Disput

Frische Schrippen auf der Roten Insel

Erwerbslosenfrühstück mit Beratung. Zu Besuch in der LINKEN-Geschäftsstelle Tempelhof-Schöneberg in Berlin

Von Susann Schidlowski

Josef Moß sagt, er kenne die Symptome, beim zweiten Herzinfarkt wusste er sofort, was zu tun ist. Er hat jetzt ein Wiederbelebungsgerät für den Notfall. Der Hausarzt hat seine Praxis gleich um die Ecke. Belastend seien die vielen Medikamente, die zur Gewichtszunahme führten. Deshalb kann er auch nicht mit dem Rauchen aufhören – noch mehr Gewicht, das würde sein Körper nicht aushalten.

Seine Krankheit beschäftigt Josef Moß. Sie bedeutet nicht nur körperliche Einschränkungen und Schmerzen, sie ist vor allem ein bürokratischer Akt geworden, ein Fall für den medizinischen Dienst der Arbeitsagentur, bei dem nach Aktenlage entschieden wird.

Josef ist um die fünfzig, ein großer Mann, der zupacken kann. Sein Politikstudium hat er abgebrochen. Das Interesse für die Politik ist geblieben, auch als er als Kraftfahrer arbeitete. Josef wurde krank. Verlor zweimal die Arbeit. Dann ging es Schlag auf Schlag – Scheidung, Schulden, Zwangsräumung, Obdachlosenheim.

Josef ist Teil des Duos, das ehrenamtlich für die Arbeitsgruppe »Elvis – Erwerbslosenversammlung in Schöneberg« ein Frühstück mit Sozialberatung in der »Roten Insel«, der Bezirksgeschäftsstelle der LINKEN in Tempelhof-Schöneberg, organisiert. Gemeinsam mit Dagmar Krebs kauft er an jedem zweiten und vierten Donnerstag im Monat Schrippen, Butter, Eier, Aufschnitt und frisches Obst ein. Ein paar Euro stellt der Bezirksverband ihnen zur Verfügung, um die 15 bis 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu bewirten.

»Möchten Sie einen Kaffee? Stark oder schwach?«, fragt Josef. »Stark«, nicke ich. Josef greift zur roten Kanne. Details sind wichtig. Die rote Socke vom »Strick- und Häkelverein Friedenau« wird angesteckt. »Sonst gibt’s kein Foto«, sagt er lächelnd.

Während Josef für den Fotografen posiert, füllt sich die Geschäftsstelle der LINKEN. Scheue Gesichter gucken abwechselnd zwischen der gedeckten, langen Tafel und dem Fotografen hin und her. Die Stühle auf der rechten Seite der zusammengerückten Tische sind schnell besetzt. Der Terrassenblick durch die parallel verlaufende 20-Meter-Glasfront ist begehrt. Gemurmel, Stühle quietschen, Tassen klappern, Bestecke werden über die weiß furnierten Tische gereicht, der Kaffee duftet – Tempelhof-Schöneberg ist erwacht.

Dagmar Krebs, klein, frecher Kurzhaarschnitt, kommt festen Schrittes aus der Küche. Sie schüttelt einige Hände, viele Leute kennt sie. Ein treuer Kreis habe sich im Laufe der Zeit gebildet, erzählt sie und versinkt neben mir in einem der Sessel abseits der Tafel. Am Tisch wird geredet, gelacht, Gesprächsgrüppchen bilden sich, lebhaftes Treiben. Dagmar Krebs stellt, fingerzeigend, mit schnellen Worten die Stammgäste vor.

Etliche Gäste haben eine Geschichte, die für Dagmar Krebs mit Gesetzen und Paragraphen verbunden ist. Die studierte Bauingenieurin ist Expertin für Fragen zum Thema Arbeitslosengeld II geworden. Sie ist selbst arbeitslos gewesen, als im Januar 2005 das Hartz-IV-Gesetz in Kraft trat. Hautnah habe sie miterlebt, wie das Arbeitsamt überfordert war und die Betroffenen vor einem Berg an Formularen standen.

Dagmar Krebs wurde im Sommer 2004 aktiv. Sie beteiligte sich an einer Initiative der PDS, Betroffenen beim Ausfüllen der Formulare zu helfen. Seit zwei Jahren berät sie nun hier in der Feurigstraße 68 für die Arbeitsgruppe »Elvis«. Sie entdeckt immer wieder Mängel und Lücken im ALG-II-System. Als Bürgerdeputierte hat sie den direkten Draht zum Bezirksverordneten Harald Gindra. Eine Möglichkeit, die sie nutzt, um auf Unzulänglichkeiten in der Gesetzgebung aufmerksam zu machen.

Dagmar Krebs wird nicht müde, Fallbeispiele vom Amt zu erzählen, und jedes Beispiel hat ein Gesicht. Sie sagt, es sei teilweise systematisch, wie Sanktionen verhängt werden, um Leistungen zu kürzen. Die Agentur für Arbeit habe die Aufgabe, ihre Ausgaben zu senken. So kämen Briefe der Agentur mit Einladungen nicht an oder würden zu spät versendet, sodass Betroffene ihren Termin nicht wahrnehmen konnten. Es sei schwierig für viele Menschen, sich dagegen zu wehren, die kämen dann hierher. Manche seien unsicher, haben ein fertiges Schreiben in der Tasche und wollten eine kompetente Meinung einholen.

Dagmar Krebs sagt, am schlimmsten ergehe es den Migranten, denen, die schlecht Deutsch sprechen. Sie erzählt von der alleinerziehenden Afrikanerin Noemi, der für zwei Jahre die Leistung gestrichen wurde. Das Jobcenter habe die Frau immer wieder zu Bewerbungsgesprächen geschickt, mit denen sie durch unzureichende Deutschkenntnisse überfordert war. Sie sagt: »Es ist nicht rechtmäßig, so lange Sperren zu verhängen, nur drei Sperren insgesamt und jede darf drei Monate dauern. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Agentur für Arbeit sind phantasiereich, wenn es um das Sanktionieren der Leistungen geht, und sie wissen, dass Migranten und Migrantinnen sich seltener beschweren.« Denen helfe man hier und schreibe auch mal einen Brief. »Da bekommt das Amt Respekt, wenn es merkt, dort ist jemand im Hintergrund, der sich auskennt.«

Es gibt aber auch Fälle, wo Menschen ihre Probleme verdrängen würden. »Sehen Sie den älteren Herrn da drüben am Tisch? Eine problematische Geschichte.« Besorgt schaut sie zu einem Mann mit strähnigem, langem Grauhaar, der kauend auf seinen Teller starrt und fern von der Frühstücksgemeinschaft zu sein scheint. »Es gibt Kunden in unserer Beratung, die sehen nicht, in welcher Situation sie wirklich stecken. Der Mann hatte Schwierigkeiten mit dem Jobcenter. Die Miete wurde nicht bezahlt. Die Rückstände wurden immer größer, bis eine Räumungsklage kam. Zum anberaumten Gerichtstermin ist er nicht erschienen. Das Gericht ordnete ein Säumnisurteil an. Das ist immer zum Nachteil des Mieters. Die Wohnung muss er jetzt räumen. Da kann man nichts machen, wenn jemand alles egal geworden ist«, seufzt sie.

Das sei auch das Problem bei den Obdachlosen, meint Dagmar Krebs und verweist auf das Obdachlosenheim am Ende der Straße. »Wir haben es nicht geschafft, die Obdachlosen für eine Krankenversicherung zu motivieren, weil die ihnen schlichtweg gleichgültig ist. Wenn etwas passiert, werden sie im Krankenhaus behandelt. Bekommen dann eine Rechnung, um die sie sich nicht kümmern. Oder sie gehen in Obdachlosenpraxen.« Das sei das typische Klientel, erklärt Dagmar Krebs. »Was denken Sie denn, warum sie obdachlos sind?«

Ein lautes Lachen am Ende der Tafel, Szenenwechsel. »Ich glaube, die beiden Frauen da hinten sind Schwestern«, schmunzelt Dagmar Krebs. Zwei Frauen, Mitte vierzig, mit blondem Pagenkopf, in modischem Outfit, unterhalten sich angeregt.

Claudia, eine der beiden, erzählt, dass sie zum dritten oder vierten Mal hier sei. Die Diätassistentin ist jetzt zwei Jahre ohne Arbeit. Wegen des Antrages auf ALG II wäre sie das erste Mal hergekommen. Ich frage Claudia nach ihren Plänen für die Zukunft. Stille. Ich frage erneut: »Was haben Sie jetzt vor, wie geht es beruflich weiter?« Zögernd antwortet sie: »Stellenangebote für Menschen bis 35 Jahre hat mir das Amt vorgelegt. Ich bin 51 Jahre. Seien wir doch mal ehrlich, für mich gibt es keine Arbeit.«

Es ist kurz vor zwölf, Norbert Seichter, der Leiter der Bezirksgeschäftsstelle, kommt zur Tür herein. DIE LINKE ermöglicht das Frühstück inklusive Beratung, indem sie die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Norbert Seichter begrüßt kurz die Leute, geht dann zu seinem Schreibtisch, er hat viel zu tun. Zeitgleich wird es in der Geschäftsstelle unruhig – Stühle werden gerückt, Jacken gereicht, Verabredungen für das nächste Mal ausgemacht.

Josef Moß begleitet mich hinaus, und mit stolzem Gesichtsausdruck erklärt er zum Abschied sein »Lebens-Dreieck«: die Geschäftsstelle der LINKEN, die Praxis seines Hausarztes – und die Wohnung, die er seit Oktober 2007 bewohnt.