Disput

Der Neunte im November

Krieg und Verbrechen, auch Jubel und Chance – der 9.11. in der Geschichte

Von Peter Porsch

Wo vom 9. November die Rede ist, ist von einem »Schicksalstag der Deutschen« die Rede. Und tatsächlich, man könnte sich der Astrologie zuwenden, summiert man jene Ereignisse, die sich jeweils an einem 9. November zutrugen. Man muss nicht bis zur Flucht des böhmischen Königs Friedrich I. von Prag nach Breslau am 9. November 1620 nach der Niederlage bei der Schlacht am Weißen Berg und die Folgen für den Verlauf des Dreißigjährigen Krieges zurückgreifen. Es reicht zunächst schon das 20. Jahrhundert.

Die Ausrufung der »Deutschen Republik« durch Philipp Scheidemann und der »Deutschen Räterepublik« durch Karl Liebknecht ereigneten sich am 9. November 1918. Die SPD setzte sich durch, und es war der Weg geebnet zur »Weimarer Republik« als einer ersten Chance Deutschlands für Demokratie in einer parlamentarischen Republik.

Der verbrecherische Angriff Adolf Hitlers mit seinem Marsch zur Feldherrenhalle am 9. November 1923 ließ freilich bereits das Ende dieser Chance wenige Jahre später erahnen. Schon am 9. November 1925 ordnete Hitler die Gründung der Schutzstaffel an. Gewalt tritt immer mehr an die Stelle von demokratischer Willensbildung. Als mit der Machtergreifung der Nazis 1933 alles Demokratische verschwinden musste und Rassismus und vor allem Antisemitismus zur Staatsdoktrin wurden, ging der Weg schnurstracks zum 9. November 1938, der sogenannten »Reichskristallnacht« – eine ewige Schande für Deutschland, der Beginn einer langen Nacht für die Welt. Nicht zufällig, sondern gewollt war deshalb die Eröffnung der neuen Münchener Hauptsynagoge am 9. November 2006.

Das Ende von Faschismus und Nationalsozialismus bescherte eine geteilte Welt und ein geteiltes Deutschland mit verschiedenen Auffassungen von Demokratie, Ökonomie und Politik. Der galoppierende Verlust von Demokratie und eine zerstörerische Allgegenwart von Politik auf der einen Seite und arrogante Hegemonialansprüche auf der anderen Seite brachten die Jahrzehnte lange Trennung Deutschlands, seit 1961 durch eine Mauer. Sie zerbrach an den Rufen »Wir sind das Volk!« und »Keine Gewalt!« just an einem 9. November, an dem des Jahres 1989. Der Fall der Mauer eröffnete zu allererst natürlich für die DDR-Bürgerinnen und -Bürger wieder die Wege in die Welt. Sie wurden, jenseits der Mauer angekommen, jubelnd begrüßt.

Der 9. November 1989 wies aber auch neue Wege zur Demokratie, und zunächst vielfältige: Mag sein, dass die Zeit zwischen diesem 9. November und den Wahlen zur Volkskammer im März darauf für einige auch die Zeit war, sich den Hals so schnell wie möglich beim Wenden zu verdrehen, für viele war es jedoch zuvörderst eine Zeit der Erfahrung höchst produktiver und höchst demokratischer Anarchie. Weder die Regierung unter Hans Modrow noch der »Runde Tisch« hatten so viel Macht, die Vielfalt der Selbstorganisation vor Ort, in den Kommunen, in den Betrieben, in den Universitäten und Hochschulen zu kontrollieren oder gar entscheidend zu lenken und zu prägen. Komitees und Kommissionen, Initiativgruppen und was die Phantasie sonst noch alles zuließ bastelten an Satzungen und Verfassungen. Litfasssäulen luden zur öffentlichen Debatte der öffentlichen Angelegenheiten ein, das Volk nahm über die Leserbriefseiten die Zeitungen partiell in Besitz.

Die Ergebnisse waren meist originell, herausfordernd, einladend zum Mitmachen. Vor den politischen Verhältnissen in der Welt und in Deutschland hielten sie leider nicht stand. »Wir sind ein Volk« brachte das eine Deutschland – in den Farben der BRD und ohne die in deren Grundgesetz angelegte Chance auf eine neue, gesamtdeutsch ausgearbeitete Verfassung zu nutzen. Demokratisch war die Sache und ist die Sache allemal, politisch knirscht das Konstrukt des Beitritts neuer Länder zum Grundgesetz auch noch nach fast zwanzig Jahren beträchtlich, vor allem vom Stand der sozialen Ungerechtigkeit und der alten Arroganz der einen Seite.

Die Weltpolitik allerdings hat alles anerkannt: Am 9. November 1990 unterzeichneten Deutschland und die Sowjetunion den »Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit«. Wie sich die Dinge tatsächlich entwickelten, wissen wir heute. Aber nicht nur der »real existierende Sozialismus« wurde zum »real gescheiterten Sozialismus« und begrub mit sich vielleicht auch überkommene Konflikte. Die alte Konkurrenz und Feindschaft USA – Sowjetunion dräut heute gefährlich ähnlich wieder zwischen Russland und den USA herauf. Da scheint auch schon vergessen, was am 9. November 1992 immerhin noch in Kraft trat: der 1990 zwischen NATO und Warschauer Vertrag unterzeichnete »Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa«.

Spätestens an der Stelle könnte man die Kladde »9. November« schließen und die Tatsache, dass Markus Wolf ausgerechnet am 9. November 2006 starb, als letzte, fast skurrile Fußnote der Geschichte betrachten. Aber dieser Tag hat durchaus auch europäische und nicht nur deutsche Dimensionen.

Es war der 9. November des Jahres 1799 oder der 18. Brumaire VIII nach der Zeitrechnung der Französischen Revolution, als Napoleon Bonaparte gemeinsam mit seinem Bruder in einem Staatsstreich das Direktorium auflöste und damit de facto das Ende der Französischen Revolution setzte. Für Europa hieß das Krieg für lange Zeit. Napoleon selbst musste aber, wie andere nach ihm, erkennen, dass man vor Moskau stehend noch nicht einmal das Vorzimmer Russlands vollständig durchquert hatte, sich aber vor Erschöpfung schon in desolatem Zustand zurückziehen musste.

Erschöpft hat sich später übrigens auch das französische Kolonialreich. Dafür steht zum Beispiel der 9. November 1953, an dem Kambodscha aus der Union Francaise austritt. Es wird danach noch einen verhängnis- und leidvollen Weg gehen müssen. Die Schande des Pol-Pot-Regime wird jedoch nicht zum Menetekel für den Sozialismus, sondern zur Schande für die USA, die dieses Mörderregime noch in der UNO halten, als es längst in die kambodschanischen Urwälder getrieben war.

Deutschland brachte Napoleons Aggression den Einheitsgedanken und das Streben nach demokratischer Verfassung gegen Fürstenwillkür und Kleinstaaterei. Die Restauration dynastischer Mächte und die Aufteilung Europas nach ihren Interessen auf dem Wiener Kongress 1814/15 wurde mit der Revolution 1848 nachhaltig in Frage gestellt. Die alten Mächte reagierten darauf nicht zimperlich. Symbolisch dafür steht die Erschießung des Abgeordneten zur Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum in Wien am 9. November 1848.

Zurück aber zur Gegenwart: Wer sich nach 1990 nicht nur ein Ende des Kalten Krieges und der mit ihm verbundenen Bedrohungen erhoffte, sondern überhaupt ein friedliches Europa mit friedlichen Konfliktlösungen, wurde spätestens mit dem gewaltsamen Eingreifen der NATO in die Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien enttäuscht. Serbien, das sich weiter als Jugoslawien verstand, war ihr Feind. Es war wiederum ein 9. November, und zwar im Jahre 1993, an dem die »Alte Brücke« der Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina durch andauernden kroatischen Beschuss zerstört wurde. Da wurde nicht nur ein architektonisches Meisterwerk zerstört, sondern eine seit dem 16. Jahrhundert bestehende Brücke zwischen Völkern und Kulturen, zwischen Kroaten und Serben, zwischen Christentum und Islam zwischen Katholizismus und christlicher Orthodoxie. Die Brücke wurde originalgetreu und mit den alten Steinen wieder aufgebaut. Der Schaden, den die Umstände ihrer Zerstörung und die Zerstörung selbst anrichteten, könnte für Jahrhunderte irreparabel bleiben. Die NATO-Staaten tun aber so, als hätten sie damit nichts zu tun.

Wie sagte Julius Fucik unter dem Galgen? »Menschen seid wachsam …« Das gilt wohl das ganze Jahr über und nicht nur am 9. November.

Prof. Dr. Peter Porsch ist Germanist und Abgeordneter der LINKEN im sächsischen Landtag.