Disput

Das Reizwort »Intensivierung«

Alle Menschen satt machen und die Umwelt bewahren – eine Quadratur des Kreises?

Von Jens-Eberhard Jahn

In agrarpolitischen Debatten gilt »Intensivierung« derzeit als Reizwort, denn in Deutschland werden mit agrarwirtschaftlicher Intensivierung nicht selten Massentierhaltung, Pestizidstürme und Kunstdüngerfluten assoziiert. Intensivierung in der Agrarwirtschaft stößt in der Tat stets an Grenzen, wenn durch sie Naturräume zerstört oder zerschnitten werden und Artenvielfalt eingeschränkt wird. Die Nutzung von Pestiziden und mineralischen Düngern kann kurzfristig sinnvoll sein, ist jedoch selten ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig. Auch hier gilt aber freilich das rechte Maß als Richtschnur: Jeder Kleingärtner weiß oder sollte wissen, dass nach ökologisch unbedenklicher Kalkung die Bohnen besser wachsen und die Bodenqualität dadurch steigt. In anderen Fällen, etwa beim Phosphor, sind die Vorräte schon heute knapp. Aber auch zu starke organische Düngung wirkt sich negativ auf Boden, Wasser und Klima aus.

Das landwirtschaftliche Produktionsmittel Nummer Eins, der Boden, ist endlich. Eine Extensivierung der Anbaufläche ist aus ökologischen Gründen nur in wenigen Fällen vertretbar, weil anderenfalls Naturräume, die für das klimatische und ökologische Gleichgewicht notwendig sind, zerstört würden. Da die Weltbevölkerung steigt und die vorhandene Anbaufläche zur Erzeugung von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, für Pflanzen zur stofflichen und energetischen Nutzung dringend benötigt wird, ist also Intensivierung erforderlich.

Karl Marx beschreibt im 13. und 14. Kapitel des Dritten Bandes des Kapitals die Intensifikation der Arbeit als einen Fall der Erhöhung des Exploitationsgrades, also des Verwertungsgrades, der Arbeit neben anderen Faktoren wie Beschleunigung der Maschinerie oder Verlängerung des Arbeitstages. In all diesen Fällen kommt es pro Einheit zu mehr Produktionsstrom.

Wie kann die Agrarwirtschaft ihrer Verantwortung für die Welternährung nachkommen und nachhaltige Intensivierung betreiben, also den »Produktionsstrom« erhöhen, ohne eine erhöhte Exploitation von Mensch, Kreatur und Boden?

1. Vorrang vor einer Steigerung agrarwirtschaftlicher Produktion müssen die weltweit gerechtere Verteilung von Nahrungsgütern und die Änderung der Ernährungsgewohnheiten haben: Dies schlösse freilich Veränderungen im Lebensstil der Wohlhabenderen ein, die von Bewusstseinsveränderungen begleitet werden müssten. Obgleich dies keine Utopie sein muss, wird das mittelfristig nur zum Teil gelingen, wie auch die erhöhte Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten in Schwellenländern zeigt. Konsummuster können auch über Preise gesteuert werden. Dies ist problematisch, da die dadurch hervorgerufenen Verwerfungen im Agrarsektor zunächst unvorhersehbar sind.

2. Vorrang vor einer Steigerung agrarwirtschaftlicher Produktion muss die Steigerung der Effizienz bei deren Nutzung haben. Dies gilt für den Energiesektor, für die stoffliche Produktion, aber auch für die Nahrungsmittelproduktion, denn viel zu viele Lebensmittel landen auf dem Müll, schon bevor sie überhaupt beim Verbraucher angekommen sind. Des Weiteren bleiben zu viele agrarische Erzeugnisse (incl. Holz) ungenutzt: Unter Berücksichtigung der Humusbilanzen sind mehr Agrarprodukte als bisher auch stofflicher und energetischer Nutzung zuzuführen. Das Primat der Nahrungs- und Futtermittelerzeugung zumindest in der Landwirtschaft bleibt davon unberührt.

3. Extensivierung ist in geringem Umfang möglich: Vor allem in den Ländern des Südens war in den letzten Jahrzehnten aufgrund sinkender Einnahmemöglichkeiten in der Agrarwirtschaft Landflucht zu beobachten; steigende Lebensmittelpreise sind eine Chance, dass sich Tätigkeiten in der Agrar- und Ernährungswirtschaft auch für kleine und mittelständische Erzeuger und Verarbeiter wieder lohnen und derzeit brach liegende landwirtschaftlich nutzbare Flächen wieder bearbeitet werden können. Eine Form der Intensivierung wäre es, diese Flächen nicht vorrangig nur zur Selbstversorgung zu betreiben, sondern zum Beispiel in genossenschaftlicher Form effiziente Betriebe aufzubauen. Diese könnten lokale und regionale Märkte beliefern.

4. Ökologisierung der Agrarwirtschaft kann ebenfalls Intensivierung bedeuten: Durch Monokulturen und industrieähnliche Anbaumethoden wurde und wird weltweit Boden ausgelaugt. Damit werden Arbeits- und Lebensperspektiven zerstört. Die Anwendung ökologisch nachhaltiger Anbaumethoden, die Einhaltung von Fruchtfolgen, eine den geographischen und geologischen Bedingungen entsprechende Bodenbearbeitung und Sortenauswahl können Erträge steigern und sichern helfen. Den Ökolandbau zu stärken, ist sinnvoll. Auch deshalb, um so stetig den gesamten Agrarsektor zu ökologisieren, denn es sollte zu keiner Zwei-Klassen-Agrarwirtschaft kommen.

5. Die Agrarwissenschaften müssen gestärkt werden, denn sie tragen zu nachhaltiger Intensivierung bei. Das Klima verändert sich weltweit und Süßwasser ist auf unserem Planeten nur begrenzt vorhanden, wird sogar knapper. Verbesserte Anbaumethoden und Züchtungen könnten helfen, auch in niederschlagsärmeren Regionen Erträge zu erzielen, die die regionale Ernährung absichern. Der diesbezügliche Transfer von Kapital und Know-how in ärmere Länder muss Ziel jeder Entwicklungspolitik sein. Niederschlagsarme Regionen gibt es allerdings auch in Europa, auch in Deutschland.

Gerechtere Verteilung von Agrarerzeugnissen weltweit, Erhöhung der Effizienz bei Produktion, Lagerung, Transport und Verbrauch, behutsame Extensivierung, Zusammenarbeit der Erzeuger, Ökologisierung der Landwirtschaft, Stärkung der Agrarwissenschaften als lebenswichtige Komplexwissenschaften – was daran ist linke Politik?

Als Zeugen der letzten Jahrzehnte, als Kinder der Umweltbewegung, als Globalisierungskritiker, Christen und – insbesondere auch als Schüler von Marx! – müssen wir wissen, dass wir die soziale Frage, also auch die Welternährungsfrage, nicht losgelöst von der ökologischen Frage werden lösen können. Alles andere ist bestenfalls keynesianisch verbrämter neoliberaler Wachstumswahn. Dies gilt freilich auch umgekehrt: Die ökologische Zeitbombe ist nicht zu entschärfen, ohne nachhaltig und weltweit die soziale Frage anzupacken, eine Wahrheit dies, an deren Verdrängung Die Grünen zumindest moralisch gescheitert sind. Marx wusste um diesen Zusammenhang zumindest ex negativo:

»Große Industrie und industriell betriebene große Agrikultur wirken zusammen. Wenn sie sich ursprünglich dadurch scheiden, dass die erste mehr direkt die Naturkraft des Bodens verwüstet und ruiniert, so reichen sich später im Fortgang beide die Hand, indem das industrielle System auf dem Land auch die Arbeiter entkräftet und Industrie und Handel ihrerseits der Agrikultur die Mittel zur Erschöpfung des Bodens verschaffen.« (Karl Marx, Kapital, Band 3; MEW, Band 25, 821)

Eine Intensivierung der Landwirtschaft ist unter den oben genannten Prämissen notwendig, um die soziale Frage zu lösen. Dass dies auf sozial und ökologisch nachhaltige Weise geschieht – auf globaler, europäischer, nationaler, regionaler und betrieblicher Ebene! – dazu tragen nicht zuletzt wir als LINKE eine große Verantwortung.

Jens-Eberhard Jahn ist Mitglied des Sprecher/innenrates der Bundesarbeitsgemeinschaft Agrarpolitik und Kreisrat in Mittelsachsen.