Disput

Oh, oh, oh, Obama!

Satire

Von Jens Jansen

Ich bin ja so froh, dass Amerika gewählt hat! Anderthalb Jahre haben mir die Fernsehnachrichten die Ohren vollgeblasen, als wäre Deutschland der 51. Bundesstaat der USA. Zugegeben: Unsere Regierenden tun alles, um diesen Eindruck auch außerhalb des Wahlkampfes wach zu halten. Aber: Was war die Arschkriecherei der DDR gegenüber Moskau verglichen mit der Liebedienerei der Bundesrepublik gegenüber Washington? Zur Begründung dieser Hingabe sagen alle Sonntagsredner und Sonderkorrespondenten: Das ist das mächtigste Land der Welt. Regiert vom mächtigsten Mann der Erde. Gottes eigenes Land voller unbegrenzter Möglichkeiten. Bezwinger des Mondes und bald auch Afghanistans. Lieferant für Atomraketen und Kaugummis. Heimat der Banker und Bettler. Erfinder der Freiheit und der Fernsehserien. Alles richtig.

Wenn da nur nicht andauernd irritierende Nachrichten dazwischen kämen: Keine staatliche Sozialversicherung, aber Weltmeister im Rüstungsexport. Keine Zustimmung zu Klimaabkommen, aber größte Dreckschleuder der Erde.

Keine Einkommensbegrenzung, aber Weltrekord an Staatsverschuldung. Keine Beschränkung privaten Waffenbesitzes, aber Spitze bei Serienkillern usw.

Ich bin ja so froh, wen Amerika gewählt hat! »Den ersten schwarzen Präsidenten!« Aber ist der nicht eher »hellbraun«? Kommt der nicht von einer Elite-Universität? Hatte der nicht wenigstens eine weiße Großmutter? Und steht nicht seit 225 Jahren in der Verfassung, dass alle Menschen gleich sind? Reicht nicht, dass über 40 Millionen Wähler den Farbigen nicht wollten?

Alle Klatschtanten und Talkmaster der deutschen TV-Kanäle sind sich einig: Der Mann ist sympathisch, jung, cool, lässig, ein Popstar! Frau Merkel wirkt daneben wie seine Oma. Eine neue Ära bricht an! Sein wichtigster Wahlhelfer war der Volltrottel Bush. Kein Hund frisst von dem nach acht Jahren Amtszeit.

Nur die deutsche Kanzlerin ließ Stralsund räumen, um den zu umarmen. Jetzt schwören alle, dem nie die Füße geküsst zu haben. Diese gebückte Haltung war immer nur der Anlauf zum Fußtritt. Fast tut mir der Bush leid.

Ich bin ja so froh, wie Amerika gewählt hat! Es haben sich endlich mal mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten beteiligt. Sonst sprach ja jeder der »mächtigsten Männer der Welt« nur für ein Viertel seiner erwachsenen Landsleute, was keinen hinderte, immer neue Kriege anzuzetteln. Dass nun eine satte Mehrheit Obama gewählt hat, stimmt auch nicht ganz. Gewählt wurden die 538 Wahlmänner, die den Präsidenten wählen dürfen. Oder direkt gesagt: Der Präsident der USA geht aus indirekten Wahlen hervor. Da wurde schon mancher mit mehr Stimmen beiseite geschoben. Und die einzelnen Bundesstaaten haben ein sehr unterschiedliches Gewicht bei dieser Art Wahl.

Egal, es ist vollbracht, nicht zuletzt, weil Obama und seine Sponsoren über 600 Millionen Dollar Wahlkampfspenden zusammengetrommelt haben, während sein Gegenkandidat mit 300 Millionen hängen blieb. Drum sagt meine Oma ja immer: Geld regiert die Welt! Aber die weiß eben nichts von moderner Demokratie.

Ich bin ja so froh, was in den USA gewählt wurde! Nun ja, man wählt keine  Programme, sondern Personen. Aber die Ansichten und Absichten der Personen können ja variieren. Jedenfalls, so lange die Sponsoren nicht auf Rückzahlung klagen. Denn so viel bleibt wohl wahr: Wer den mächtigsten Staat der Erde regiert, der muss das Vertrauen der mächtigsten Stützen des Staates in den Banken und Konzernen haben. Da haben die Falken im militärisch-industriellen Komplex ihre Leute, die Tauben in der Zivilgüterproduktion aber auch. Und wenn die Kriege der Vorgänger keine Beute brachten, dann haben die Tauben mehr Bewegungsfreiheit als die Falken. Deshalb hat Obama ja auch gerufen: Wir wollen den Wandel! Yes, we can! Das klang so wie »Wir sind das Volk!« Deshalb hatten so viele Berliner bei Obamas Besuch mitgeschrieen.

Ich bin ja so froh, warum nun ein Wechsel im Weißen Haus erfolgt! Zwei ungewinnbare Kriege im Irak und in Afghanistan. Zwei unlösbare Krisen in der Wirtschaft und im Finanzwesen. Zwei unaufschiebbare Weltprobleme beim Klimaschutz und beim Hunger. Da muss nun endlich ein »Hoffnungsträger« einsteigen, der das Zuhören besser beherrscht als das Zuschlagen. Aber auch Obama fordert ja mehr Moneten und Raketen von Deutschland. Und Weicheier werden in den USA schnell einsam. Wünschen wir ihm das Beste und vor allem ein langes Leben, denn die Rambos in »Gottes eigenem Land« können sehr rabiat sein, auch und gerade gegen ihre Präsidenten!