höheren Formen der wehrhaften Massennotwehr, der geschlossenen aktiven Verteidigung des Arbeiterlebens und Arbeitereigentums« überzugehen. Doch als am 23. Februar 1933, nur zwei Wochen später, die SA, nunmehr mit den Vollmachten einer Hilfspolizei ausgestattet, das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin überfiel und besetzte, hatte die KPD keinerlei Möglichkeit der Gegenwehr mehr: Das gesamte noch im Haus befindliche Material der Partei für den Reichstagswahlkampf wurde beschlagnahmt, der Druck der »Roten Fahne«, die dann am 26./27. Februar 1933 letztmalig erschien, wurde verhindert. Das Karl-Liebknecht-Haus wurde als Parteizentrale der KPD endgültig geschlossen.

Am 28. Februar 1933, dem Tag nach dem Reichstagsbrand, wurde das Karl-Liebknecht-Haus nach einem 1930 von Kommunisten getöteten SA-Mann und Zuhälter, der später von den Nazis zum »Blutzeugen der Bewegung« stilisiert wurde, in Horst-Wessel-Haus umbenannt. Ab dem 8. März 1933 wurden die Räume der vormaligen KPD-Zentrale von der Politischen Polizei, aus der im April 1933 die Gestapo hervorging, als »Dienststelle der Abteilung IV – Vernichtung des Bolschewismus« genutzt. In den ersten Wochen und Monaten war diese »Dienststelle« ein wildes Konzentrationslager - wie auch die benachbarte Polizeikaserne -, in dem Nazigegner und aus rassistischen Gründen verhaftete Juden aus der unmittelbaren Nachbarschaft verhört und misshandelt wurden.

Am 14. März 1933 wurde das Karl-Liebknecht-Haus zugunsten des preußischen Staates enteignet, der es 1935 der Preußischen Finanzverwaltung übergab. 1937 zog die SA-Führung der Gruppe Berlin-Brandenburg in das Haus ein, im Foyerbereich des Eingangs an der Weydinger Straße entstand eine Ehrenhalle für Horst Wessel.

Zwölf Jahre lang, bis zur Befreiung vom Faschismus im Mai 1945, wehte nun die Hakenkreuzfahne über dem Karl-Liebknecht-Haus.

1 - Margarete Buber-Neumann, Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, München 2002, S. 134