Disput

Unüberwindlich

Feuilleton

Von Jens Jansen

Ein ausgedienter deutscher General, der seit der Einnahme der DDR an der Ostfront kämpft, hat ein feines Gespür für »hinhaltenden Widerstand von links«. Deshalb wetterte General a. D. Schönbohm unlängst im »Tagesspiegel«: »Ich stoße im Osten nach wie vor auf eine tiefsitzende Ablehnung unseres marktwirtschaftlichen Systems!«

Sein Lagebericht sagt etwa dies:

Fast 20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es noch immer zwei Gesellschaften in Deutschland. Schuld sind die 40 Jahre »Rotlicht-Bestrahlung« und »das Fehlen von bürgerlichen Eliten« im Osten. So wird nun »Marktwirtschaft« mit »Existenznot« gleichgesetzt, was auch mit Fehlern der Vereinigung zu tun hat. Dies führe zu einer Distanzierung von Staat und Demokratie, die von den Ostdeutschen auch auf ihre Kinder übertragen wird. Die Verherrlichung der DDR sei unter anderem an Straßennamen wie Clara Zetkin und Karl Marx erkennbar.

Nicht, dass man zwischen Alpen und Nordsee etwas gegen Traditionspflege oder Heimatverbundenheit hätte. Im Gegenteil! Was da an Geld und Geduld investiert wird, um die Erinnerungen an den depperten König Ludwig, an die selbstbewusste Prinzessin Sissi, an den eisernen Kanzler Bismarck, an die Panzerkreuzer von Kaiser Friedrich oder den Berghof des Führers wachzuhalten, das ist schon ganz erstaunlich. Aber das waren eben alles keine »Linken«!

Nun wäre Ex-General Schönbohm von der CDU kein Feldherr, wenn er nicht sofort eine Gegenstrategie gegen die »Ostalgie« entwickelt hätte. Etwa so:

Erstens: Entlastungsangriff zur Ehrenrettung der Marktwirtschaft.

Erschwerte Bedingung: DGB-Chef Sommer erklärt, dass viele Unternehmer im Osten glauben, »nach dem Realsozialismus sei nun der Brutalkapitalismus an der Reihe«. Die Bildung von Betriebsräten wird hintertrieben. Tarif- und Mindestlöhne werden verweigert. Die Einkommen sinken. Die Preise steigen. Da fehlt eine »schnelle Eingreiftruppe«, zumal auch im Westen eine Mehrzahl der Bürger – bis zum Chef der Deutschen Bank, Ackermann – das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes verloren haben!

Zweitens: Flächendeckendes Trommelfeuer zur Liquidierung aller idealisierten DDR-Erinnerungen.

Problem: Hier geht es vorrangig um Gefühle wie die vielzitierte »Nestwärme« im Sozialismus. Derlei ist aber bei den Übungen auf den Schießplätzen schwer darstellbar. Die Trefferquote wäre daher äußerst gering.

Operative Schlussfolgerung: Flächendeckendes Feuer mit Stinkbomben vom Typ »Birthler«, bis die Bevölkerung im Einsatzgebiet schwört, niemals von der DDR, ihren Mieten, Fahrpreisen, Kitaplätzen und sonstigen Gegebenheiten gehört zu haben.

Drittens: Durchbrechung der Informationsnetze zwischen Eltern und Kindern, die der Weiterleitung geschönter Erfahrungen im Besatzungsgebiet dienen.

Problem: Kinder hängen an ihren Eltern.

Lösung: Die Eltern müssen an Großdeutschland hängen! Das erprobte Mittel der Autoparaden mit Nationalflagge darf nicht nur zu Fußballmeisterschaften eingesetzt werden, sondern auch zum Sackhüpfen, zum Valentinstag und zum Geburtstag der Kanzlerin.

Viertens: Einsatz von Sprengtrupps zwecks Abriss jener Straßenzüge mit den Namen linker Urahnen.

Problem: Straßen mit großen Namen wurden weitgehend in Schuss gehalten.

Lösung: Reservisten der Treuhand verscherbeln diese Wohnviertel an amerikanische Immobilienhändler. Die richten dann alles friedlich zugrunde.

Vergatterung für jeden Truppenappell in Ostdeutschland:

Der Kapitalismus ist die beste aller Welten. Hier kann jeder Tellerwäscher Millionär werden, sobald er Spülmaschinen produziert! Hier bringen auch verlorene Schlachten märchenhafte Gewinne an der Börse. Hier fließt selbst aus Wasser- und Stromleitungen Gold in die Tresore. Alle Welt tanzt um dieses Goldene Kalb. Wir sind Papst, wir sind Dalai Lama, wir sind Deutschland!

Interner Hinweis an die Ausbilder: Wer vor knapp zwei Jahrzehnten Kerzen für die Befreiung geschwenkt hat, darf jetzt nicht weinen, wenn die Kerzen abgebrannt und die Finger angebrannt sind. Die Wirklichkeit ist immer anders als das Werbefernsehen. Und wenn schon Nostalgie, dann bitte nicht 40 Jahre, sondern 80 Jahre zurück, wie das in Deutschland flächendeckend geschieht.

Ex-General Schönbohm ist als Brandenburgs Innenminister derzeit unterwegs, um Spenden für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonskirche zu sammeln, weil dort 1933 der alte General Hindenburg dem tapferen Gefreiten Hitler die Hand reichte und ihn damit für alle Weitermarschierer salonfähig machte.

Wenn Sie ihn in Potsdam treffen sollten, zögern Sie nicht, einen Zehner in seine Büchse zu werfen! Er sorgt dafür, dass das Geld in die rechten Hände kommt.