Disput

Ein Jahrhundertleben

Elfriede Brüning – die letzte Lebende des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller im Blick zurück und nach vorn

Elfriede Brüning wurde im November 98 Jahre. Dazu herzlichen Glückwunsch. Die Journalistin, Schriftstellerin und Zeitzeugin eines Jahrhunderts ist noch unterwegs – auf Lesungen, Veranstaltungen, Diskussionsforen.

Frau Brüning, was treibt Sie an? Warum nehmen Sie das auf sich?

Ich möchte, dass meine Bücher gelesen werden. Und die heutige Lage für Schriftsteller ist wohl so: Bücher von Ost-Autoren werden kaum wahrgenommen. Sehen Sie, ich habe ungefähr sechs oder sieben Bücher nach der Wende veröffentlicht. Kein einziges davon ist in einer der großen Zeitungen wie der »Zeit« oder der »Frankfurter Allgemeinen« besprochen worden. Als gäbe es uns DDR-Autoren nicht. Unsere Bücher werden in kleinen, linken Verlagen veröffentlicht, die kein Geld für Werbung haben. Da sind Lesereisen das einzige Mittel, auf sein Werk aufmerksam zu machen.

Wie schaffen Sie das? Haben Sie ein Geheimnis? Leben Sie vielleicht besonders gesund?

Nun, ich rauche nach wie vor drei Zigaretten am Tag (lacht). Und es gibt glücklicherweise ein paar Leute, die mich unterstützen und zu den Terminen fahren.

Womit begann Ihr Journalisten- bzw. Schriftstellerleben, was waren Ihre ersten Themen?

Ich wollte immer schreiben. Deutsch war in der Schule mein Lieblingsfach. Mit 16 Jahren nahm ich extra an einem Schönheitswettbewerb im Berliner Wintergarten teil, um darüber zu schreiben. Ich schickte den Beitrag an das »12-Uhr-Blatt« und wurde erstmals gedruckt. Neben meiner Arbeit als Sekretärin für die Zeitschriften »Filmkunst« und »Filmtechnik« schrieb ich weiter. Themen fand ich unter anderem durch Filme, die mich beeindruckten. Beispielsweise war der Dudow-Film »Kuhle Wampe«, zu dem Brecht und Ottwalt das Drehbuch geschrieben hatten, Anlass für einen Artikel. Auch eigene Erfahrungen verarbeitete ich. Im Büro verkehrten viele Größen aus der Filmbranche: Fritz Lang, G.W. Pabst oder Joris Ivens. Sehr häufig war der Regisseur Lupo Pick da. Als Lupo Pick unerwartet an einer Fischvergiftung in der Nacht nach einem Galaessen verstarb, gab ich das Entsetzen der Redaktion in einem Artikel »Büro, am Tage danach« wieder. Der erschien dann in der »Filmkunst«.

Auf welche Weise sind Sie zur KPD gekommen?

Ich stamme aus kleinen Verhältnissen. Mein Vater, gelernter Tischler, hatte sich 1918 selbstständig gemacht. Aber er konnte in den zwanziger Jahren, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, seine kleine Familie kaum noch ernähren. Ich erlebte als junger Mensch, wie er trotz fleißiger Arbeit auf keinen grünen Zweig kommen konnte. Schließlich musste er sein Gewerbe abmelden und stempeln gehen. Auf der anderen Seite gab es Schieber, Nichtstuer, die in vollen Zügen die »Goldenen Zwanziger Jahre« genossen. Diese Ungerechtigkeit empörte mich. So konnte es nicht weitergehen. Eine Zeit lang besuchte ich die MASCH, die Marxistische Arbeiterschule, wo Hermann Duncker seine Vorlesungen hielt. Und einmal hörte ich in der Humboldt-Universität einen Vortrag von Albert Einstein. Auf dem Heimweg drückte mir einer der roten Studenten, der mich begleitet hatte, ein Aufnahmeformular zum Eintritt in die KPD in die Hand, und ich unterschrieb. Ich wollte mithelfen an der Errichtung einer gerechteren Gesellschaftsordnung.

1932 traten Sie dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller bei. Nach Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 wurden die KPD und der Bund verboten. Wer nicht verhaftet wurde, ging ins Exil. Sie sind in Deutschland geblieben. Was hatte das für Konsequenzen?

Nach dem Verbot des Bundes arbeiteten wir illegal. Das heißt, wir schrieben wahrheitsgetreue Beiträge über das Leben im Dritten Reich, die in der Emigrantenpresse, vornehmlich in den »Neuen deutschen Blättern«, die Wieland Herzfelde in Prag herausgab, veröffentlicht wurden. Um etwas Geld zu verdienen, versuchten wir, harmlose Schmonzetten bei Ullstein oder in anderen noch relativ unabhängigen Zeitungen unterzubringen. Aber die Möglichkeiten dazu wurden immer geringer. Auch mein erstes Buch, das ich im Winter 1932/1933 geschrieben hatte, ein Handwerker-Roman, konnte nicht mehr erscheinen und wurde erst 1970 in der DDR unter dem Titel »Kleine Leute« veröffentlicht. Ich kam ins Frauengefängnis Barnimstraße, hatte Einzelhaft und schrieb dort, sozusagen unter den Augen der Gestapo, die mitlas, einen harmlosen kleinen Liebesroman. Er wurde später, nach meiner Entlassung, unter dem Titel »Junges Herz muss wandern« sogar veröffentlicht. Dann aber, nach Kriegsbeginn, konnte man gar nichts mehr schreiben, ohne den Nazis Konzessionen zu machen. Praktisch musste ich nach 1945 noch einmal ganz neu anfangen.

Wie ging es beruflich nach dem Krieg weiter?

Es war sehr schwer. Ich gehörte nicht zu den Autoren, die gefördert wurden. Johannes R. Becher wollte vom Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller nichts mehr wissen. In seinen Augen war das »Proletkult«. Er hat sich um die bürgerlichen Schriftsteller beispielsweise Bernhard Kellermann, Gerhart Hauptmann oder Hans Fallada bemüht. Wir vom Bund waren weg vom Fenster. Trotzdem haben wir, die übrig geblieben waren, uns regelmäßig getroffen. Wir dachten, jetzt können wir endlich die Wahrheit schreiben. Doch Optimismus war angesagt. Das Elend, die Not der Menschen nach dem Krieg oder die Vergewaltigungen sollten nicht thematisiert werden. Der Bund war eine Verbindung von Gleichgesinnten, ohne Statuten. Die berühmten Schriftsteller Anna Seghers, Ludwig Renn oder Friedrich Wolf kamen nicht zu uns. Sie hatten kaum etwas von uns gelesen und nahmen uns wohl nicht ernst. Wenig später hat Becher im Kulturbund eine Sparte für Schriftsteller gegründet. Dort wurden dann alle übernommen. Später entstand daraus der Schriftstellerverband der DDR. Erst nach Bechers Tod erinnerte man sich an den Bund. Man wollte uns eine Medaille verleihen. Da hatte ich keine Lust mehr und habe nicht teilgenommen. Das war der 60. Jahrestag der Gründung des Bundes.

Als Kommunistin bauten Sie die DDR mit auf. Sie hatten als Schriftstellerin eine besondere Funktion in ihr. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht? Und wie war es mit der Kritik?

Meine Bücher wurden immer heftig kritisiert, aber gern gelesen. Als Mitte der 50er Jahre mein Buch »Regina Haberkorn« erschien, schrieb eine Kritikerin »Vor roten Rosen wird gewarnt«. Es gibt im Buch eine Szene, in der sich Regine einen Rat von ihrem Meister einholt. Der Meister verehrt Regine. Zum Abschied schenkt er ihr ein paar Rosen aus seinem Garten. Das empfand die Rezensentin als oberkitschig. Weiterhin warf man mir vor, ich hätte einen volkseigenen Betrieb nur als Kulisse für eine gewöhnliche Ehegeschichte benutzt. Wochenlang kamen dazu Beiträge von Schriftstellerkollegen in der »Berliner Zeitung«. Einer erschien unter der Überschrift: »Vor solchen Kritiken wird gewarnt«. In einem anderen Text von Rudolf Hirsch hieß es: »Was hätte er denn der von ihm verehrten Frau schenken sollen, einen Band Politökonomie?« Alle empörten sich über diese Art und Weise, sogar Otto Grotewohl. Er äußerte: »Jetzt wird oft über rote Rosen gesprochen. Ja, warum pflanzen wir sie denn? Doch wohl, um sie unseren Frauen zu schenken.« Dieser Wirbel hat anderseits dem Verkauf des Buches sehr genützt, da waren ganz schnell 100.000 weg.

Davor hatte ich ein Buch über die Arbeiter- und Bauernfakultät geschrieben. Eine zweite Auflage, die geplant war, wurde abgebrochen. Die ABF-Studenten warfen mir vor, ich hätte sie so geschildert, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen – also als Idealgestalten. Die Dozenten forderten sogar, das Werk aus dem Handel zu nehmen. Eine Studentenzeitung stellte den Vorabdruck ein. Das alles war schwer auszuhalten. Man musste sich schon ein dickes Fell zulegen.

Wird man nicht wütend, wenn man den Krieg überlebt hat, an eine Idee glaubt, die DDR aufbauen will und dann als Journalistin und Schriftstellerin eingeschränkt wird?

Natürlich. Ich habe gerade meine »Regine Haberkorn« noch einmal zur Hand genommen. Also ich muss sagen, die hätten froh sein sollen, dass es so ein Buch gab. Damals boomten die so genannten Betriebsromane. Von Hans Marchwitza gab es »Roheisen«. Und von Maria Langner »Stahl«, für den sie den Nationalpreis bekam. Dieses Buch bestand fast nur aus Leitartikeln, die schwer zu lesen waren.

Meinen Sie, es gibt eine Wahrheit? Kann man den Anspruch, wahrhaftig zu berichten, überhaupt erfüllen?

Ich habe mich bemüht, die Wahrheit zu schreiben. Vor heißen Eisen bin ich nicht zurückgeschreckt. In den 60er Jahren habe ich eine Reportage geschrieben über fehlentwickelte Jugendliche. Die Reportage wurde totgeschwiegen, wurde nirgends besprochen oder erwähnt. Ich habe an Otto Gotsche, der war enger Mitarbeiter von Walter Ulbricht, und an Alexander Abusch geschrieben. Gemeinsam suchten wir Wege zu finden, um die gestrauchelten Jugendlichen wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

In Ihrer Biographie »Und außerdem war es mein Leben« resümieren Sie: »Sollten mich junge Leute fragen, was meiner Meinung nach das Wichtigste im Leben ist, so würde ich ihnen antworten: Das Wertvollste ist, neben einem gesunden Körper, eine Arbeit, die Befriedigung gibt. Sie kann beglückender sein als die Liebe, ist beständiger als die Leidenschaft und niemals so quälend wie die Eifersucht.« Ist die Liebe eine Illusion?

Eine große Liebe ist mir leider in meinem Leben nicht zu Teil geworden.

Wenn man die große Liebe nicht getroffen hat, vermisst man sie bestimmt nicht?

Das, was ich als meine große Liebe bezeichnen könnte, war sicher die Verbindung zu einem Mann, der als Jude und Kommunist, gleich nach dem Reichstagsbrand das Land verlassen musste. Er floh zunächst nach Prag, wo wir uns noch ein paar mal getroffen haben. Dann emigrierte er nach Amerika. Ich habe viele Briefe von ihm, wir waren lange in Kontakt, aber wir haben uns niemals wieder gesehen. Jetzt lebt er nicht mehr.

Meinen Sie, die Arbeit war Ihnen dann wichtiger, so dass Sie gar nicht das Bedürfnis nach Partnerschaft hatten?

Sicherlich war das so. Für mich stand die Arbeit an erster Stelle. Und ich fragte mich, wie andere es schaffen, Arbeit und Familie harmonisch zusammenzubringen. Ich glaube, ich hätte das nicht gekonnt. Nach meiner Scheidung lebte meine Mutter mit mir im Haus. Sie entlastete mich von der Hausarbeit. Dadurch war es möglich, dass ich mich nur auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Immerhin sind dabei im Laufe der Zeit 28 Bücher entstanden.

Gibt es ein Buch von den 28, welches Sie als Ihr wichtigstes ansehen?

Nein, ich habe immer gesagt: Das letzte Buch ist das wichtigste. Allerdings das Coppi-Buch »... damit du weiterlebst« (1949) über das Schicksal der Widerstandskämpferin Hilde Coppi bleibt ein besonderes für mich.

Aus heutiger Sicht, was ist da aus Ihren Idealen geworden, glauben Sie weiter an die Idee von Kommunismus/Sozialismus?

Es gibt eine riesige Ungerechtigkeit: diese Millionäre und Milliardäre auf der einen und die wachsende Armut, die große Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite. Aber nichts bleibt so, wie es ist. Und so kann es nicht bleiben.

Sind Sie in einer Partei?

Ja, in der LINKEN.

Was bedeutet für Sie links sein?

In erster Linie der Kampf um Gerechtigkeit.

Haben Sie eine Botschaft, etwas, was Sie der jungen Generation mit auf den Weg geben möchten?

Ich wünschte mir, dass die jungen Menschen zusammen aktiver würden. Mein Eindruck, mein Gefühl ist, jeder macht so seins, jeder lebt für sich allein. Das muss überwunden werden.

(Langes Schweigen)

Mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht sagen.

Ich hatte die Hoffnung, dass Sie noch optimistisch sind …

Das ist heute schwer. Manchmal denke ich, im Großen und Ganzen geht es den Leuten noch zu gut. Verglichen mit den 30er Jahren, der Weimarer Republik: Damals gab es sehr wenig Arbeitslosenunterstützung, von der konnte man nicht leben. Wir waren absolut fest davon überzeugt, dass wir bald Revolution machen und warteten auf das Zeichen zum Aufbruch. Der kam nicht, weil die Arbeiterparteien uneins waren. Wenn man heute sieht, mit welchen Methoden Die LINKE bekämpft wird von den anderen Parteien und den Medien, da kann einem angst und bange werden.

Könnte es erneut ein Drittes Reich geben, halten Sie das für möglich?

Leider. Ich fürchte immer, dass irgendwann wieder ein Hitler erscheint, dem alle nachrennen. Das halte ich durchaus für möglich. Wieso unternimmt der Staat so wenig gegen die rechte Gefahr?

Sie sind für ein Verbot der NPD?

Absolut. Eher heute als morgen.

Ihr neues Buch »Ich musste einfach schreiben, unbedingt. ... Briefe mit Zeitgenossen 1930-2003« ist gerade erschienen. Woher kam die Idee dazu?

Also, ich glaube, es war im Jahre 2005, als ich zufällig ein Buch von Erika Mann entdeckte, das ebenfalls ihre Briefe enthielt. Ich fand den Band sehr interessant und kam auf die Idee, ebenfalls meinen Briefwechsel zu veröffentlichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings meinen Vorlass bereits an das Fritz-Hüser-Institut in Dortmund weggegeben, was Arbeiterliteratur sammelt. Also kam ich an meine Sachen nicht mehr heran. Ich schrieb an das Institut, und nach geraumer Zeit teilten sie mir mit, dass sie sich selbst entschlossen hätten, die Briefe zu publizieren. Sie beauftragten mit der Herausgabe eine Literaturwissenschaftlerin, Frau Eleonore Sent aus Dinslaken. Ich hätte eigentlich lieber gesehen, dass jemand aus den neuen Bundesländern, der in der DDR gelebt hat, die Arbeit übernimmt. Aber Frau Sent hat eine sehr gründliche und gute Arbeit geleistet, für die ich ihr sehr dankbar bin.

Stimmt es, dass zu Ihrem 100. Geburtstag eine Filmdokumentation über Ihr Schriftstellerleben erscheint?

Richtig, zwei Schriftstellerkollegen von mir haben sich in den Kopf gesetzt, einen Film über mein Leben zu drehen. Das sind Sabine Kebir, sie hat über die Brecht-Frauen geschrieben, und Wolfgang Herzberg. Beide lesen im Moment alle meine Bücher. Ein paar Aufnahmen wurden sogar schon gedreht. Allerdings fehlt vorläufig jemand, der das Projekt finanziert.

Interview: Susann Schidlowski