Disput

Norden

Querkopf mit Herz

Von Stefan Richter

Fast verwaist ist Glücksburgs Strand an diesem kalten Dienstagnachmittag. Elf, zwölf ältere Spaziergänger bummeln die Promenade entlang, ein Paar hat einen unverschlossenen Strandkorb erobert, und Brigitte Sawirucha lässt fürs Foto entspannt die »LINKE«-Fahne flattern. Im Hintergrund: die Ostsee (Flensburger Förde), zwei Eilande mit dem kaum romantischen Namen Ochseninseln und gleich dahinter Dänemarks Küste.

Glücksburg, wenige Kilometer nordöstlich von Flensburg, ist für DIE LINKE nicht der hohe Norden, Glücksburg ist der ganz hohe Norden! Nördlicher gibt’s in der Republik kein Parteimitglied. Zumindest vermuten wir dies, sozusagen unter Ausschluss des Rechtsweges.

Wie kam Brigitte in den Norden und wie zur LINKEN?

»In Glücksburg sind Sie bestens positioniert, wenn Sie sowohl Innen- als auch Außenförde entdecken, das elegante Flair der kleinen Stadt und die üppige Natur der Förderegion genießen sowie deutsche Gastlichkeit und skandinavische Lebensfreude in einem erleben möchten. Ob Land- oder Wasserratte, Sportler oder Kulturbegeisterter, Familie oder Traumpaar – Glücksburg hält, was es im Namen verspricht.« Das klingt – in der Stadtwerbung! Die Glücksburgerin Sawirucha bestätigt knapp: »In Glücksburg wohnt das Geld«, um für ihre Familie dann doch vorsichtshalber hinzuzufügen: »... wenn du von uns absiehst.«

Die kleine Frau, Jahrgang 1959, kann in ihrer Biografie auf vieles verweisen – auf Reichtümer und ruhiges Leben nicht. Ihre Wiege stand im Rheinland. Der Vater beharrte darauf, seine Familie sei was Besseres; die Mutter hielt der Tochter vor, ihr Verhalten sei nicht zu verstehen; und Brigitte räumt in der Rückschau ein: »Ich war ein Querkopf«. Mit 18 flog der Querkopf aus dem Haus, verzichtete auf Unterhalt, um nicht auf ihren Anspruch verzichten zu müssen, »es« allein zu schaffen. Manches schaffte sie, manches schaffte auch sie. Eigene Fehler wollte sie als Aufforderung zum Lernen verstehen.

Seit sieben Monaten ist sie Geschäftsführerin einer Firma für Windkraftanlagen, und wie sie über die Arbeit und über die Kollegen, die solche Kolosse im In- und Ausland aufbauen und warten, berichtet, verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig, wie notwendig das Gefühl ist, auch durch sinnvolle (und bezahlte) Tätigkeit gebraucht zu werden. In den Jahren zuvor arbeitet sie in der Pflege, wird arbeitslos, Hartz-IV-Empfängerin und erhält schließlich eine 1-Euro-Beschäftigung: Büroarbeiten in einem Altenheim. Doch als sie stattdessen die Fenster putzen soll, begehrt sie auf, wehrt sich: Nicht mit mir! Sie geht zu ver.di, die schickt sie von Pontius zu Pilatus; sie kommt raus dem, wie sie ihn nennt, »Erniedrigungsjob« – und wechselt die Gewerkschaft. Die IG Metall ist aktiver in der Region, macht auch mal eine kleine Demo gegen Rente erst ab 67 und für gesetzlichen Mindestlohn. Und als Metaller in einer Firma für ihre Arbeitsplätze kämpfen, bringt Brigitte Kuchen vorbei. (Aber Kuchen backen ist nicht immer ein Zuckerschlecken: Jahrelang bäckt sie mittwochs Muffins für die Schul-Cafeteria, damit die Klassenfahrten der drei Söhne nicht am Geld scheitern.)

Das Soziale ist ihr Thema. Darin kennt sie sich – auch unfreiwillig – aus. Sie weiß, was es bedeutet, mit wirklich jedem Euro rechnen und gegen wirkliche jede Benachteiligung ankämpfen zu müssen. »Hartzer« sind im Alltag von vielen Dingen ausgeschlossen. Vom Theaterbesuch, von Konzerten (in der Küstenregion treten nicht wenige Künstler auf), selbst vom Spaßbad – zehn Euro kostet dort jetzt der Eintritt für zwei Stunden. Um mobil zu sein, und das muss man im äußersten Norden, verkauft sie für eine Autoreparatur ihr Klavier.

Sicherlich sind es in erster Linie die sozialen Erfahrungen, das Aufbegehren gegen alltägliche Ungerechtigkeit, die sie vor gut zwei Jahren in die Parteipolitik führen. Das beginnt vor der Bundestagswahl 2005 mit der für sie noch offenen Frage, für wen sie stimmen soll, und mit dem Versuch von Antworten, die ein Genosse der Linkspartei im Offenen Fernsehkanal Flensburg gibt. Sie schreibt ihm nach der Sendung eine Mail, er antwortet, und nach der Wahl besucht sie das erste Mal eine Mitgliederversammlung.

Im Mai 2006 wird Brigitte Kreisvorsitzende, bleibt es bis Januar 2008. Sie macht Dienst in der Geschäftsstelle in Flensburg (»Das war zunächst sehr, sehr ruhig«), sie malert mit im Parteibüro, und sie machen draußen an der Hafenspitze ein paar Aktionen. So während der Fußball-Weltmeisterschaft. Unter den Passanten an der Förde verteilen sie Rote Karten gegen die unsoziale Politik der Bundesregierung und der Landesregierung. Das bringt ihnen, auch in der eigenen Mannschaft, nicht ausschließlich Applaus ein. Ja, meint Brigitte mit einigem Abstand, wir sollten nicht bloß meckern, sondern außerdem eigene Vorschläge machen. Aber, das weiß sie ebenso, solcherart Kritik kann denen, die aktiv sein wollen, ein bisschen den Spaß nehmen an der Politik.

Motivation ist wichtig. Und wenn sie hin und wieder das Wort Quotenfrau hört, wird Brigitte leicht fuchtig. Wie neulich, als jemand ernsthaft vorschlug, während des Dienstes in der Geschäftsstelle könnte doch eine neue, gut 70-jährige Genossin einem deutlich Jüngeren Kaffee kochen – »Umgekehrt müsste es sein!«

Wie das so ist in unruhigen Auf- und Umbruchzeiten, es geht auch im Norden parteimäßig aufwärts, seitwärts, vielleicht mal ein Stückchen rückwärts, wieder vorwärts ... Im Kreisverband Schleswig-Flensburg mit der kreisfreien Stadt und dem Landkreis zählten sie anfangs 30 Mitglieder, derzeit 70 oder 80. Letztlich hätten sie sich einander angenähert.

In diesen Wochen herrscht überall in Schleswig-Holstein Wahlkampf. DIE LINKE will in die Kommunalvertretungen. Auch Brigitte, sie kandidiert auf Platz vier für den Kreistag. Ihre Chancen sind theoretisch, praktisch bräuchte die Partei dafür wohl zehn Prozent der Stimmen. Egal. Wichtig ist zu zeigen, was DIE LINKE will. Sie will vor allem mehr soziale Gerechtigkeit. Zum Beispiel mehr öffentliche Beschäftigung, ein Sozialticket, das den Namen verdient, und kostenlos Schulbücher für alle Bedürftigen. »Ich habe Hartz IV nicht vergessen.«

230 Plakate sind auf Pappen zu ziehen und diese überall im Landkreis aufzuhängen (und nach dem 25. Mai abzunehmen!). Wenn die Wahlen Vergangenheit sein werden, sei bestimmt mehr Zeit für die übrige politische Arbeit, hofft Brigitte. Die Arbeitsgemeinschaft Soziales hat sich nach einer längeren Pause wieder zusammengefunden. Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollen vergleichen, wie unterschiedlich in den Kreisen auf Anträge zu Wohngeld, Weihnachtsgeld oder zur möglichen Wohnungsgröße von Hartz-IV-EmpfängerInnen entschieden wird. Eventuell lassen sich die Ergebnisse der Vergleiche nutzen, um politisch Druck auszuüben.

Glücksburg (wie Flensburg), das ist unmittelbare Nähe zu Dänemark. 30 Prozent der Menschen in der Region, so schätzt Brigitte, würden Dänisch sprechen oder zumindest verstehen. Auch ihr Mann, und Alex, ihr Jüngster, hätten es in der Schule gelernt. In Flensburg besäßen die dänischen Schulen mit tollen Angeboten, attraktiv gefördert vom Nachbarstaat, seit Jahrzehnten einen guten Ruf. Die gemeinsame Geschichte und die Nähe seien anregend. Wie manches kulinarische Angebot: die »bunte« Wurst etwa und eine Sahne, die »noch richtig Sahne« ist. Einmal wöchentlich fährt Brigitte dienstlich nordwärts, an schönen Wochenenden auch mal auf eine der dänischen Ochseninseln, dort gibt es einen köstlichen Apfelkuchen.

In ihrem Miethaus am Stadtrand von Glücksburg ist viel Leben. Mit Apollo, dem Hund aus dem Tierheim, mit zwei Katzen und zwei amerikanischen Kornnattern. Und mit einem Hasen; wenn der Angst hat, klopft er – der Bursche heißt übrigens Oskar.

Einer großen Liebe wegen verließ Brigitte vor sieben Jahren das Rheinland und viele tolle Freunde; sie zog mit den Söhnen in den äußersten Norden. Nach vier Wochen war die große Liebe Geschichte. Inzwischen hat sie mit Torben ihr Glück gefunden.

Im Mai 2007 war Hochzeit. Nicht im feudalen Schloss in Glücksburg, sondern auf einem kleinen Leuchtturm bei Kappeln.

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