Disput

Nelken für Rosa und Karl, Nachdenken für den Alltag

Mehrere Zehntausend ehrten am 13. Januar in Berlin wieder Kämpferinnen und Kämpfer für Frieden und Freiheit, für Sozialismus und Demokratie

Von Florian Müller

Die Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde gleicht, seit mehr als einem Jahrhundert, einem Geschichtsbuch der Arbeiter-, Gewerkschafts-, Frauen- und Friedensbewegung. In der Mitte des Rondells der hohe Porphyrstein mit der Inschrift »Die Toten mahnen uns«. Gewidmet Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die vor 89 Jahren von der Reaktion ermordet worden sind, und vielen weiteren Kämpferinnen und Kämpfer für Frieden und Freiheit, für Sozialismus und Demokratie.

Ein solches Geschichtsbuch kann, in des Wortes zweifachem Sinn, laufend gelesen werden. Wer an den Gräbern innehält, wer die (möglicherweise fremden) Namen und kurzen Daten liest und daheim im Bücherschrank oder in einer Bibliothek nachschaut, vermag zahlreiche Lebensgeschichten kluger und mutiger Menschen zu entdecken.

Wie alljährlich kamen auch an diesem zweiten Sonntag im Januar Zehntausende Menschen – Parteilose und Mitglieder sehr unterschiedlicher linker Organisationen – zur Gedenkstätte. Für die Partei DIE LINKE legte ihr Vorsitzender Lothar Bisky einen Kranz nieder.

Dass erneut Vertreterinnen und Vertreter der Partei der Europäischen Linken, deren Vorstand in Berlin beriet, sich an der Veranstaltung beteiligten – auch dies ist bereits zu einer kleinen, schönen Tradition geworden. Auf seiner Tagung sprach sich der EL-Vorstand für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes in allen europäischen Ländern aus. Eine entsprechende Erklärung wurde nach einer breiten Diskussion, an der ver.di-Chef Frank Bsirske teilnahm, verabschiedet. Wo es noch keinen Mindestlohn gibt, soll er mindestens 50 Prozent des Durchschnittseinkommens im jeweiligen Land betragen.

Wer nach Berlin-Friedrichsfelde kommt, schaut zurück, um Kraft für Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Dieser einzigartige Ort erweist sich Jahr für Jahr als ein zuverlässiger Platz, um Freunde und Gleichgesinnte zu treffen. Auch in diesem Sinne: Auf Wiedersehen, bis (spätestens) zum 11. Januar 2009!

Das Wetter meinte es an diesem 13. Januar 2008 besonders gut. Viele waren von weither angereist – und haben es nicht bereut.