Disput

Die Sache mit dem »Heimspiel«

Vor seinem Wahltag: Harry Rußbült, Bürgermeister der Kleinstadt Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt

»Auch Heimspiele kann man verlieren.« Die Möglichkeit, nicht wiedergewählt zu werden am 30. März, schließt Bürgermeister Harry Rußbült keinesfalls aus; das gehört einfach zum nüchternen Blick. Aber von guten Chancen, von verlässlicher Arbeit und also einem Amtsbonus, von solcher Art »Heimspiel« ist schon zu reden.

Zwischen Dessau, Wittenberg und Bitterfeld hat Gräfenhainichen in DDR-Zeiten im Rang einer Kreisstadt gelebt. Kohleabbau, Kraftwerk und Kombinate in der Region ernährten den Großteil seiner Bevölkerung. Heute zählt das Städtchen 7.950 Leute. Manche finden Beschäftigung in einem der zahlreichen kleineren Folgeunternehmen, viele pendeln nach außerhalb, viel zu viele sind ohne Arbeit. An eine Investorenfee ist hier nicht zu denken.

Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Harry Rußbült in und bei Gräfenhainichen. Er war Schlosser, Pionierleiter, FDJ-Funktionär, besuchte die Parteischule und befand sich auf einem vorbestimmten Kaderweg, bis im Herbst ’89 alles ganz anders kam. Mitte November wurde er an einem Vormittag zum 1. Sekretär der Kreisleitung gewählt, am Nachmittag sprach der neue (und, was er damals nicht ahnen konnte: letzte) SED-Kreischef zu 5.000, 6.000 »Sonntags-Demonstranten« und spürte, wie er es in der Rückschau freundlich beschreibt, »nicht nur Ablehnung«.

Rußbült warf nicht das Handtuch, er blieb in der sich erneuernden PDS und erneuerte sie mit, er wollte sich nicht wegducken – weder von seinen sozialistischen Idealen noch vor den kapitalistischen Herausforderungen. Für seine Partei ging er 1990 lernend in den Stadtrat. Das Kräfteverhältnis war klar und eindeutig: Insgesamt 17 Abgeordnete von CDU und SPD gegen drei von der PDS: »Wir brachten uns ein – und wurden verlacht.«

Die aktuelle Statistik verzeichnet im Stadtrat neun Sitze für die CDU, drei für die SPD, einen für die FDP – und sieben für die LINKE!

Bei der Kommunalwahl 1999 erhielt Harry Rußbült die meisten Stimmen aller Kandidaten und kurz darauf die nett gemeinte Anfrage eines älteren Genossen, ob er sich denn nun nicht vorstellen könnte, bei der nächsten Bürgermeisterwahl für die Partei anzutreten. »Damals hat es Klick gemacht.« Am 20. Mai 2001 – an seinem 50. Geburtstag – setzte er sich in der Stichwahl mit 62 Prozent gegen den CDU-Bewerber durch, ein weiterer Lernabschnitt begann.

Wie dieser Umschwung in der Stadt-Meinung zu erklären ist? Harry Rußbült verweist zu allererst auf kontinuierliche Arbeit. Den in der Anfangszeit teilweise hysterischen Stil der anderen wollte seine Fraktion nie mitmachen; sie versuchte, sich ausschließlich sachlich einzubringen, nur so hätte sie ernst genommen werden können. »Ich darf nicht das Motiv haben, von Hause aus Opposition zu sein – ich bin für etwas!«

Selbstverständlich, bis zur Normalisierung im Stadtrat dauerte es. Und nicht selten ging der Abgeordnete Rußbült wütend oder entsetzt nach Hause. »Einmal hielt mir einer vor: ›Du mit Deiner Sozialduselei!‹. Der hatte nichts begriffen! Das Wichtigste in der Kommunalpolitik ist die Liebe zur Stadt und die Einstellung zu den Menschen. Alles andere – wie Kenntnisse von Gesetzen und Parlamentsabläufen – lässt sich erlernen. Und lernen kann man, wie man damit umgeht, wenn man sich mit seiner Meinung nicht durchsetzen kann.«

Kommunalpolitisch wirkt Harry Rußbült seit bald 20 Jahren, erst als »gewöhnlicher« Abgeordneter, seit Jahren als Stadtoberhaupt. Heißt das: auf der anderen Seite der »Barrikade«? Er verneint es nicht. Er sei Bürgermeister aller, da könne Parteipolitik im Rathaus nicht die Rolle spielen; sonst wäre er angreifbar.

Zweifellos braucht er die kritische Sicht seiner Genossinnen und Genossen, diskutiert er regelmäßig in Fraktionssitzungen seiner Partei über Wege und Ziele. Aber außergewöhnlich war für ihn nicht, auch der CDU anzubieten, mal in deren Fraktion Rede und Antwort zu stehen (was die freilich nicht wollte). Es gehe ihm schließlich um die Kommune.

Seine beschreibt er als »kleine Stadt mit großer Abwechslung«, verbunden mit Industriegeschichte, Kulturhistorie und Naturpark, ausgestattet mit einer günstigen Infrastruktur – von der Kinderkrippe bis zum Seniorenklub, mit Gymnasium, solider ärztlicher Versorgung, Bibliothek und 40 Vereinen. Materiell, meint der Rathausmann, gäbe es hier keine extremen Nöte. Woran es mangelt, das seien Perspektiven für Beruf und Entwicklung.

Seine Zukunft geht Gräfenhainichen mit Energie an, zielgerichtet mit eigener. Nach langen Diskussionen beschloss die Stadt im März 2005 ein Konzept mit dem anspruchsvollen Titel »Stadt mit neuer Energie«: Energie sparen, eigene Ressourcen erschließen und einen Mix aus Energieformen sichern. Oberstes Ziel: Die Energie soll für Bürger/innen und Gewerbe bezahlbar bleiben. Zwei neue Häuser mit je 14 Wohnungen nutzen Erdwärme. Die Wärmekosten sind wesentlich günstiger als in Plattenbauten, so dass die Gesamtmiete, trotz gestiegener Kaltmiete wegen des größeren Komforts, nicht höher ist. Im Rahmen des Stadtumbaus Ost wurde das Projekt prämiert. Hingegen muss das Bio-Blockheizkraftwerk wohl länger auf Anerkennung warten: Die Preise für Palmöl, mit dem es betrieben werden soll, haben sich in kürzester Frist verdoppelt – das Kraftwerk steht still. Nun will die Stadt die Landwirte in der Region für eine Partnerschaft gewinnen. Das könnte bedeuten: Die Bauern liefern Rapsöl zu Vorzugspreisen und bekommen im Gegenzug Rapskuchen – der bei der Herstellung von Rapsöl anfällt und als hochwertiges Viehfutter gilt – zu günstigen Konditionen. Ob und wie diese Rechnung aufgeht, prüft die Hochschule Anhalt, das Resultat wird demnächst vorliegen. Im Umkreis von zehn Kilometern wäre für die Energieversorgung genügend Biomasse vorhanden. Auf keinen Fall will Gräfenhainichen sich einseitig orientieren, vordergründig nach »Fördertöpfen« schielen und jede »Mode-Erscheinung« mitmachen. Deshalb die Suche nach einem sinnvollen Energiemix. Zu dem könnte selbst das Reisig aus dem Stadtwald beitragen, ohne dessen nachhaltige Entwicklung zu gefährden.

Von ihrem Energiekonzept berichtete Rußbült im bayrischen Neuburg an der Donau; er tat es mit dem angenehmen Gefühl, Erfahrungen auch mal in die andere Richtung fließen zu lassen.

Zu Bürgermeisters Grundsätzen gehört: Die kommunalen Wohnungen werden nicht verkauft. Bei einzelnen CDU-Abgeordneten mag es derartige Vorstellungen geben, bei Rußbült haben sie keine Chance: Kurzfristigen finanziellen Entlastungen stünden langfristige negative Auswirkungen gegenüber. Anders bei der beliebten Schwimmhalle, die trotz ihrer finanziellen Verluste nicht geschlossen werden sollte. Die Stadt hat die Halle (samt einem jährlichen Zuschuss) einem Betreiber (einem Wasserversorger) übergeben – für die Zusage, die Eintrittspreise stabil zu halten. Der Stadt erspart diese »kommunalpolitische Meisterleistung«, als die sie der Bürgermeister bewertet, jährlich 100.000 Euro.

Der ehemalige Kurzzeit-Parteisekretär setzt sich für das Erbe von Paul Gerhard, dem berühmtesten Sohn der Stadt und einem der bedeutendsten Kirchenlieddichter, ein. Dessen lebensbejahendes »Geh’ aus mein Herz und suche Freud ...« scheine auch ihm ein brauchbares Motto zu sein.

Morgens gegen sechs zieht Rußbült seine Bahnen, 1.500 Meter krault er im Hallenbad. »Wenn’s voll ist, schwimm ich auch zick-zack.« Als Ausgleich zu den Amtsgeschäften dienen ihm zudem Computer, Gesang und Gitarre. Mit Lust und Anspruch. In einem Berliner Fachgeschäft ließ er sich für zwei Stunden einschließen, um sich ungestört die beste Westerngitarre auszusuchen. Meist musiziert er daheim und im kleineren Kreis. Anders am 6. Oktober 2007. Die Vorgeschichte dazu forderte den erfahrenen Politiker auf eine neue Weise: Eines Tages flatterte die Anmeldung für einen NPD-Aufmarsch auf den Rathaustisch. Was tun? Der Bürgermeister wandte sich an alle Vereine, demokratischen Parteien, Verbände. Gemeinsam stellten sie eine Gegenveranstaltung auf die Beine: »Wir sind bunt, nicht braun«. 500 kamen, es wurde eine wichtige Erfahrung für alle, und Rußbült stand auf der Bühne und sang Hannes Waders: »Gut, wieder hier zu sein.«

Der Mann mit der gewinnenden Freundlichkeit kann durchaus auch anders. Erst vor wenigen Tagen hat er sich stur, oder sagen wir: konsequent, gestellt. Im Kreistag, dem er als Abgeordneter angehört, stand der Haushalt zur Debatte. Erneut sollte die Kreisumlage erhöht werden (für Gräfenhainichen eine zusätzliche Belastung von rund 150.000 Euro). Aus eben diesem Grund hatte DIE LINKE im Vorjahr gegen den Haushalt votiert. Nur diesmal ist alles anders. Diesmal wurde der Haushalt vom neuen Landrat, und der ist von der LINKEN, eingereicht. Die Mehrheit der Kreistagsfraktion will ihm die Chance geben, die Finanzen in Ordnung zu bringen, und unterstützte seinen Entwurf. Rußbült will ihm die Chance ebenfalls geben, es gehe überhaupt nicht gegen den Landrat. »Aber wenn wir jetzt dafür stimmen, wogegen wir im vorigen Jahr noch klagen wollten, ist das nicht glaubwürdig.« Rußbült enthielt sich der Stimme.

Was ihn im Bürgermeisteralltag motiviert? »Auch ein gewisser Stolz und ein bisschen Eitelkeit, nicht zu versagen. Man muss vor sich bestehen können.«

Selbst wenn er zurückhaltend ist mit einer Prognose für den Ausgang des »Heimspiels« am letzten Märzsonntag, die Chancen für die Wiederwahl sollten gut stehen.