Disput

Lebensabend in Not

Tapfer jeden Tag meistern – mit Angst vor dem Alter

Von Astrid Wörn

Meine Arbeit als Sozialpädagogin habe ich aufgegeben. 12 Jahre hatte ich eine 36-Stunden-Woche. 12 Jahre begleitete und pflegte ich meine demenzerkrankte Mutter, während ich teilweise noch berufstätig war. Gemeinsam mit meiner Freundin lebte ich in ständigem Bereitschaftsdienst. Immer habe ich versucht, den Alltag meiner Mutter und den vieler anderer alter Menschen im Pflegeheim freundlich und würdig zu gestalten, und wer ein Pflegeheim von innen kennt, der weiß, dass dieses Schwerstarbeit ist. Ich habe all meine Zeit und Kraft gern und uneigennützig verschenkt an Menschen, die Hilfe und Trost brauchten. Nicht weggucken, nicht stumm bleiben, sondern seine Stimme erheben, nicht hart werden in übergriffigen Zeiten, sondern gemeinsam mit Gleichgesinnten für Besseres kämpfen, das war schon ein Ideal meiner Kindheit und auf diese Lebensleistung bin ich stolz. Zivilcourage wird aber nicht belohnt und soziales Engagement ebenfalls nicht, das musste ich bitter lernen. Die Pflegejahre hatten an meiner ohnehin angegriffenen Gesundheit gezehrt. Fast fünf Jahre dauerte es, bis ich meine Zeitrente erhielt. Mein Widerspruch wurde mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt und erst eine Klage vor dem Sozialgericht gab mir Recht. Ich erhalte eine Rente und darf teilzeitig arbeiten.

Zu der Zeit war ich 50 Jahre, berufserfahren, lebensklug und voller Hoffnung. Wie viele Bewebungen ich dann geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich es einfach nicht verstehen konnte, wieso man mir keine einzige Chance gab. Ich fand dann endlich bei einer Beratungsstelle für Integration eine stundenweise Beschäftigung. Zu verdanken habe ich das einer klugen Chefin, die sich für mich entschieden hat – nicht aufgrund lückenloser Arbeitsnachweise, sondern danach, wie ich als Mensch auftrete und wie ich über das Leben und meine Arbeit denke.

Mit Unterbrechungen arbeite ich bis heute in dieser Beratungsstelle. Aber immer kommt nach einem Jahr, spätestens zwei Jahren die bange Frage, ob es weitergeht. Ich habe einen sehr langen, teuren Arbeitsweg und verdiene im Rahmen eines Minijobs. Jeder Cent darüber wird von der Rentenversicherung akribisch verrechnet und gegebenenfalls sofort von meiner Rente abgezogen.

Ich brauche regelmäßig B-12-Spritzen und andere Vitamine und Mineralien, weil mein Körper die Nahrung nicht gut aufnimmt und verwertet. Keine Kassenleistung, alles muss ich selbst bezahlen und das bei einem Monatseinkommen von nur etwas über 700 Euro. Verzichte ich auf meine Heilmittel und die Substitution, bin ich innerhalb kurzer Zeit krank und arbeitsunfähig. Dann müsste ich zu meiner kleinen Rente ergänzende Leistungen zum Lebensunterhalt oder Grundsicherung beantragen. Dafür muss ich mich beim Amt entblößen, alles vorzeigen, Kontoauszüge, jeden Cent angeben. Ich habe das kurzfristig machen müssen und möchte es wirklich nicht noch einmal erleben. Sogar meine Steuerrückzahlung in Höhe von 18,50 wurde verrechnet. Es ist ein schlimmes Gefühl, man schämt sich im Stillen, nach außen lässt man sich nichts anmerken.

So kann ich mich drehen und wenden, nie komme ich über gut 700 Euro hinaus. Wie soll ich davon Rücklagen für mein Alter schaffen? Wie meinen Beitrag erhöhen, damit ich im Alter etwas mehr Rente bekomme? Meine beiden Lebensversicherungen sind schon längst aufgelöst. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass mein Konto schon am 1. des Monats im Minus ist. Was soll ich machen, ich muss mich glutenfrei ernähren, die Spezialdiät ist überdurchschnittlich teuer, ein 250g-Brot kostet drei Euro. Ich brauche vernünftige Kleidung, ich kann nicht im Winter mit Sommersandalen zur Arbeit laufen oder in dreimal geflickten Jeans daherkommen. Inzwischen habe ich auch keine alten Wollpullover mehr, die ich auftrenne und neu verstricke. Irgendwo hat alles Sparen seine Grenzen. Ich arbeite, um meine Lebenshaltungskosten zu bezahlen, und nicht einmal dafür reicht es. Ich esse und schlafe, um den nächsten Tag zu schaffen, und daran wird sich bis an mein Lebensende kaum etwas ändern.

Armut macht krank. Das stimmt. Ich spüre es am eigenen Leib – achte nicht mehr auf mein Rheuma, gehe mit Schmerzen zur Arbeit. Wenigstens diesen Minijob will ich behalten, um keine Sozialtransfers zu benötigen. Im Alter werde ich sie brauchen, denn mein Gesundheitszustand lässt es nicht zu, dass ich mit 65 oder gar 70 Jahren noch dazu verdiene. Dann darf ich nach einem langen Leben auf dem Amt sitzen.

Gäbe es wenigstens noch die Möglichkeit wie in der alten Sozialhilfe, besondere Leistungen beantragen zu können! Dann müsste ich heute und im Alter nicht eine Brille tragen, die nicht mehr meiner Sehschärfe entspricht, dann könnte ich alle paar Jahre ein paar warme Winterstiefel beantragen und müsste nicht den ganzen Winter kalte Füße haben. Die wirklich furchtbare Hartz-IV-Gesetzgebung hat jede individuelle Hilfe unmöglich gemacht. Wenn sich in unserem Land die sozialpolitischen Verhältnisse nicht grundlegend ändern, wird es eine Altersarmut in noch nicht vorstellbarem Ausmaß geben. So wie mir wird es Millionen von Menschen gehen, die ihren wohlverdienten Ruhestand in Angst um das tägliche Auskommen verbringen müssen, obwohl sie ein Leben lang hart gearbeitet und keine Rücksicht auf ihre Gesundheit genommen haben. Wenn dann von den Kindern oder der Gemeinde finanzielle Unterstützung kommt, gibt es Abzüge bei der Unterstützung. Es ist so absurd, dass man es nicht glaubt, wenn man es nicht real erlebt hat.

Ich habe mir niemals vorstellen können, im Alter arm zu sein. Wohin geht die Reise? Das Rad dreht sich immer schneller. Weltweite Pleiten werden vom Staat aufgefangen, aber für die Bürger ist nichts übrig. Jeden Monat öffnen neue Tafeln für Kinder, Alte und kinderreiche Familien. Schön, dass es so etwas gibt, aber wer einmal den zusammengefallenen Salat gesehen hat oder die leicht grünlich verfärbte Wurst, dem wird schon schwindlig. Kalte, schimmlige Wohnungen, mangelnde ärztliche Versorgung besonders auf dem Land, keine Teilhabe am Leben, kein Urlaub, keine Kur, kein Konzert, das ist die traurige Lebensrealität von immer mehr Menschen auch im Alter.

Hoffnung hält am Leben und die Aussicht auf einen ruhigen Lebensabend nach einem anstrengenden, tätigen Leben soll jedem Menschen zustehen. Das Leben ist letztlich wenig planbar und Schicksalsschläge gehören dazu. Aber der Staat hat die vornehmliche Aufgabe, hier ordnend und ausgleichend zu wirken. Der Staat hat eine Fürsorgepflicht. Ich lebe seit Jahren am Existenzminimum und werde es auch weiterhin tun. Ich habe schlaflose Nächte, in denen ich mich im Kreis drehe und doch nichts ändern kann, denn ich bin an meinem absoluten Sparlimit. Mehr geht nicht, und wenn alles noch teurer wird und meine Gesundheit sich verschlechtert, bin ich am Ende. Bis dahin meistere ich tapfer jeden Tag, gucke in die Sterne und weiß, dass es an mir als freier Bürgerin liegt, wen ich im nächsten Jahr wähle.