Disput

Gier

Feuiletton

Von Jens Jansen

Nie in den letzten 18 Jahren gab es in den Nachrichtenmagazinen und Kommentaren so viele Marx-Zitate wie in den letzten Wochen. Dabei hatte Charlie M. weder Geburtstag noch Todestag, aber einen Tag der Wiedergeburt. Das war der Schwarze Montag an der Börse, als der Präsident der USA verkünden musste: Unser System steht vor dem totalen Zusammenbruch!

Bei der Suche nach Gründen fanden viele Experten die Warnung von Karl Marx: »Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn ... 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; 100 Prozent, es stampft alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.«

Das ist die nackte Wahrheit über das kapitalistische System. Und weil selbst Bush derlei ahnte, verlangte er, 700 Milliarden Dollar für die Rettung des unrettbaren Systems einzusetzen. Natürlich gegen Anteilsscheine – was einer Verstaatlichung der größten Bankhäuser gleichkommt. Und unter straffer Kontrolle der künftigen Geschäftsführung – was an die Planwirtschaft erinnert. Gleich hieß es: Das ist Radikalsozialismus! Das ist unamerikanisch! Oder wie der »Spiegel« titelt: »Der Anfang vom Ende des amerikanischen Kapitalismus«.

Aber warum das alles? Seit der Implosion des Sozialismus fühlt sich der Kapitalismus enthemmt – politisch, moralisch, ökonomisch und militärisch. Politisch wurde Osteuropa verhackstückt. Moralisch wurden alle sozialen Errungenschaften dem Diktat des Kapitals unterworfen. Ökonomisch wurden alle staatlichen Fesseln für renditeträchtige Kapitalanlagen gesprengt. Militärisch wurde der Degen blank gezogen, überall wo es nach Öl oder Systemkritik riecht.

Die Banken und Börsen feierten Maximalprofite. Zwar hatte Marx mal gewarnt, dass die Geldumlaufformel das Gleichgewicht zwischen Warenproduktion und Zahlungsmittel braucht. Aber die Losung der Banken war: »Heute kaufen – morgen zahlen!« Die Verschuldung der Familien und Staaten stieg uferlos. Die Bereicherung der Manager und Aktionäre wurde pervers. Inzwischen ist zehn mal mehr Geld im Umlauf, als die Wirtschaft aushält. Das ist vagabundierendes Kapital auf der Suche nach Profit: Mal geht eine Handyfabrik von Bochum nach Rumänien. Mal werden Häuser und Wohnungen von unbekannten Fonds aufgekauft und über Wert wieder verscherbelt. Mal balgen sich die Energiefresser um die Ölquellen im Irak oder im Kaukasus. Und immer sind ungedeckte Schecks und Zertifikate im Spiel, entpuppt sich der Gegenwert als Seifenblase, gehen Milliardenkredite an Personen und Institutionen, die gar nicht kreditwürdig sind. In den USA lief das sogar zum halben Steuersatz. Welchem Bankier trieft da nicht der Zahn? Und nun ist das Fass übergelaufen. Der Staat muss für das Doppelte seines jährlichen Nationaleinkommens faule Kredite der gewissenlosen Geldhaie aufkaufen, um einen Kollaps des Finanzsystems abzuwenden. Bezahlen müssen wir für die schamlose Gier!

Und diese Gauner, Gangster und Ganoven wollen die Zukunft der Menschheit gestalten? Gegen 26 Finanzkonzerne der USA ermittelt das FBI. 1.400 Firmen und Manager stehen unter Betrugsverdacht. In London, Paris, Luxemburg, Brüssel und Berlin geht es ähnlich zu. Alle Neunmalklugen in Wirtschaft und Politik haben die Liberalisierung verlangt. Nun schimpfen Bundespräsident Köhler über die »Monster«, Altkanzler Schmidt über den »Raubtierkapitalismus« und Einpeitscher Müntefering über die »Heuschrecken«. Alle zeigen mit dem Finger nach Washington. Dabei steht uns in Deutschland ebenfalls das Wasser bis am Hals. Frau Merkel zog stets auf Knien zu Bush. Alle wollten dem »American way of life« folgen. Nun sollen die Wölfe Vegetarier werden. 

Die Kirche predigt schon 2000 Jahre gegen die sieben Todsünden, und alle Politiker, Banker und Börsianer des Abendlandes bekreuzigen sich. Nach jeder Krise heißt es: Das konnte keiner ahnen!

DIE LINKE sagt in ihrem Gründungsdokument vom 25. März 2007 in Kapitel 1: »... Deutschland ist ein reiches Land. Allerdings sind die Beteiligung am gesellschaftlichen Reichtum und die Lebenschancen ungleich verteilt ... Das ist Folge hoch konzentrierter Kapitalmacht und entsteht aus dem Vorrang der internationalen Finanzmärkte und dem Übergang vom sozialstaatlich regulierten Kapitalismus zu einer marktradikalen, neoliberalen Politik.«

Wenn die Merkel, der Münte oder Westerwelle das begreifen würden, könnten sie einen Aufnahmeantrag bei uns anfordern. Aber zu den sieben Todsünden gehört ja neben der Gier auch der Hochmut.