Disput

Steuermänner

Satire

Von Jens Jansen

Die Steuermänner von Wirtschaft und Staat sind in Seenot geraten. Die Kursänderung von den sonnigen Ufern der sozialen Marktwirtschaft zu den schroffen Klippen des Turbokapitalismus hat das Staatsschiff in eine gefährliche Schieflage gebracht. Einige Wirtschaftskapitäne sind infolge krimineller Praktiken über Bord gegangen. Die schwelende Vertrauenskrise zwischen Mannschaft und Deckoffizieren ist vielerorts eine offene Meuterei geworden. Und bei der heutigen Verquickung von Geschäft und Politik wird jede ökonomische Havarie sogleich zu einer politischen und umgekehrt. Drum hört man nun schrille Kommandos: »Der Standort Deutschland kippt nach links!«, »Die Raffgier einiger Manager schafft böses Blut!«, »Wir brauchen eine neue Moral und Ethik!«, »Die Reformen für den globalen Wettbewerb müssen aber weitergehen!«.

Die Admirale der Unternehmerverbände beteuern, dass es sich bei den allzu raffgierigen Kapitänen etlicher Schlachtschiffe der deutschen Wirtschaft nur um »einzelne schwarze Schafe« handelt und keinesfalls um systemimmanente Seuchenherde. Das lässt nun fragen: Wie viele Schafe gehören zu einer Herde?

Wenn man addiert, wie viele Vorstandsmitglieder, Aufsichtsräte und Großaktionäre bei Mannesmann und Vodafone, bei Siemens und Nokia, bei Volkswagen und der Deutschen Bank, bei den Wasser- und Stromlieferanten, bei der Post und den Pharmakonzernen, bei Infineon und Rewe, bei den Elektronik- und Ölkonzernen in Untersuchungshaft oder Ermittlungsverfahren stecken oder gesteckt haben, dann sind einige der größten Unternehmen in Deutschland bloß noch im Knast beschlussfähig. Dabei läuft die Fahndung nach etwa tausend Steuerbetrügern in Nadelstreifen weiter. Wir haben es also mit einer ziemlich großen Herde von schwarzen Schafen zu tun. Und deren ungezügelte Habgier ist offenbar doch ein systemimmanenter Krebsschaden!

Wer das abstreitet, sollte mal die Gerichtsakten von Siemens lesen. 2006 beliefen sich die bis dahin ermittelten »zweifelhaften Zahlungen« für Kundenbestechungen, für fingierte Beratertätigkeit, für Scheinrechnungen, für die Unterstützung einer Spaltergewerkschaft, für Wahlkampfspenden an Parteien auf 420 Millionen Euro. Mehr als 30 leitende Angestellte jenes Konzerns wussten von den »schwarzen Kassen«. Sie entschuldigten sich damit, dass die Autokonzerne größere Ausgaben für derlei hätten.

Die CSU hielt sich die Ohren zu. Die FDP betonte, dass Erfolg belohnt werden muss. Und die CDU-Kanzlerin mäkelte, dass das zwanzigfache Einkommen eines Facharbeiters angemessener wäre als das zweihundertfache. Doch was bewirkt dieser Appell an die Moral? Der Nobelpreisträger für Wirtschaft Milton Friedman sagte: »Die Ethik des Unternehmens besteht darin, den Profit zu steigern.« Drum bilden die größten Haie die Elite der Nation.

In der Reihe der Edelmenschen, die mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurden, waren fast alle Konzernchefs, die inzwischen durch Betrugsskandale in die Schlagzeilen kamen: Der Schrempp von Daimler-Benz, der Esser von Mannesmann, der Hartz von Volkswagen, die Schumacher und von Zitzewitz bei Infineon, die Kleinfeld, Pierer und Schelsky von Siemens und natürlich auch der Postchef Zumwinkel. Die nicht entdeckten Fälle schätzt die Gesellschaft der Wirtschaftsprüfer KPMG auf 80 Prozent. Der Bundesgerichtshof spricht von 95 Prozent. Wenn diese »Einzelfälle« in die Tausende gehen, reicht das Personal der Fahnder nicht. Bei der ersten Siemensrazzia waren 250 Beamte und 23 Staatsanwälte beteiligt. Hinterher sagte der Chef der Deutschen Bank, Herr Ackermann, der auch schon zweimal vor Gericht stand: Diese Steuermänner sollten sich schämen!

Nein, diese Herrschaften verkörpern die wirkliche »Wertegemeinschaft«. Sie schlachten auf dem Altar des Profits ganze Landstriche aus. Sie diktieren die Massenentlassungen und die Dumpinglöhne. Sie privatisieren die Gewinne und verstaatlichen die Verluste. Und die Regierung äußert gelegentlich ihr Entsetzen – und beschließt weitere Steuersenkungen für die Großverdiener. Wer Haifische anfüttert, weckt ihre Gier. Keiner der Angeklagten hat je die Höchststrafe von zehn Jahren Knast erhalten. Fast alle konnten sich mit einem Bruchteil ihrer Extraeinnahmen freikaufen. Und die einzige Partei, die wirklich was dagegen hat und dagegen machen will, ist DIE LINKE. Deshalb bekommt sie von allen Schlachtschiffen und Zerstörern des Kapitals Trommelfeuer!