Disput

Glaubwürdig bleiben!

Mitglieder des Parteivorstandes stellen sich vor

Sabine Lösing

Viele Jahre habe ich in außerparlamentarischen sozialen, friedenspolitischen und globalisierungskritischen Zusammenhängen gearbeitet. Dazu gehörte für mich auch immer die praktische Umsetzung politischer Vorstellungen wie im unabhängigen Jugend- und Kulturzentrum, im Kinderladen oder in Wohnprojekten. Als alleinerziehende Mutter war ich immer darauf angewiesen, unseren Lebensunterhalt durch eine Vollzeit-Berufstätigkeit zu sichern. Daher weiß ich, wie entscheidend ein Angebot an guten Kindertagesstätten ist. Darüber hinaus konnte ich aber auch feststellen, dass die gemeinsame Zeit mit anderen Kindern für meinen Sohn ein wichtiger positiver Bestandteil seiner Entwicklung war.

Während einiger besonders anstrengender Jahre meiner Berufstätigkeit und gleichzeitiger Weiterbildungen hatte ich mich ein wenig aus der aktiven Politik zurückgezogen. Ich werde niemals den Abend vergessen, als ich auf dem Bildschirm meines Fernsehers die ersten Bomber Richtung Belgrad fliegen sah. An diesem Abend wurde mir klar, dass ich mich nicht mehr »raushalten« will, und ich nahm wieder Kontakt zu politischen Gruppen im außerparlamentarischen Bereich auf. Als Sozialarbeiterin/Sozialtherapeutin im Jugendbereich, mit Alkohol- und Drogenabhängigen und seit 1991 mit psychisch kranken und behinderten Menschen war ich stets und unmittelbar mit den sozialen Brennpunkten, mit Arbeitslosigkeit und der vielfach daraus resultierenden Krankheit und Armut verbunden.

Die zunehmende Neoliberalisierung der Arbeitswelt nahm dabei schleichend Einfluss auch auf mein Arbeitsleben: Manches begann hier zunächst nur mit Worten. So biete ich heute zum Beispiel das »Produkt sozialpsychiatrische Hilfen« an und betreue »Kunden«, die aber aus Not kommen und nicht als freie Konsumenten eines Marktes. Es gab und gibt viele Kolleginnen, bei denen nur wenig Ablehnung gegenüber dieser Entwicklung zu spüren ist. Viele Sozialarbeiterinnen sehen auch heute noch in der Anpassung ihrer Arbeit an Normen des produktiven Sektors eine Aufwertung ihrer eigenen Tätigkeit.

Dieses Erleben, in Verbindung mit dem zunehmenden Sozialabbau und der folgenden Umsetzung von Privatisierungen öffentlicher Daseinsvorsorge, veranlasste mich, bei attac in der Kampagne »Gesundheit ist keine Ware« und später in der bundesweiten AG »genug für alle« mitzuarbeiten. Während der zunehmenden sozialen Proteste und großen Demonstrationen in den ersten Jahren der 90er, die aber zu keinerlei Veränderung der neoliberalen Politik der herrschenden Parteien führten, erkannte ich immer drängender die Notwendigkeit, zusätzlich zur damaligen PDS eine breite linke Formation zu schaffen, welche die Proteste der Gewerkschaften und Sozialen Bewegungen in die Parlamente trägt und verstärkend auf den Widerstand in der Bevölkerung wirkt. Deshalb habe ich mich an der Gründlung und am Aufbau der WASG beteiligt.

Pluralität und Breite hielt ich stets für eine solche linke Kraft für notwenig. Deshalb sehe ich die vordringliche Arbeit linker Politik in linker Basis-, Bewegungs- und Bündnispolitik in Verbindung mit parlamentarischer Arbeit und dem Aufbau einer starken Parteiorganisation. Aus diesem Grund habe ich mich seit der Gründung der WASG und dann der Partei DIE LINKE am flächendeckenden Aufbau der Partei auf allen Ebenen beteiligt. Und ich tue dies noch immer.

Gleichzeitig engagiere ich mich in außerparlamentarischen örtlichen Gruppen wie dem Göttinger Sozialforum oder im letzten Jahr in dem Bündnis gegen den G8 und in antifaschistischen Bündnissen. Selbstverständlich bin ich als Arbeitnehmerin und Gewerkschaftsmitglied aktiv an den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wie etwa dem Streik im öffentlichen Dienst beteiligt.

Die Bereitschaft, auf allen Ebenen mit anderen linken Kräften zusammenzuarbeiten, halte ich für ein wichtiges Profil der neuen Partei.

Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob sich die neue Partei DIE LINKE der neoliberalen Logik unserer Gesellschaft entziehen kann und sich das Konzept einer glaubwürdigen linken, pluralistischen und bewegungsorientierten Partei bestätigt. Es geht mir darum, dass eine Partei entsteht, in der die ursprünglichen Positionen der WASG und der ehemaligen PDS bewahrt werden, wie etwa die Bündnisorientierung, die Umsetzung des Schwurs von Buchenwald, dass nie wieder ein Krieg vom deutschern Boden ausgehen darf, und das Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus.

Ich habe mich der parteipolitischen Arbeit zugewandt, da ich dies gesellschaftlich für notwendig halte. Trotzdem ist meine Skepsis gegenüber den »Risiken und Nebenwirkungen des parlamentarischen Erfolges« nicht verschwunden. Ich habe mich intensiv mit der Geschichte der Grünen befasst und sehe mit Sorge, dass unsere Partei DIE LINKE, die zwar eine neue Partei ist, aber unter den gleichen gesellschaftlichen Bedingungen arbeitet, vor diesen Gefahren nicht gefeit ist.

Außerdem vermisse ich ein Politikverständnis, das Vorstellungen und auch Utopien eines anderen gesellschaftlichen Lebens möglichst schon im Hier und Jetzt gelebt werden können. So erinnere ich mich zum Beispiel gerne daran, wie besonders junge Menschen im Rahmen der G8-Proteste ein selbstorganisiertes Leben in den Camps umgesetzt haben. Ich denke, dass wir viel von den sozialen Bewegungen lernen können und Politik etwas sein sollte, wodurch das Leben direkt positiv beeinflusst wird.

Selbstverständlich besteht mein Leben nicht nur aus Politik und Arbeit. Meine große Leidenschaft ist die Malerei. Sie vielen Jahren male ich überwiegend großformatige Öl- und Acrylbilder und lebe gerne inmitten meiner »Werke«. Dabei male ich nicht nur alleine, sondern in einer Gruppe, die wiederum eingebunden ist in ein alternatives Kulturprojekt in Göttingen.

Möglichst täglicher Sport und eine Belohnung durch ein leckeres, hausgemachtes Abendessen sind wichtiger Bestandteil meiner Tagesgestaltung. Und – last but not least – das gemeinsame Leben mit den Menschen, die mir wichtig sind.

Kersten Naumann

Eigentlich würde ich lieber meine Aufgaben still und leise erfüllen – nach Beratung und Abstimmung, Austausch und Diskussion. So kommt mir dieser Beitrag im »DISPUT« nicht gerade recht. Andere sagen mir, dass ich ganz schön blöd wäre, denn Besseres könnte mir gar nicht passieren, so kurz vor der Wahl zum neuen Parteivorstand. Ja, ich möchte wieder für den Vorstand kandidieren. Aber muss das immer mit Getöse und organisierter Aufmerksamkeit sein? Wenn ich nicht wieder gewählt werde, habe ich sicher nicht gut genug gearbeitet. Oder habe ich mich nur schlecht verkauft? Diese Frage und andere treiben mich um, wo ich doch viel lieber in Ruhe gelassen werden will. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: keine faule Ruhe, sondern Ruhe, die produktiv macht! Das, was man von mir erwartet, will ich bestmöglich erfüllen. In meinem Heimatkreis am Kyffhäuser, wo alles begann, im Bundestag und selbstverständlich im Parteivorstand.

Ich bin bodenständig. Das hängt vielleicht mit meinem Beruf zusammen. Als Agrotechniker/Mechanisator und spätere Agraringenieurin weiß ich, was Knochenarbeit ist und dass ich erst arbeiten muss, um gut leben zu können. Wenn ich früh um vier raus zum Melken musste oder in der Nachtschicht Zuckerrüben erntete, kam kaum Romantik auf, aber ein Gefühl für Pflicht, Beständigkeit, Verlässlichkeit, Bodenhaftung. Auch ein Gefühl für Gerechtigkeit, und ich hörte genau hin, wenn vom Sozialismus gesprochen wurde in schönen Worten. Die Praxis sah oft anders aus. Die Tomaten und Gurken, die auch bei uns im Kreis produziert wurden – auch von fleißigen Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern, deren Chefin ich viele Jahre im Kreis war –, die erst den Umweg über Berlin nahmen und am Abend im »Rennsteig-Express« zurück nach Thüringen kamen, gehörten dazu. Regionale Wirtschaftskreisläufe habe ich mir schon damals anders vorgestellt. So kam es, wie es kommen musste. Die Menschen, »unsere Menschen«, liefen in Heerscharen davon!

Die Wende brachte mich in neue Verantwortung. In den Wendemonaten wurde ich Landwirtschaftssekretär und kurz darauf 1. Sekretärin der Kreisleitung der SED in Artern. Der Runde Tisch wurde für mich zu einer Lebensschule. Ich war plötzlich schuld an allem. Und: War ich nicht auch schuld, wenn auch nicht an allem? Die Mauer hatte ich nicht gebaut, sie aber doch verteidigt, wenn auch immer halbherziger. Die Kluft zwischen Wort und Tat hatte ich nicht laut und öffentlich angeprangert. Ich hatte Dinge auf der Parteischule gelernt, die von der Praxis längst widerlegt waren. Das sollte jetzt für mich endgültig zu Ende sein! In dieser Zeit reifte mein Entschluss: Gegen meinen eigenen Willen, meine eigenen Erfahrungen sollte nichts mehr laufen!

Ich stellte mich meiner neuen Verantwortung als Kreisvorsitzende der SED/PDS, am »Runden Tisch«, in Bürgerversammlungen. Ich lebte meine Einstellung: den Respekt vor Andersdenkenden und die Achtung anderer Meinungen. Allerdings bin ich bis heute erschüttert, wie damals die Pfarrer am »Runden Tisch« den Balken nur in meinem Auge sahen. Mit diesen erbitterten Gegnern aus den Wendejahren arbeite ich heute sachlich und fast freundschaftlich in sozialen Vereinen und Verbänden zusammen. Meine GenossInnen und ich, wir haben den langen Atem behalten, waren erfolgreich, haben aber auch verloren. Betrüblich ist für mich, dass Menschen aus diesen schweren Anfangsjahren, mit denen man gekämpft und für die Partei gestritten hat, heute Gegner in der eigenen Partei sind. Die Frage, warum es Menschen gibt, die immer gegen alles sein müssen und keine Lösungen haben, bleibt für mich bis heute unbeantwortet.

Doch auch damit respektvoll umzugehen, habe ich als langjährige Sprecherin des PDS-Parteirates gelernt, wenn das oft nach teilweise hasserfüllten Attacken nicht immer einfach ist. Jetzt bin ich im Bundestag und Vorsitzende seines Petitionsausschusses. Dazu brauche ich wieder den langen Atem, das Gerechtigkeitsgefühl, den Respekt vor dem Andersdenkenden und die Beständigkeit. Knochenarbeit ist es auch, denn ich will die Petitionen, besser die Probleme, kennen, um die es geht. Wie oft kommt Hilflosigkeit auf, wenn ich nicht helfen kann. Noch so berechtigte Anliegen der Bürgerinnen und Bürger scheitern an den Mehrheitsverhältnissen. Erhalte ich dann bittere Briefe, wie könnte denn ich als LINKE ..., dann ist mir schon mal zum Heulen. Es gibt aber auch Erfolgserlebnisse.

Wir können schon etwas erreichen als LINKE in Parlamenten. Doch die Erwartungen unserer Wählerinnen und Wähler erfüllen wir nicht immer. Daraus in der Diskussion eine Schwarz-Weiß-Malerei zu machen, rein in die Parlamente, raus aus den Parlamenten – das kann und will ich nicht nachvollziehen! Eine Theoretikerin bin ich wahrlich nicht. Mir helfen unsägliche innerparteiliche Diskussionen über Opponieren, Tolerieren, Regieren nur wenig. Für mich kommt es immer darauf an, etwas für die Bürgerinnen und Bürger zu tun – im Sinne von mehr sozialer Gerechtigkeit und Glaubwürdigkeit in der Politik. Das versuche ich zumindest im Parlament und außerhalb. Ich engagiere mich im Jugendweiheverein, bei der VVN/BdA, bin Mitglied des Kreisvorstandes der Volkssolidarität, Kreistagsabgeordnete, helfe der Suppenküche in Artern, der Tafel in Bad Frankenhausen und anderswo. Aktuell geht es gerade darum, das scheinbar wahllose Wüten durch die Forstwirtschaft im Kyffhäuserwald zu beenden, im Streit gegen Bürokratie, gegen verletzte Demokratie. So engagiere ich mich im Kleinen wie im Großen. Vielleicht ist es das, was uns im Osten schon zur Volkspartei gemacht hat. Im Westen sind wir dabei, es zu werden!

Wir sind inmitten von Wahlkämpfen. Offene Listen haben sich dabei bewährt. Sind sie jedoch ein Mittel für die Ewigkeit? Warum sind parteilose Abgeordnete, die zum Teil schon mehrere Wahlperioden bei uns sind, nicht Mitglied geworden. Das stellt Fragen an uns. Hoffnung bleibt, sind doch erbitterte Gegnerinnen und Gegner der Vereinigung von Linkspartei und WASG heute ebenfalls Mitarbeiter/innen und Abgeordnete. Es bleibt also noch genügend, was mich aus der Ruhe bringt. Doch auch das möchte ich in Konstruktivität umwandeln. Mit leiser Autorität.