Disput

Gegen Armut hilft nur Geld!

Bremer LINKE organisierte »Armutskonferenz«

Von Christoph Spehr

Hartz IV ist ein Witz! Davon konnten sich die über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der »Armutskonferenz«, zu der die Bremer Bürgerschaftsfraktion DIE LINKE am 7. Juni eingeladen hatte, selbst überzeugen. Zum Mittagessen gab es das »Menü Sarrazin«. Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hatte im vorigen Jahr nachweisen wollen, dass man sich mit den täglich 3,73 Euro, die Hartz IV für Essen vorsieht, »gesund und vollständig ernähren kann«. Er veröffentlichte einen Speiseplan, der jetzt auf der Konferenz nachgekocht wurde: Bratwurst, Sauerkraut, Kartoffelbrei. Das Ergebnis: Von den 300 Portionen, die gekocht wurden, wurden gerade mal die gut 200 Konferenzteilnehmer satt.

Gegen Hunger hilft eben nur Essen, gegen Armut hilft nur Geld. Und das ist so ungleich verteilt wie noch nie. »Wer den Reichtum nicht antasten will, der wird auch die Armut nicht bekämpfen können«, sagte der Armutsforscher Christoph Butterwegge von der Uni Köln unter großem Applaus. Die Armut der einen macht den Reichtum der anderen – und umgekehrt. So wie es im Kongress-Motto hieß: »Armut Macht Reichtum«.

In Bremen wachsen 30 Prozent der Kinder in Armut auf, in Bremerhaven sogar 40 Prozent. Wer im reichen Stadtviertel Borgfeld lebt, der lebt im Schnitt acht Jahre länger als jemand, der im deutlich ärmeren Tenever lebt. Still wurde es im Saal, als Gerd Wenzel vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Bremen darstellte, wie viel Armut es in der Hansestadt heute gibt. Still war es auch, als die Bremer Schauspielerinnen Cornelia Petmecky und Erika Spalke Texte über Kinderarmut vortrugen.

Aber die Politik wischt alle Forderungen nach mehr Geld für die Armen mit dem Argument vom Tisch, der Staat hätte kein Geld. Kein Wunder, zahlen doch die Reichen immer weniger Steuern! Die Sparpolitik, die dabei herauskommt, sei »unterlassene Hilfeleistung« für die Armen, hieß es bei der Vorstellung der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen. Mehr Schulden zu machen, um Armut zu bekämpfen – das zu fordern hatte sich in Bremen nur DIE LINKE getraut. Dabei geht es nicht allein ums Geld. Arbeitslosigkeit macht kränker als Rauchen oder Alkohol. Einsamkeit auch. Gerade die Netzwerke in den Stadtteilen, die Basisprojekte vor Ort, die Unterstützung von Selbsthilfe und Beratung wären wichtig. Das führte Joachim Barloschky, Quartiersmanager in Tenever, in der Arbeitsgruppe »Sozialraum« aus. Aber genau dafür gibt es in Bremen immer weniger … was? Genau: immer weniger Geld!

Dagegen kann man sich nur gemeinsam organisieren. Das Wichtigste an der Armutskonferenz waren deshalb die Arbeitsgruppen, in denen engagierte Betroffene, Beschäftigte und Interessierte sich austauschten – zu Themen wie »Armut und Alter«, »Armut und Gesundheit«, »Armut und Frauen« oder »Armut und Flüchtlinge«. Fast alle Arbeitsgruppen wollen sich wieder treffen und gemeinsam herausarbeiten, wo überall der Schuh drückt und was dringend geschehen muss.

Einer der Vorschläge, die immer öfter gemacht werden, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Der Gedanke: Jede und jeder soll Anspruch haben auf ein Einkommen, von dem man gut über die Runden kommt und sicher ist vor Armut – unabhängig davon, ob er oder sie Arbeit hat oder nicht, Rentenansprüche hat oder nicht, mit wem man zusammenlebt oder wie alt man ist, ohne Schnüffelei und ohne Zwangsarbeit.

Peter Erlanson, der Fraktionsvorsitzende der LINKEN in der Bürgerschaft, zitierte den revolutionären Dichter Bert Brecht:

»Und die einen steh’n im Dunkeln
Und die andern steh’n im Licht
Und man sieht nur die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.«

Allerdings: Die »im Lichte« stehen, sprich: richtig reich sind, die sieht man auch nicht. Darauf wies Werner Hegelin in der Arbeitsgruppe »Armut und Reichtum« hin. Seit die Reichen keine Vermögensteuer mehr zahlen (vor elf Jahren abgeschafft!), gibt es nicht einmal mehr eine vernünftige Statistik über sie. Deshalb lassen Bremer Reiche ja ihre Wohnungen von Hamburger Innenarchitekten einrichten: Damit’s keiner so genau weiß …

Zum Erfolg der Armutskonferenz haben viele bereits im Vorfeld beigetragen. Das gilt auch für jene Bremer Armen und Obdachlosen, die bereit waren, dem Kurzfilm zur Konferenz ihr Gesicht zu leihen (zu sehen auf YouTube unter »Armutskonferenz«). Sie und ihre Kollegen sowie Kolleginnen lädt die Bremer Linksfraktion am 29. Juli 2008 um 12 Uhr in das Bremer Büro des Bundestagsabgeordneten Axel Troost (Doventorstraße 4) ein, zur Filmvorführung mit Essen. Danke!