Disput

Erst der Wahlkampf, dann der Schmuck

Tina Flauger, Spitzenkandidatin in Niedersachsen

Von Maren Kaminski

»Je stärker wir sind, desto sozialer wird die SPD«, stellte Tina Flauger fest, als sie von den Delegierten auf dem niedersächsischen Parteitag zur Wahl als Spitzenkandidatin unserer Landesliste aufgestellt wurde. Der Name Tina leitet sich ab von ihrem eigentlichen Vornamen Kreszentia, etwas »holprig und gewöhnungsbedürftig«, wie sie selber findet: »Die Kurzform brauche ich gegenüber Fragenden nicht zu buchstabieren«.

Den Anspruch an eine soziale Politik leitet sie aus eigenen Lebenserfahrungen ab. Sie wurde 1966 als älteste von fünf Geschwistern in Kiel geboren. Ihre Eltern, mittlerweile Rentner, waren »einfache Leute«, der Vater im Handwerk als Maler tätig, die Mutter Kinderpflegerin. Ihre Mutter hat ihren Beruf zugunsten der Familie nach der Geburt der ersten Tochter aufgegeben. Eine Familiensituation, wie sie noch heute vielfach vorherrscht. Allerdings haben Frauen heute viel öfter den berechtigten Anspruch, ihren Beruf weiter auszuüben, während die Wirklichkeit sich mit diesem Anspruch nicht deckt. Der Wunsch nach Kindern und Familie ist Entscheidungszwängen unterworfen: Wer betreut die Kinder, wenn Krippen und Kitas wegen zu hoher Gebühren dafür nicht in Frage kommen? Da Männer oft ein höheres Einkommen beziehen, verzichten immer noch überwiegend Frauen auf ihren Beruf.

Neben dieser Einengung persönlicher Lebensplanung stört Tina ebenso die Tatsache, »dass Familienplanung für immer mehr Menschen zum Armutsrisiko wird«. Das war schon zu Zeiten ihrer Kindheit und Jugend so und hat sich weiter verschärft. Sie selber hat die Erfahrung gemacht, wie es unter Freunden war, nach Ausreden zu suchen, warum sie nicht mitkommen konnte ins Kino. Ihr und ihren Freundinnen war bewusst, dass der wahre Grund das Geld war, aber niemand hat es ausgesprochen. Armut war und ist kein Aushängeschild. »Das soll es auch nicht werden, Armut gehört abgeschafft, ganz einfach!« Und dafür macht sie jetzt Wahlkampf.

Sie wirbt für ein soziales Niedersachsen, Chancengerechtigkeit für alle Kinder, Rekommunalisierung von Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge, eine Erhöhung der Landesbeteiligung am VW-Werk und einen gesetzlichen Mindestlohn. »Wir brauchen den, weil die etablierten Parteien durch leichtere Befristungen, Leiharbeit und Minijobs die Kampfkraft der Gewerkschaften gezielt zerschlagen haben«, meint sie. Tina weiß, wovon sie da spricht, sie ist gleich zu Beginn ihrer Ausbildung in die Gewerkschaft eingetreten und war viele Jahre Betriebsrätin und Mitglied der Tarifkommission. Immer wieder betont sie im Wahlkampf, dass unsere Forderungen finanzierbar sind: nämlich durch die Einführung einer Vermögens- und Börsenumsatzsteuer.

Tina ist in ihren Argumentationen themenfest. Sie wiegelt dazu aber ein wenig ab und meint: »Alle anderen Parteien bieten uns eben laufend Steilvorlagen. Und weil sie inhaltlich gegen unsere Forderungen nichts sagen können, werfen sie uns dann Populismus vor. Dabei bringen wir die Dinge nur auf den Punkt und benennen sie klar.« Trotzdem ärgert sie die teilweise unsachliche Auseinandersetzung mit der LINKEN. Die konkurrierenden Parteien versuchten, uns mundtot zu kriegen. Das sei verständlich, denn wir sind eine ernsthafte Gefahr für die amtierende Landesregierung. »Wer Wulff verhindern will, muss DIE LINKE wählen, das wird auch von der CDU richtig verstanden.« Deshalb werden Mitglieder der Jungen Union zwangsverpflichtet, unsere Veranstaltungen zu besuchen. Die SPD versucht, sich so wenig wie möglich mit uns auseinanderzusetzen. »Uns zu ignorieren heißt aber nicht, dass wir nicht da sind. Das werden die Sozialdemokraten spätestens am 27. Januar merken.«

Tina ist mittlerweile fest von unserem Einzug in den Landtag überzeugt. Auf ein genaues Ergebnis mag sie sich nicht festlegen, außer dass bei fünf Prozent der Stimmen unsere Fraktion mindestens sieben Personen stark sein wird. In Bremen haben uns die Umfragen vor der Wahl auch permanent schlechter dastehen lassen als es dann am Wahlsonntag war.

Ihre letzten Wahlkampferfahrungen hatte sie übrigens in Bremen gemacht, schließlich wohnt sie in der Nähe, in Wildeshausen, und das Ergebnis baute auf. »Klar, Flächenland und Stadtstaat sind nicht zu vergleichen, aber viele erste Podiumsdiskussionen waren Punktsiege für uns. Schon mehrfach mussten das gestandene  SPD-Mitglieder zugeben.« Das wundert Tina nicht. Als einzige politische Kraft würden wir nicht ständig von Sachzwängen reden oder auf Zuständigkeit der Bundesebene verweisen. Denn Bundes- und Landesebene liegen in ihren Zustimmungen nahe beieinander. Hier darf sich niemand seiner politischen Verantwortung entziehen. Im Gegenteil. »In unserem Wahlprogramm stehen zahlreiche von uns zu ergreifende Bundesratsinitiativen. Wir wollen den uns zustehenden politischen Spielraum für Veränderungen nutzen. Hartz IV wird selbstverständlich nicht auf Landesebene abgeschafft, aber die Landesebene hat maßgeblichen Einfluss darauf.«

Was sie nicht versteht ist, dass Politik sich selbst ständig die Einflussmöglichkeiten nimmt: »Warum sollen Parlamente nicht über Bahn-, Gas- oder Strompreise mitentscheiden? Über Dinge also, die die Menschen direkt betreffen?« Privatisierungen bedeuteten, dass sich Parlamente ein Stück überflüssiger machten und dass demokratischer Einfluss abgebaut wird. Verständnislos schüttelt sie den Kopf, erklärt sich so aber auch die immer stärker werdende Politikabstinenz und das Desinteresse an Politik. »Zum Glück wird sich das im neuen Jahr in drei Landes- und zahlreichen Kommunalparlamenten ändern.«

Was Tina bis Ende Januar zu tun hat, weiß sie genau: Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf. Trotz des Zeitaufwandes freut sie sich darauf. »Die Auftaktveranstaltung mit Oskar am 11. Dezember in Osnabrück war ein voller Erfolg, so macht Wahlkampf Spaß!« Ihrem Hobby, Glasperlen herzustellen und daraus Schmuck zu fertigen, kann sie weiter nachgehen, wenn wieder etwas Alltag eingekehrt ist. Aber dann als eine der ersten Abgeordneten der LINKEN im niedersächsischen Landtag!