Disput

... und kein bisschen leise

Zum »80.« von Hans Modrow

Von Heinz Vietze

»Ich wollte ein neues Deutschland« ist der Titel der Autobiografie von Hans Modrow. Wer dies nur auf die Ereignisse von 1989/90 bezieht, wird Hans Modrow nicht gerecht. Er war und ist ein Mensch mit der Vision von einer gerechten Gesellschaft, in der nicht die einen auf Kosten der anderen leben. Diese Vision hat er 1949, als er 21jährig aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Diese Vision lässt er sich 1989 nicht nehmen, als die DDR zusammenbricht und er als letzter Vorsitzender des Ministerrates der DDR die »Regierung der nationalen Verantwortung« bildet und die friedliche Wiedervereinigung gestaltet. Diese Vision vom solidarischen Miteinander hat er heute noch.

Sechs Jahrzehnte lang hat Hans Modrow hartnäckig und lange Jahre in herausgehobener Position für eine gerechte Gesellschaft gestritten und ist so immer wieder in Situationen gekommen, wo ihm Verantwortung und Entscheidungen abverlangt wurden.

Am 27. Januar 1928 geboren, erlebt er als Jugendlicher im Volkssturm das Kriegsende und gerät in sowjetische Gefangenschaft. In dieser Zeit besucht er eine »Antifa-Schule« und setzt sich nach seiner Rückkehr in Deutschland aktiv für den Aufbau eines neuen Deutschland ein. Als gelernter Maschinenschlosser nutzt er die Chancen, die die neue Zeit ihm bietet. Er bildet sich weiter, besucht die Komsomol-Hochschule in Moskau, die Parteihochschule in Berlin, studiert an der Hochschule für Ökonomie »Bruno Leuschner« und promoviert. Schon bald arbeitet er hauptamtlich und in Führungspositionen in FDJ und SED.

Hans Modrow eignet sich einen konsequenten Arbeitsstil an, ist fleißig und genau, ein Mann, den viele achten und dem viele vertrauen. Er redet nicht daher, sondern weiß, was er sagt. Seine besondere Art, schwierige Dinge abzuwägen, wird nicht immer honoriert. Er ist ein feinfühliger Mensch, direkt, aber fair. Auch nach 1967 als Mitglied des Zentralkomitees ist er derjenige, der Menschen gewinnen kann und mitnehmen will. Als Sekretär der Bezirksleitung von Berlin versucht er an der Seite von Werner Lamberz, Agitation und Propaganda nicht als ideologische Keule, sondern als Chance zur Meinungsbildung und offenen Diskussion zu begreifen.

1973 wird ihm mit dem Amt des 1. Sekretärs der Bezirksleitung Dresden vom Politbüro des ZK der SED eine anspruchsvolle Aufgabe übertragen. Die politische Führung der DDR hält ihn dennoch aus dem inneren Machtzirkel fern. Das macht ihn zu Zeiten von Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion zum Hoffnungsträger in der DDR. Er nimmt diese Rolle an und 1989 noch einmal Anlauf für ein neues Deutschland. Er will nach Jahren der Stagnation die sich eröffnende Chance nutzen. Seine besondere Rolle im Wendeherbst besteht darin, dass er als Mitinitiator des Dresdner Dialogs mit der »Gruppe der 20« als einer der ersten mit Regierung und Opposition gleichermaßen spricht. Er beteiligt Vertreter des Runden Tisches an der »Regierung der nationalen Verantwortung«.

Hans Modrow lässt sich nicht treiben, er bringt die Dinge selbst voran. Er denkt eigenständig und ist initiativ, zunächst für die Idee des Zusammenschlusses zweier souveräner Staaten. Als dies nicht realisierbar ist, ebnet er in Moskau den Weg für das Konzept »Für Deutschland einig Vaterland«.

In den Verhandlungen mit Kohl ist er als Vorsitzender des Ministerrates der DDR deutlich in der schwächeren Position. Unterstellungen, er hätte schlecht verhandelt, sind unzutreffend. Durch den wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch ist die DDR kein wirklich souveräner Staat mehr und wird so zum machtpolitischen Spielball. Schon bald geriert sich Helmut Kohl als »Einheitskanzler«.

Hans Modrow will die Konsequenzen ziehen und zur Volkskammerwahl 1990 nicht mehr antreten. Nur dem hartnäckigen Werben, unter anderem von Gregor Gysi, ist es zu verdanken, dass er sich anders entscheidet. Die damalige Doppelspitze Gysi-Modrow eröffnet der PDS eine politische Perspektive im wiedervereinigten Deutschland.

Exemplarisch ist seine Zivilcourage. Ich erinnere mich an den 15. Januar 1990, als versucht wird, die Stasizentrale zu stürmen. Ich weiß nicht, wer noch in dieser Situation den Mut und die Entschlossenheit aufgebracht hätte, sich vor die aufgebrachten Bürger zu stellen und mit ihnen zu reden.

Hans Modrow ist international anerkannt. Seine langjährigen persönlichen Kontakte zu Politikern unter anderem in Japan, in den einstigen Sowjetrepubliken oder in Lateinamerika sind nicht nur der PDS zugute gekommen. Als Ökonom hat er einen rationalen Zugang zu den Entwicklungen in den Ländern. Zu den einstigen Partnern kamen immer wieder neue.

Hans Modrow ist ein durch und durch politischer Mensch. Nach seiner aktiven Politikerlaufbahn profiliert er sich als das politische Gewissen der Partei, vor allem in seiner Zeit als Ehrenvorsitzender. Er macht mit der ihm eigenen Art nicht nur deutlich, wo er Probleme sieht, sondern zeigt Handlungsoptionen auf – in der Auseinandersetzung mit politischen Konkurrenten und innerhalb der Partei. Das ist nicht immer bequem, regt manchen auf, aber auch zum Nachdenken an.

Hans Modrow ist ein Mann der Tat. Und damit ist eigentlich alles gesagt.

Heinz Vietze ist Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Landtagsabgeordneter in Brandenburg.