Disput

Politik auf der Insel

Neuer Roter Felsen: DIE LINKE auf Helgoland

Von Konstanze Kriese

Wie kamen die Parteien auf Helgoland? Darüber erzählt man sich auf der Hochseeinsel eine eigenwillige Geschichte. Helgoland war abwechselnd dänisches, deutsches und englisches Hoheitsgebiet, Pirateninsel, Anziehungspunkt für Künstler, Seebad schon im 19. Jahrhundert. Trotzdem versenkten die Engländer am Ende des Zweiten Weltkrieges und durch weitere militärische Nutzung nach 1945 vorübergehend jedwede Lebensfähigkeit auf der Insel im Bombenschutt.

James Krüss, der später als Kinderbuchautor bekannt wurde, war damals Sprecher der in Büsum und Pinneberg lebenden ehemaligen Helgoländer Familien. In einem offenen Brief an den englischen Militärgouverneur Brian Robertson, der die Festung Helgoland als Sicherheitsrisiko Europas bezeichnet hatte, schrieb er: »Ich bin überzeugt, dass es auch andere Wege als den der Zerstörung gibt, um den Missbrauch einer Insel zu kriegerischen Zwecken zu verhüten, einer Insel, deren Wert für die Schifffahrt, für die Wissenschaft und für die Erholung Tausender Kranker auch Sie, Herr General, werden bestätigen müssen!«

Erzählt wird von mehreren abenteuerlichen Besetzungsaktionen durch junge Menschen um 1950/51, die damit vor allem Symbole für die friedliche Nutzung der Insel setzten. Zwei Heidelberger Studenten hissten über die Weihnachtsfeiertage 1950 die Helgoländer, die deutsche und die Europaflagge und verbrachten den Jahreswechsel alleine zwischen den Trümmern. Die waren wohl das Initial für den baldigen Rückzug der einstigen Helgoländer. Das britische Militär beendet die Inselverwüstung. 1952 wurde Helgoland zurückgegeben.

Als das Leben über das Grauen seinen Platz zurückeroberte, geschah dies ganz praktisch. Fischer, Handwerker, Händler, Wirte kehrten zurück auf die kleine Insel am roten Felsen, deren rotsteinige Substanz den Sprengungen getrotzt hatte. Die skeptische Generation war auf Helgoland voll und ganz mit dem Aufbau einer lebendigen kleinen Gemeinde beschäftigt. Als dauerhaft bewohnbar galt die Insel erst um 1956.

Plötzlich inmitten der friedlichen Wiederbesiedelung, es war 1957, fanden Wahlen statt. Zur Wahl konnten sich nur Mitglieder von Parteien stellen. Doch die hatte man in der geschäftigen Wiederbesiedlung bisher vergessen zu gründen. Die Sachfragen der Gemeindeentwicklung ließen sich offenbar auch ohne Parteien lösen. Für die Überschaubarkeit zwischen Ober-, Mittel- und Unterland, Lummenfelsen und Badedüne und den Interessenausgleich dazwischen reichte es offenbar vollauf, Helgoländer zu sein. Was nun?

So soll es sich zugetragen haben, dass bei der Wirtin der Fischer, ein Handwerker, die Besitzerin des Frisiersalons und einige andere den Winterabend saßen und überlegten, wie und wen die Helgoländer denn nun wählen könnten. Dabei wurde kurzerhand festgelegt: Du Fischer gründest die SPD. Du Wirtin bist unser Anfang der CDU. Chefin der Schönheit, mach uns hier mal eine FDP… So sollen die Parteien der alten Bundesrepublik auf Helgoland gekommen sein. Egal wie viel Seemannsgarn um diese Geschichte gewickelt wurde, die Gemeindeprobleme der einmaligen Insel sind bis heute sehr existenziell und verlangen in der Kommunalpolitik einen Politikstil, der weder verschlossene Türen kennt noch die Scheu vor gemeinsamen Problemlösungen ewiglich ertragen kann.

Der Zeitensprung in die Gegenwart zeigt folgendes Bild. Helgoland hat – wie die ganze neue Bundesrepublik – eine neue Partei: DIE LINKE. Mit zwei Sitzen ist sie seit dem 25. Mai 2008 im Gemeinderat vertreten. Mit 16,1 Prozent bekam DIE LINKE ein sensationelles Ergebnis.

Wenn der Spaßfaktor bei unseren Genossinnen und Genossen auf Helgoland durchaus hoch ist, so sind sie doch gerade mit großer Ernsthaftigkeit an den Aufbau der LINKEN gegangen. Lothar Bisky war mitten im Wahlkampf gemeinsam mit Antje Jansen, der Landesvorsitzenden, und unserem Spitzenkandidaten für den Kreistag in Pinneberg, Claus-Peter Matetzki, auf der Insel und lernte dort einen gänzlich neuen Maßstab des Parteiaufbaus kennen. Vor einem Jahr wurde DIE LINKE auf Helgoland gegründet. Jetzt sind 14 Mitglieder dabei, die Wirtin aus dem »Windjammer« gleich mit. Das sind soviel wie ein Prozent der Inselbewohner. Auch wenn das in den letzten Wochen schon ab und an in der ganzen großen Partei, die sich gerade auf bayerische Wochen in Berlin und einen heißen Wahlkampf in Bayern einstellt, erzählt wurde, so müssen diese Fakten hier um eine charmante Begebenheit ergänzt werden. Am 16. Mai – mitten im überraschend sichtbaren Wahlkampf der LINKEN – wurde der Helgoländer Thorsten Falke das tausendste Mitglied im Landesverband. Doch Helgoländer erwarten nicht nur, dass der Vorsitzende der Europäischen Linken und Parteivorsitzende die neue Mitgliedskarte überreicht. Sie machten Lothar Bisky im Gegenzug zum Ehrenmitglied des Ortsverbandes. Da wir schon oft gehört haben, dass Lothar Bisky den Wind seiner schleswig-holsteinischen Jugend vermisst, war seine Freude entsprechend, mit dem Helgoländer frischen Wind und der neuen Mitgliedskarte von den Insel-LINKEN gestärkt abzureisen.

Vom Roten Felsen in der Brandung, von der Langen Anna, ist schon viel berichtet, gefilmt und gesungen worden. Leider scheint es sicher, dass sie ihr Überleben in Liedern, Geschichten und den traumhaften Fotos von Franz Schenksy wird sichern müssen. Die tapferen Geologen sind ratlos, gerade weil sie wissen, die Schönheit des Felsens wird ihre Zeit haben.

Da ist ein wachsender und quirliger Roter Felsen in der Brandung, die neue LINKE auf Helgoland, doch schlicht ermutigend. Und so klein die Insel ist, so ungewöhnlich sie auch liegt, so seltsam sie den Besuchern erscheint, so tief die Bewohner mit ihr verwurzelt sind, in einem ist sie großartig: Sie zwingt zu einer bodenständigen, linken Politik, und sie hat zugleich etwas, wonach in der modernen Medienwelt immer so eifrig gesucht wird – schöne Geschichten und Symbolkraft.

Nun hat es die Helgoländer LINKE in ihrer Gründung gleich geschafft, die Wirtin mitzureißen, sich selbst den Menschen auf der Insel zur Debatte anzubieten, oft im »Windjammer«, jetzt im Sommer auch im Café »Eis mal anders«. Da treffen sich Menschen aus verschiedensten Berufen, politischen Erfahrungen und Vorstellungen. Heraus kam ein Kommunalwahlprogramm, in dem soziale Gerechtigkeit und friedliche Entwicklung ganz nah und ganz einfach erscheinen. Was ist den Helgoländer LINKEN wichtig?

Die Aufwertung der Börte (dem traditionellen Anlandungsdienst), Zuschüsse für Schüler, deren Bildungsangebote nur auf dem Festland möglich sind, eine sensible touristische Weiterentwicklung, die Gründung eines Kegelrobbenclubs und die Anschaffung eines Glasbodenbootes für die Entdeckung der Unterwasserwelt rund um Helgoland … Solch Klarheit kommt nicht wie ein Geist aus der Flasche. Dazu muss man die Entwicklungsmöglichkeiten der Insel aus ihren Problemen herausschälen und zwar gemeinsam mit allen, die auf Helgoland wohnen. Normalerweise würde man es ja nicht gut finden, wenn jemand das Ausbooten anderer für eine gute Sache hält.

Doch auf Helgoland ist auch das anders. Da sichert das Ausbooten der Schiffe im Seebadverkehr Arbeits- und Ausbildungsplätze. Es gehört zur Identität der Bewegungen hin und weg zur Insel. »Das Ausbooten ist und bleibt ein einmaliges, nur auf Helgoland erlebbares Ereignis«, so sieht es unser Ortsverband. Unsere »Neuen« im Gemeinderat, Gerwin Bastrup und Uwe Menke, sind ja auf der Straße, im Ober- und im Unterland, selbst noch im verbindenden Fahrstuhl alte Bekannte für viele auf der Insel, selbst für manche Tagestouristen. Nun steuern sie mit ihren Anliegen direkt auf alle Reedereien zu, damit die Punkte aus dem Wahlprogramm in der Debatte bleiben und Wirklichkeit werden. Das Direkte, das Geradeaus-Politikmachen, transparent und einladend, immer entlang an den Ideen und Sorgen, die die Leute beschäftigen, das ist der Helgoländer Stil, und er verdient, viel Nachahmung auf dem Festland zu finden. Doch da folgt leider ein dicker Pferdefuss. Wie kommen die Helgoländer Genossinnen und Genossen zu ihrem Kreisverband Pinneberg, der natürlich das Wachstum, die sprudelnden Ideen und die handfeste Art als dauerhafte Bereicherung gut vertragen kann? Wie lassen sich Mitbestimmungsrechte, Wahlen durchführen, wenn der Weg von der Insel für politisches Engagement zu teuer und auch ein zeitliches Fiasko ist? Der Kreisverband will auf seine Helgoländer Kometen nicht verzichten. Er braucht die Stärkung, und man kann es nachvollziehen. Doch die Hohe See macht einen kühlen Strich durch die Rechung und lässt die Idee vom eigenen Kreisverband nicht ruhen. Das Problem ist echt, und keine Lösung macht so richtig glücklich. Vielleicht sollte man ein Entscheidungskriterium suchen, das außerhalb der LINKEN liegt?

Was ist für das Erleben einer engagierten LINKEN die beste Lösung? Eine Landespartei, die voneinander lernt, mit Wählerinnen und Wählern auch nach dem Wahltag im Gespräch ist. Besondere Situationen brauchen besondere Lösungen.

Helgoland verdammt niemanden zu einer fest sitzenden kommunalpolitischen Brille. Als Lothar Bisky im Mai im Musikpavillon an der Landungsbrücke zur Wahl der LINKEN aufrief, da waren wir in der Mittagszeit mit Geologinnen und einem Biologen unterwegs, gemeinsam mit den Genossinnen und Genossen des Ortsverbandes. Und mir nichts dir nichts waren wir mitten in mehrdimensionalen Diskussionen. Was macht Parteien für Frauen interessant? Wie kommen alle zu einer guten Bildung? Warum verlangt das EU-Recht von den Helgoländer Fischern, ihre Boote so auszustatten, als ob sie morgen nach New York auslaufen wollten? Wir kann man eine angemessene Arbeitslosenunterstützung für immer wiederkehrende Saisonarbeit gestalten, ohne stets beim ALG II zu landen?

Helgoländer haben begonnen, eine gute Kommunalpolitik zu entwickeln, doch der politische Horizont ist europäisch und mit deutlichen Ansagen an eine sozial gerechtere Bundespolitik, an ein dringendes Ende von Aufrüstungslogik verbunden.

Linke Politik auf der Insel hat eben einen eigenen und einzigartigen Weitblick. Und wir haben den Beweis angetreten, dass es auch 2007 sinnvoll und erfolgreich ist, auf Helgoland eine Partei zu gründen.

konstanze.kriese@die-linke.de