Disput

Tee, Job und ein Zimmer

»Hoppenbank« heißt in Bremen eine Anlaufstelle für Strafentlassene, die ohne Hilfe kaum noch eine Chance in unserer Gesellschaft haben

Von Sabine Bomeier

Fröhlich und nicht immer leise geht es zu in der Teestube des Bremer Vereins Hoppenbank, der so heißt, weil 1971 in der gleichnamigen Straße der Verein gegründet wurde. An diesem nasskalten Freitag im November hilft für zwei Euro fünfzig Bratfisch mit Kräutersoße und Salat gegen den Hunger, und die gemütliche Wärme in den Räumen hilft gegen die Kälte draußen, die bis in die Knochen zieht, jedenfalls wenn man keine Wohnung hat und die meiste Zeit des Tages auf der Straße lebt. Die Tasse guten Kaffees nach dem Essen gibt es für 40 Cent dazu. Das kann sich jeder leisten. Und genau so soll es sein.

Zwar sind Strafentlassene die Zielgruppe des Vereins, aber in die Teestube kann jeder kommen, auch die Nachbarn von nebenan oder von weiter weg. Hartz IV lässt viele den Weg hierher finden. »Man ist unter sich und braucht sich nicht zu schämen«, meint eine ältere Frau und umfasst mit beiden Händen die Tasse heißen Kaffees.

»Die Arbeit des Vereins beruht auf drei Prinzipien«, erläutert Stephan Quensel, Vorstandsmitglied und Mitinitiator des Projektes Hoppenbank. Der Professor der Rechtswissenschaften erklärt, dass Strafen mehr schaden als nutzen, dass nur Hilfe und Unterstützung Sicherheit für alle verspricht und dass private Projekte humaner und effizienter arbeiten als staatlich organisierte Institutionen. Diesen Grundsätzen folgen heute insgesamt 17 hauptamtliche und 27 weitere Mitarbeiter/innen in den fünf Häusern der Hoppenbank mit einem Gesamtjahresumsatz von eineinhalb Millionen Euro.

Ganz unterschiedliche Arbeit wird in diesen fünf Häusern geleistet, immer demselben Ziel verpflichtet, nämlich der Hilfe zur Selbstbestimmung und Wertschätzung der eigenen Person. »Wer ganz unten angelangt ist, hat vor allem gelernt, dass andere über ihn bestimmen und er selbst in deren Augen nichts mehr wert ist. Das müssen wir erst mal aufbrechen«, sagt Beate Petsche, Sozialpädagogin in der Hoppenbank.

Da ist zunächst einmal das Haus Fedelhören. Hier gibt es nicht allein für Strafentlassene in der Teeküche an jedem Tag des Jahres eine warme Mahlzeit und immer jemanden, der einfach mal zuhört und manchmal auch einen Rat weiß.

So einer ist Jens Koch. Der 28-Jährige arbeitet als Peer-Group-Mediator. Auch in seinem Leben ist nicht immer alles so gelaufen, wie es hätte sein sollen. Nachdem die Ehe schief ging, verlor er den Halt, begann zu trinken und rutschte in die Kriminalität ab, was ihn schließlich in den Knast brachte. Inzwischen ist er wieder »stabil«, wie er sagt.

Er ist in der Lage, die Sprache derer zu sprechen, die Hilfe in der Hoppenbank suchen. Er weiß, was es heißt, vor dem Nichts zu stehen und alles wieder aufbauen zu müssen. So bekam er den Ein-Euro-Job als Peer-Group-Mediator. Er begleitet Klienten zu Ämtern, besorgt die nötigen Formulare und hilft bei ihrem Ausfüllen. Aber nie nimmt er seinen Klienten die Arbeit gänzlich ab. Die Aufgabe von Jens Koch ist es, dort zu unterstützen, wo der eine oder andere alleine nicht weiter kommt. Aber zu keiner Zeit will er ihm (oder ihr) die Selbstbestimmung abnehmen; er versteht sich als ein »soziales Korrektiv«. »Es gibt eben Menschen, die es nicht gelernt haben, durchaus berechtigte Forderungen in einer Form vorzubringen, die andere nicht gleich zusammenzucken lässt«, erklärt er. Hin und wieder greift er dann doch ein, wenn er mit einem Klienten vor einem Sachbearbeiter sitzt und die Wortwahl allzu deftig ausfällt oder von eindeutiger Gestik unterstrichen wird. »Ja, viele unserer Klienten haben nicht gelernt, sich mit Worten mitzuteilen, oder sie verlieren zu schnell die Geduld, wenn mal etwas nicht auf Anhieb klappt«, bestätigt Beate Petsche.

Außer der Teestube befinden sich in dem Haus noch Zimmer für Klienten, die sonst keine Bleibe haben und erst mal hier in mehr oder weniger betreuten Wohngemeinschaften Unterschlupf suchen. Im vergangenen Jahr fanden 60 Menschen für einen nicht begrenzten Zeitraum ein Zuhause.

Auch Häftlinge, die bereits in »Lockerungen« sind und hin und wieder mal ein Wochenende außerhalb der Anstalt verbringen dürfen, können kostenlos ein Zimmer oder ein Bett bekommen. »Natürlich möchte jeder lieber den Hafturlaub bei der Familie verbringen, aber über 70 Prozent unserer Klienten sind ohne Familienanschluss oder sonstiges soziales Umfeld. Die wüssten ja sonst gar nicht wohin«, erklärt die Diplom-Sozialpädagogin die Notwendigkeit dieser Unterkünfte.

Ohnehin sieht es bei den meisten, die hier stranden, schlecht aus. Der überwiegende Teil hat keinen Schulabschluss, von einer Berufsausbildung ganz zu schweigen. Fast alle schleppen ein erhebliches Suchtproblem mit sich herum. Einige sind substituiert, andere haben das noch vor sich. Mit diesem Gepäck stehen die Chancen auf eine Resozialisierung, sprich Wiedereingliederung in die Gesellschaft schlecht. Arbeit, Wohnung? Fehlanzeige! Beate Petsche meint denn auch, dass sie eher Sozialisierung als Resozialisierung betreibt. »Wir müssen viele erst mal grundsätzlich fit machen für diese Gesellschaft«, sagt sie.

Dazu gehört, dass jeder für sich erkennen muss, wo er Stärken hat, und daraus neues Selbstbewusstsein schöpft. »Wir müssen doch alle lernen, uns selbst zu mögen und zu uns selbst gut zu sein«, ergänzt Albrecht Welchner, der Geschäftsführer der Hoppenbank. Er hat seinen Arbeitsplatz in einem Haus, in dem auch die AHAB, die aufsuchende und ambulante Hilfe des Vereins, ihr Quartier hat. Junkies, die aus dem Knast kommen, vielleicht dort erst gelernt haben, den Alltag mittels der Droge erträglich zu machen, haben es draußen doppelt schwer. Wo sollen sie hin? Wer hilft ihnen, den Tag zu strukturieren oder gar erst mal zu lernen, wie man ihn gliedert, und wer sagt ihnen, was zu tun ist, um zumindest ALG II zu bekommen? Während des Strafvollzuges bestimmen Justizangestellte über jede Minute ihres Tages. Keiner hat ihnen gezeigt, wie sie alleine zurecht kommen. Den Bediensteten des Knastes ist nicht einmal ein Vorwurf zu machen; es ist kein Personal für Derartiges da.

Aber auch wer an sich gut in der Lage ist, Alltag und Leben zu meistern, kann in die Fänge der Justiz geraten. In minder schwerwiegenden Fällen verhängen Richter eine Geldstrafe oder Ersatzfreiheitsstrafe. Wer Geld hat, kann die bezahlen und geht frohen Mutes wieder nach Hause. Wer kein Geld hat, muss die entsprechenden Tage im Bau absitzen. Das hilft eigentlich niemandem. Der Delinquent wird aus seinem Umfeld gerissen, Kinder können nicht mehr versorgt, die Miete vielleicht nicht weiter gezahlt werden. Und der Steuerzahler kommt für den Haftplatz auf, in Bremen mit immerhin 87 Euro pro Tag. Ersatzweise kann die Geldstrafe abgearbeitet werden. Das nützt jedem, denn es wird in gemeinnützigen Projekten gearbeitet.

Nicht nur, dass die Hoppenbank selbst Arbeitsplätze für »Ersatzfreiheitsstrafler« zur Verfügung stellt, schließlich werden immer helfende Hände gebraucht. Darüber hinaus steht ein Pool von insgesamt 400 Einsatzstellen zur Verfügung. So konnten insgesamt 19.793 Hafttage im Jahre 2006 »abgearbeitet« werden. Durchschnittlich werden dem Staatssäckel auf diese Weise zwischen eineinhalb und zweieinhalb Millionen Euro gespart. Und der Knast braucht fast 80 Haftplätze weniger. Ein gutes Geschäft für jeden!

Apropos Job. Die Hoppenbank unterhält ein sogenanntes InJOB-Büro. Man mag über Ein-Euro-Jobs denken, wie man will. Für viele Hartz-IV-Empfänger sind sie zunächst einmal die Möglichkeit, wenigstens ein bisschen dazuzuverdienen, und für den, der es auf dem Arbeitsmarkt ohnehin schwer hat, ist das die Gelegenheit, sich überhaupt mal wieder zu beweisen, dass er in der Lage ist, etwas zu leisten. Die theoretische Diskussion um Sinn und Zweck der Ein-Euro-Jobs kann dann später wieder geführt werden. »Besser ein Ein-Euro-Job als nach dem Knast auf der Straße stehen«, meint Jens Koch.

Um ihrer Klientel räumlich näher zu sein und noch Inhaftierten die Möglichkeit zu geben, während eines Ausgangs Kontakt zur Hoppenbank aufzunehmen, hat der Verein nun in unmittelbarer Nähe der Haftanstalt ein Haus angemietet und aufs Feinste renoviert, übrigens auch mit Hilfe von Menschen, die dort betreut werden. Sie können also eine Leistung erbringen, die sich sehen lassen kann. Dort sollen nicht nur die Kräfte gebündelt werden, die in der Stadt für Straffälligenhilfe verantwortlich zeichnen, wie zum Beispiel die Bewährungshilfe. Man hat die Nähe zur Anstalt auch deshalb gesucht, weil man hoffte, dass ein Ausgang, der nur wenige Meter vom Eisentor des Knastes wegführt, eher genehmigt wird als einer in die Innenstadt.

In dem Haus ist auch das Projekt Clean City angesiedelt. Ehemalige Häftlinge kommen mit Hochdruckreinigern und reinigen für wenig Geld Wände von Graffiti. Das kommt an bei der Bevölkerung.

Last not least fühlen sich die Menschen von der Hoppenbank für die Entlassungsvorbereitungen der Häftlinge verantwortlich. Eine Aufgabe, die der Senator für Justiz wohl auch gerne in ihre Hände gelegt hat, entlastet er damit doch seine Beamten. Die Sozialarbeiter der Hoppenbank nehmen zu den Inhaftierten schon während der Haft Kontakt auf, klären im Idealfall die wichtigsten Dinge für den Übergang in das Leben vor den Mauern. Sie kümmern sich um Unterkunft, Unterhalt und eventuell nötige Therapieplätze.

Viele kleine Schritte sind erforderlich, um einem Menschen die Chance zu geben, die er vielleicht noch nie hatte, aus welchen Gründen auch immer. Aber es lohnt sich, denn nur »wer für sich eine Perspektive sieht und die eigene Person achten gelernt hat, kann noch einmal von vorne anfangen« – davon sind die Mitarbeiter der Hoppenbank überzeugt. »Zu uns kommen fast immer die, die woanders wirklich gar keine Chance mehr haben«, sagt Beate Petsche.