Disput

Streiflichter einer Revolution

Die Ereignisse von 1918/19 endeten mit einer Niederlage und brachten dennoch demokratische und soziale Reformen

Von Hartmut Henicke

Seit Ende August 1918 registrierten Polizei und Militärbehörden zunehmende Gerüchte über einen bevorstehenden Generalstreik in Deutschland. Der anonyme Brief eines kaisertreuen Untertanen an das preußische Innenministerium schilderte treffend die Situation:

»Es sind nicht mehr die Arbeiter allein, die in der Entfernung der Mo­narchen, der Regierenden, der Befehlenden, der Besitzenden, der Verwaltenden, der Lehrenden die einzige Hilfe ihrer angeblichen und wirklichen Not sehen. Weite Kreise der Landbevölkerung, der Beamten, des Militärs, des Handelsstandes und vor allen der Frauenwelt sind zu ihrem Schaden von der bolschewistischen Epidemie hochgradig ergriffen. Wer im Volke lebt, sieht mit Grausen das schnelle Umsichgreifen der Krankheit zum Fieber gesteigert durch die roten und schwarzen Giftmischer im Dienste der Feinde innen und außen, die als Ursache aller Kriegsleiden die Schlechtigkeit der Obrigkeiten hinstellen. Das Volk glaubt es und will Blut sehen, politische Fragen wie das allgemeine Wahlrecht in Preußen interessieren nur noch die Parlamentsvertreter, die das Volk aber nicht mehr in der Hand haben, das verlangt Mitregierung der Arbeiter und Soldaten, wozu es auch ein Recht hat. Räumt man ihm diese nicht ein, so wird es Gewalt anwenden. Es bedarf nur noch eines kleinen Anlasses und die durch Funktionäre bis ins Kleinste organisierte und kontrollierte Arbeiterschaft funktioniert als Regierung. Das würde Mord und Totschlag geben, wie in Russland, das Unglück wäre nicht auszudenken, aber es steht vor der Tür und bricht herein wenn nicht in letzter Stunde vorgebeugt wird.«

Und am 8. November, als mit Ausnahme Berlins auf den Rathäusern der deutschen Provinz bereits überall die rote Fahne wehte, meldete der preußische Gesandte in der Schweiz seinem Reichskanzler Max von Baden: »Verschiedene Anzeichen deuten daraufhin, dass die in der Schweiz lebenden Revolutionäre aller Nationen den Monat November, vor allem die Tage vom 7. bis zum 10. als die Jahrestage der russischen Revolution, dazu ausersehen haben, um den Versuch eines bolschewistischen Umsturzes zu unternehmen. Ihre Erwartungen stützen sich hierbei, abgesehen von dem allen Bolschewisten eigenen, fanatischen Glauben an die Weltrevolution, auf die unleugbaren Erfolge, die der Monat Oktober der sozialistischen Bewegung in der Schweiz gebracht hat.«

In der Tat beschlossen die Berliner Obleute der Metall verarbeitenden Industrie bereits am 2. November die Aktion, die am 11. November das politische System in Deutschland stürzen und die Kriegsgewinnler entmachten sollte. Seit den Januarstreiks der Berliner Rüstungsindustrie hatten sie ihre Vernetzung mit anderen Industriezentren forciert, Waffen und Munition beschafft. Die Linke innerhalb der USPD (eine Abspaltung der SPD) und die dieser Partei angeschlossene Spartakusgruppe verstärkten ihre Propaganda zur revolutionären Beendigung des Krieges. Aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassene Soldaten, aber auch an die Front einberufene Kriegsgegner trugen den revolutionären russischen Friedensgedanken in die Heimat und an die Westfront. Aus der Schweiz schleusten revolutionäre Gruppen mit Hilfe sympathisierender Grenzbeamter junge Leute mit gefälschten Papieren zur Streikpropaganda nach Deutschland.

Finanzielle Unterstützung erhielten die aktiven Kriegsgegner aus der Botschaft der Sowjetrepublik in Berlin. Hier übersetzte Julian Borchardt als Leiter des Botschaftsarchivs Dekrete der Sowjetrepublik in die deutsche Sprache. Das Bavariahaus war Sitz des russischen Büros für Kriegsgefangene. Über dieses Büro sandten die Bolschewiki ihre Emissäre zur Kontaktaufnahme mit deutschen Dissidenten. Ein Fräulein Rauch, aktives USPD-Mitglied, ihr Vater war mit Leo Trotzki befreundet, war in der Botschaft beschäftigt und arbeitete mit dem Büro im Bavariahaus zusammen.

Auch von England aus wurden Kriegsgefangene und Emissäre mit Flugblättern nach Deutschland gesandt. Denn nicht nur das revolutionäre Russland und die mit der Sowjetrepublik sympathisierenden Linken, sondern auch die Entente hatte ein Interesse am Ausscheiden Deutschlands aus dem Krieg. Sie taten das Gleiche, was die deutsche Reichsleitung getan hatte, als sie Lenin nach Russland reisen ließ und die Bolschewiki mit Geld unterstützte: Sie destabilisierten den Feind. Den Revolutionären war es Recht. Jetzt drehten sie den Spieß um und förderten die Revolution in Deutschland. Die deutsche Revolution war Teil der Weltkriegsrevolution, die alle drei großen Kontinentalmächte Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland erfasst hatte. Insofern war sie auch die Angelegenheit ihrer Befürworter in ganz Europa.

Infolge des Matrosenaufstandes vom 4. November in Kiel war bereits das ganze Land von den Ereignissen erfasst. Das war von Vorteil für die Durchschlagkraft der Revolution im Machtzentrum Berlin. Als der von bewaffneten Arbeitern flankierte Sternmarsch der Belegschaften der Industriebetriebe nach Berlins Mitte die Straßen füllte und sich die Soldaten der Garnison anschlossen, begriff auch die sozialdemokratische Führung, dass die Beteiligung ihrer Partei an der letzten kaiserlichen Regierung und ihre Aufrufe zu Ruhe und Ordnung keine zeitgemäße Antwort auf die Systemkrise waren. Jetzt forderte der Parteivorsitzende Friedrich Ebert den Kanzler Max von Baden auf, ihm unverzüglich dieses Amt zu übertragen und die Abdankung des Kaisers zu veranlassen. Revolutionen haben auch immer etwas Possenhaftes. Verfassungsrechtlich war beides nicht möglich und doch geschah es. Ein badischer Prinz machte den Vorsitzenden der Sozialdemokraten zum Kanzler und setzte den Kaiser ab, ohne ihn zu fragen.

Doch diese Komödie interessierte die Arbeiter auf der Straße nicht im Geringsten, denn sie kam zu spät. Als sie den Reichstag erreichten, sah sich der zweite Vorsitzende der Sozialdemokraten gezwungen, die deutsche Republik auszurufen. Philipp Scheidemann war zwar schneller als Karl Liebknecht, der kurz darauf vom Balkon des Schlosses die sozialistische Republik ausrief. Aber Ersterer bekam von seinem Chef Ebert eine gehörige Standpauke, denn über die künftige Staatsform hätte allein eine zu wählende Nationalversammlung zu entscheiden. Wieder weit gefehlt. Die Arbeiter- und Soldaten beriefen zum nächsten Tag im Zirkus Busch den Berliner Arbeiter- und Soldatenrat ein, der die provisorische Revolutionsregierung bestellen sollte. In einer Nachtsitzung einigten sich SPD und USPD auf eine paritätische Koalition und erkannten die Vollversammlung der Berliner Räte als die höchste Macht ausübende Autorität an.

Wer bis dahin zweifelte, dass Revolution war, konnte diese Tatsache nun nicht mehr leugnen. In einer explosiven Vollversammlung der Räte am nächsten Tag bezeichnete Karl Liebknecht die Sozialdemokraten als Verräter und wurde niedergeschrieen; die Obleute beantragten einen USPD-Vollzugsrat als Gegengewicht zum gewählten Rat der Volksbeauftragten; die Soldatendelegierten forderten auch in diesem Parität und drohten mit Militärdiktatur. Am Ende hatte Ebert sein Ziel erreicht und sich an die Spitze der Revolution gestellt, um sie ins seichte bürgerlich-demokratisch-parlamentarische Fahrwasser zurückzulotsen. Aber er war genervt, denn jetzt war er nicht mehr der Übergangskanzler sondern der Vorsitzende Volksbeauftragte. Als er an diesem Abend erschöpft an seinem Schreibtisch im Reichstag Platz nahm, klingelte das Telefon und General Wilhelm ­Groener versicherte ihm die Unterstützung der Heeresführung – nicht uneigennützig. Die aristokratische Elite Preußens wollte ihre Machtpositionen behalten. Ebert widersprach nicht. In dieser Minute blieb sein Demokratieverständnis hinter dem der französischen Revolution zurück, und deshalb charakterisierte Rosa Luxemburg die SPD-Führung als die »kleinen Lafayette«.

Von diesem Tag an schwelte zunächst und eskalierte in den folgenden Wochen der Konflikt zwischen den Arbeiter- und Soldatenräten und der bestehenden Verwaltung vom Bürgermeister bis zum Regierungschef. In jenen Regionen des Reiches, wo der linke Flügel der USPD stark war wie in Bayern, Sachsen, der preußischen Provinz Sachsen und den Freien Hansestädten, nahm der Streit um die Kompentenzverteilung in Sachen legislativer und exekutiver Gewalt offen konfrontative Formen an. In den mehr agrarisch geprägten Regionen des Südwestens und Nordostens begnügten sich die Räte mit Kontroll- und Beratungsfunktion und vorwiegend kommunaler Politik. Hier hatten gemäßigte Sozialdemokraten und Gewerkschafter das Sagen in den Räten. Infolge der Demobilisierung reduzierten sich die sozial heterogenen Soldatenräte ohnehin. Sie umfassten das gesamte soziale und politische Spektrum der bürgerlichen Gesellschaft, in der Mehrheit die ländliche Bevölkerung.

Am 19. Dezember beschloss der Reichsrätekongresses in Berlin die Aufhebung des Belagerungszustandes, eine Amnestie, die Abschaffung der Zensur, die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für Männer und Frauen ab dem 20. Lebensjahr, Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit sowie Wahlen zur Nationalversammlung. Das war möglich, weil die gemäßigten Sozialdemokraten die Mehrheit auf dem Kongress hatten.

Damit waren die Weichen gestellt. Deutschland würde eine parlamentarische Demokratie mit entsprechenden Machtpositionen der bürgerlichen Parteien bekommen. Von nun an hatte Ebert allen Grund, auch die einzige radikaldemokratische Entscheidung des Reichsrätekongresses, sich die Kontrolle über Streitkräfte zu sichern, zu hintertreiben. Mit dem Geld der deutschen Wirtschaft schufen die Generale inzwischen aus Offizieren, Berufssoldaten und Arbeitslosen Freikorps, die sich unter dem Oberkommando des Sozialdemokraten Gustav Noske vorbereiteten, Tabula rasa zu machen. Da sich die USPD auf dem Reichsrätekongress und danach als zu defensiv erwies, gründete die linksradikale Minderheit um die Spartakusgruppe zur Jahreswende die Kommunistische Partei Deutschlands, die maßgeblich die Geschichte der Weimarer Republik mit prägen sollte.

Der sogenannte »Spartakusaufstand« (10. bis 15. Januar) in Berlin war symbolisch für den Machtkampf zwischen bürgerlicher und proletarischer Demokratie. Nach dem Weihnachtsaufstand der Volksmarinedivision verließen die USPD-Volksbeauftragten die provisorische Reichs- und preußische Regierung. Letztere setzte daraufhin auch den linken Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn ab, der dieses Amt vom Berliner Arbeiter- und Soldatenrat erhalten hatte. Insofern bedeutete seine Entlassung einen provokativen Anschlag auf die Rätedemokratie. Damit brach die Revolution erneut los. Noske, der sich selbst als »Bluthund« sah, führte die Niederschlagung des Aufstandes unter dem militärischen Kommando des Chefs der Gardekavallerieschützendivision, Hauptmann Waldemar Pabst. Mit dem Blutbad in Berlin und der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts begann der Bürgerkrieg, den zu vermeiden die sozialdemokratische Führung angetreten war, als sie das Volk zu Ruhe und Ordnung aufgerufen hatte, nachdem sie vom Kaiser am 3. Oktober 1918 zwei Regierungssitze ohne Amt erhalten hatte.

Wenn die Revolution in diesem Stadium keine Mehrheit hatte, dann deshalb, weil diese mit dem Waffenstillstand am 11. Januar und der bürgerlich-parlamentarischen Republik das Ziel erreicht sah. Für das Experiment Rätemacht, das im Sinne nur eines Teils der Industriearbeiterschaft war, hatte die Mehrheit kein Interesse. Das Friedensdiktat von Versailles verdrängte zudem die Opposition gegen Kriegsgewinnler, Junker und Generale und erzeugte eine nationale Empörung gegen die demokratischen Siegermächte. Anfang Mai fiel mit der Münchener Räterepublik­ die letzte Bastion der deutschen Revolution. Wirtschaftspolitisch war dies schon Anfang November entschieden. Die Gewerkschaften garantierten ihren Verzicht auf die Sozialisierung und erhielten dafür von den Unternehmern die Alleinvertretung der Arbeitnehmerinteressen, den Achtstundentag und die Verbesserung der Sozial-, Alters- und Arbeitslosenversicherung. Für das Zugeständnis wesentlicher demokratischer und sozialer Reformen behielt das Großkapital weiter seine uneingeschränkte wirtschaftliche Macht und damit politischen Einfluss.

Und dennoch, ohne den Volksaufstand wäre das alles nicht erreicht worden. Einmal mehr bestätigte sich die Tatsache, dass Revolutionen über ihr Ziel hinausweisen müssen, um das zu erreichen, was möglich ist.

Dr. Hartmut Henicke, Berlin, ist Mitglied der Historischen Kommission.