Disput

Süden

Mit Hans an der Spitze

Von Stefan Richter

Die Zugspitze ist Deutschlands höchster Berg und mit das „Südlichste“, was dieses Land zu bieten hat. Dort wollen wir rauf, mit der letzten Fahrt der Zugspitzbahn an diesem Apriltag. Als einzige Passagiere, denn heut herrscht droben spitzenmäßig Trübnis.

Garmisch-Partenkirchen, 705 Meter überm Meeresspiegel: Die ersten Stationen heißen Hausberg, Kreuzeck-Alpspitzbahn und Hammersbach/Höllental. Noch geht’s durchs Tal, durchs Loisachtal. Es sind die Mühen der Ebene. Von der spricht auch Hans Hahn. Sein Kreisverband Oberland am Alpenrand erstreckt sich – Pi mal Daumen – 120 Kilometer von Nord nach Süd (und freilich umgekehrt) sowie 80 Kilometer zwischen West und Ost. Da den Überblick über Mitglieder, Mitgliederinteressen und Mitgliedsinteressierte zu behalten, ist schwierig. Es ist ein Kommen und mitunter auch ein Gehen. Manche Mitglieder kennt Hans nur dem Namen nach. Er ist einer von drei Sprechern des großen Kreisverbandes. Gern hätte er noch zwei andere Genossen mitgebracht, aber wie das Leben so spielt: Der eine kann nach einer Zahnoperation nicht reden und der andere nach einem Unfall nicht laufen. Aber insgesamt geht’s, wie mit der Zugspitzbahn, aufwärts, allmählich.

Hans ist Bayer, er ist es mit Stolz. Hans hat sich bayrisch in Schale geschmissen: lange braune Lederhose, weißes Hemd mit bunten Motiven, darüber eine graue Miesbacher Jacke mit traditionellem Muster – dazu am Revers etwas ziemlich Neues: das rote Dreieck. Bei anderen Temperaturen und einem anderen Ziel wäre er in Bundlederhose gekommen, mit Hosenträgern und so. »Ich liebe meine Heimat schon. Wo steht, dass ich ›schwarz‹ bin, wenn ich Tracht trage? Warum sollten wir die Traditionen den ›Schwarzen‹ überlassen?« Ja, warum? Hans hat, wie er sagt, »mindestens« drei Trachtenanzüge, die trägt er zu guten Anlässen. Zum Beispiel am 1. Mai, dann nicht ohne die Nelke.

Hans ist Gewerkschafter durch und durch (aber nicht nur). Für den 1. Mai ist er wieder eingeladen, eine Rede zu halten. Was jahrelang selbstverständlich war, war es 2006 nach seiner Entscheidung für die Linkspartei plötzlich nicht mehr. Doch heuer hat ihn die Gewerkschaft erneut gebeten, zu sprechen in Holzkirchen. Ein Stück Normalität, und Hans bereitet sich vor wie sonst. Er will die Leute, mit vierzig rechnet er, erreichen, will testen, ob seine Argumente ankommen. »Nicht dass sie hinterher sagen: Die Musik war ganz gut, nur die Rede war langweilig.« Eine Dreiviertel Stunde wird der 61-jährige Frührentner sprechen, so wie früher, es gibt viele Themen.

Während Hans erzählt, zieht die Bahn kaum merklich höher. Eine schöne Aussicht kann das sein, hier muss es sich angenehm wohnen lassen. Das mit dem Bilderbuch-Bayern sei so eine Sache, meint mein Gegenüber. Es gäbe schon Unterschiede, selbst rings um Garmisch-Partenkirchen: Schön sei es vor allem für reiche Rentner, weniger schön für Beschäftigte in der Tourismuswirtschaft: schlechte Bezahlung, hohe Mieten, teurer Lebensunterhalt. Klar, verglichen mit der Arbeitslosenstatistik in Brandenburg, wo er sich im Urlaub umgeschaut hat, sind die Zahlen in vielen Gegenden des Freistaates deutlich besser. Trotzdem: In seinem Heimatort Peiting gab es bis in die 70er Jahre massenhaft Arbeitsplätze in der Pechkohle, nach deren Schließung kam Ersatz, etliches davon sei längst weggebrochen. So bei Agfa: erst ausgegliedert, dann Konkurs angemeldet. Oder beim Spanplattenwerk: vor Jahren geschlossen, jetzt pendeln die Arbeiter in andere Regionen. Die Probleme, meint Hans, gerieten hier jedoch nicht so in die Öffentlichkeit, die Familien würden vieles auffangen. All dies beschreibt er als »Janusgesicht von Bayern«.

Was das aktuelle Grau vorenthält, bietet – neben Fahrt- und Zuginformationen – der Fernsehmonitor im Waggon: malerische Aussichtsbilder.

Grainau, 751 Meter

Die Zahnradbahn von Grainau bis Zugspitzplatt wurde vor knapp 80 Jahren gebaut. Hans war lange nicht hier, in diesen Monaten hat er eigentlich ohnehin keine Zeit für Ausflüge. Keine Woche vergeht ohne einen Anruf eines Interessierten, oft mit der Bitte um einen Mitgliedsantrag. Enttäuschte Frauen und Männer kämen zur Partei, viele ältere.

Einer der Jüngeren, Benni Schumann (Anfang 20), geht zum Studium leider weg. Leider, weil er zu den ganz Aktiven zählt, von Beginn an. In der Linkspartei waren sie anfangs zu fünft, weswegen Hans und Benni gleich Sprecher wurden. Die regionale WASG ist, wie vielerorts, maßgeblich durch Gewerkschafter gegründet worden, Nun sind sie im Kreis etwa 80, aber leicht ist es wirklich nicht, die junge Partei zu organisieren und zu stabilisieren.

Da gibt es die rührigen Genossinnen und Genossen in Geretsried. Um bei der Kommunalwahl im März antreten zu können, mussten sie vorher 190 Unterschriften sammeln. Das heißt, die Befürwortung des Wahlantritts musste mit Name und Adresse auf dem Amt dokumentiert werden. Ein hartes Stück politische Arbeit, und trotz aller Anstrengungen blieb sie ohne sofortigen Erfolg. 121 Unterschriften kamen zusammen. Doch immerhin – Glückwunsch! – konnten die Genossen am 9. April den allerersten Ortsverein im Oberland gründen: für Geretsried, Wolfratshausen (ja, das ist der Stoiber-Ort) und Umgebung.

Eibsee, 1.008 Meter

Der Gletscher oberhalb der Strecke ist schon abgedeckt, als Schutz vor dem Sommer. Die Bewahrung der Natur liegt Hans sehr am Herzen, weshalb er beispielsweise einerseits den Einsatz von Schneekanonen mit ihren für die Umwelt ungeklärten Folgen kritisch sieht und andererseits für eine ökologische Landwirtschaft plädiert.

Bei den Kommunalwahlen habe die CSU einen Tritt gegen das Schienbein bekommen, einige schwarze Bürgermeister wurden aus dem Amt gejagt, doch wie sich das landesweit bei der Wahl im September auswirken wird ...? Skepsis schwingt mit.

Bayern ist in sieben Wahlkreise eingeteilt, jeder hat mehrere Stimmbezirke – im Oberland sind’s fünf. In vier von ihnen war Hans wegen der Wahlvorbereitungen unterwegs: organisieren, Versammlungen vorbereiten, Sitzungsbeginn abends nicht vor halb acht, Sitzungsdauer um die drei Stunden, dann an die 80 Kilometer Rückfahrt nach Peiting. Und anschließend: »Papierkram hoch drei«. Doch an der Bürokratie soll der Erfolg nicht scheitern, Unterschriften müssen für den Wahlantritt übrigens ebenfalls wieder gesammelt werden. Diesmal wird’s einfacher.

Eine bayrische Wahlbesonderheit: Fürs Resultat bei der Landtagswahl werden die Erst- und die Zweitstimmen zusammengezählt. Umso wichtiger ist, dass DIE LINKE in jedem Stimmbezirk antritt. Fürs Oberland mussten für Land- und Bezirkstagswahl (die gibt’s auch noch) zehn Kandidaten gefunden und bestätigt werden. Hans tritt in der Region Weilheim an. Selbst wenn er seit 1997 aus der hauptamtlichen Gewerkschaftsarbeit raus ist (13 Jahre war er DGB-Vorsitzender im Oberland), nicht wenige kennen ihn von damals. Sein Ehrgeiz bei der Wahl: keiner. Außer: so viele Stimmen wie möglich für die Partei holen!

Der Fernseher flimmert fleißig, wir kommen ohne ihn aus.

Riffelriss, 1.640 Meter

Ab hier fährt die Bahn, vor Lawinen und Steinschlag geschützt, in mehreren Kehren durch einen 4,8 Kilometer langen Tunnel. Im Waggonfernsehen laufen jetzt Nothilfeerklärungen. Die gelten für eine eventuelle Tunnelhavarie, nicht etwa für die Parteiarbeit.

Das Netz der bayrischen Partei fester zu knüpfen, ist die große Aufgabe. Auch für die bevorstehenden Wahlen. Bei der Gesamtmiedergliederversammlung des gesamten Oberbayern am 19. April wählten 250 Mitglieder 50 Kandidaten für die Wahlkreisliste. Die Prozedur dauerte 13 ½ Stunden, der Raum in Freising war überfüllt, zusätzliche Bierbänke mussten reingetragen werden.

Sozialisiert wurde Hans durch die katholische Jugend und durch seinen Arbeitsalltag, durch erlebte Ungerechtigkeiten und Machtlosigkeit; die seien ihm gegen den Strich gegangen. Bereits an seinem ersten Tag als Lehrling wurde er Gewerkschaftsmitglied – der Großvater, ein Betriebsrat, hatte ihn an die Hand genommen. Politisch ist er Stück für Stück gewachsen. Einmal war er vorbestraft, wegen Landfriedensbruchs: Sie hatten die Auslieferung von »Bild« in München-Schwabing blockiert, vor vier Jahrzehnten. Einen halben Monatslohn hat’s den Lehrling gekostet. Sei’s drum.

Zur SPD kam er 1972. Das eine oder andere der Neu-Mitglieder von damals trifft er nun in den jungen Partei wieder, und er stellt nicht unzufrieden fest: »Wir sind uns treu geblieben. Wir haben unsere Grundüberzeugungen nicht geändert.« Deswegen hat er 2004 die SPD nach der Agenda 2010 verlassen; er wollte öffentlich ein Zeichen setzen. Von der LINKEN erwartet er: »Wir müssen uns anstrengen, zu zeigen, dass wir die Alternative sind.« Sicherlich seien Programmdebatten notwendig, vor allem aber würden die Leute erwarten, dass »wir Lösungen für ihre täglichen Probleme anbieten. Wenn für sie nichts rüberkommt, wenden sie sich ab.«

Gletscherbahnhof Zugspitzplatt, 2.588 Meter: Für heute und jetzt ist hier Feierabend, in einer Stunde startet die letzte Fahrt retour.

Zumindest für diese Minuten im Schnee ernennt »DISPUT« Hans Hahn, nach 15 Jahren erstmals wieder an der Zugspitze, einige Höhenmeter entfernt von der Grenze zu Österreich, zum »südlichsten Genossen« in Deutschland. (Okay, in Mittenwald wohnte mal ein »südlicherer« Genosse, der ist inzwischen nach München verzogen ...)

Die bayrische LINKE ist in Bewegung, sogar in Richtung Landtag. Ein Ziel, für das sie vor Kurzem noch stark belächelt worden wäre. Nun scheint alles möglich zu sein. Auch für Hans? »Ob wir’s schaffen, kommt auf die letzte drei Wochen an. Es kann so ausgehen wie in Hessen.« Als eine Voraussetzung gibt er schmunzelnd hinzu: »Wenn sich alle so anstrengen wie ich ...«

www.dielinke-oberland.de