Disput

Ohne Amtsgehabe

Petra Hort über den Reiz des Lebens- und Wohnortes Wanzleben und den Ärger mit der Gemeindegebietsreform in Sachsen-Anhalt

Von Susann Schidlowski

»Einmal nach Wanzleben, Breitscheidstraße.« Der Fahrer der Buslinie KVG 8 vor dem Magdeburger Hauptbahnhof reicht lächelnd die Fahrkarte: »Zwei Euro sechzig, billiger geht es nicht.« Ohne Eile beginnt er ein Schwätzchen: Fragt, lacht, erklärt, bis er endlich den Motor anlässt. Ein paar Minuten später verlässt der Bus Sachsen-Anhalts Hauptstadt. Vor den Fenstern zieht die flach-gewellte Landschaft der Magdeburger Börde vorbei. Wanzleben befindet sich südwestlich der Landeshauptstadt am Fluss Sarre.

Die Augen der Großstädterin ruhen auf den Zuckerrübenfeldern. Aus der Fahrerkabine schallt es: »Aussteigen, Wanzleben!« Am Ziel Bauarbeiter und aufgerissene Straßen – die Archäologen haben Gräber gefunden. Ein Pärchen erklärt den Weg zum Rathaus. Ruft dreimal aufgeregt hinterher: »Rechts rein.«

Auf dem Weg in die Innenstadt Fachwerkhäuser passend zum Kern der Stadt. Schmale, verkehrsarme Straßen, die wenigen Passanten grüßen freundlich. Der Markt ist um kurz nach zehn fast verwaist, nur in der Konditorei »Trieb« sitzen vier Männer beim Frühstück. Ihr Blick schwenkt zwischen Capuccino und historischem Rathaus. Wanzleben ist eine Stadt mit Geschichte. Die Historie ihrer Burg reicht bis ins neunte Jahrhundert zurück, das Rathaus wurde im Spätmittelalter erbaut. In diesen überlieferten Charme reiht sich das für den Alltag der 5.100 Einwohner Nötige ein: Supermärkte, Friseurläden, Kindertagesstätten, Schulen und Sportstätten. Seinen Reiz bezieht der Lebensort Wanzleben aus der in städtischen Strukturen erhaltenen Ruhe und der Nähe zur Landeshauptstadt Magdeburg.

Im mehrfach zerstörten, wieder aufgebauten Rathaus hat Petra Hort ihr Büro. Die 53jährige LINKE ist Bürgermeisterin der Stadt und Leiterin der Verwaltungsgemeinschaft »Börde« Wanzleben. Erstaunlich, die Partei DIE LINKE steht mit fünf Sitzen im Stadtrat von Wanzleben einer CDU-Mehrheit von sieben Sitzen gegenüber. Die SPD verfügt über fünf Sitze, die restlichen drei Sitze entfallen auf die Freie Wählergemeinschaft. Wie kann eine Kandidatin der Partei DIE LINKE Bürgermeisterin in einer durch die CDU dominierten Gegend werden? Die Bürgermeisterwahl gilt in der Regel als Personenwahl. Was macht also die Person, den Menschen Petra Hort aus? Der erste Eindruck – aufrichtige Freundlichkeit ohne Amtsgehabe. Eine bodenständige, rundliche Frau, die im Gespräch sofort »Zuhause-Stimmung« verbreitet. Dieses »Menscheln« und überzeugende politische Argumentationen scheinen eine Mischung zu sein, die in Wanzleben ankommt. Wen wundert es nun, dass sie bei der Wahl den anderen Kandidaten in die zweite Reihe verwiesen hat? Zwar knapp mit vier Stimmen Mehrheit, aber immerhin. Petra Hort erzählt, dass sie Zootechnikerin gelernt hat. »Eigentlich hieß das Facharbeiter für Rinderzucht. Ein schöner Beruf, den es so heute nicht mehr gibt. Wir haben sehr berühmte Rinderzüchter in der Partei«, sagt sie und nennt den Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi und die Bundestagsabgeordnete Katrin Kunert.

Seit 2006 ist Petra Hort im Amt. Kurz gibt sie einen Abriss über ihr Leben. Sie erzählt von der beruflichen Neuorientierung nach der Wende: »Dreizehn Jahre als FDJ-Kreissekretärin, da stand ich erst einmal vor dem Nichts. Bloß nicht arbeitslos werden, dachte ich.« Der erste Supermarkt in der Stadt bot eine Stelle als Verkäuferin an. Später erkannte eine Freundin Petra Horts Talent, Versicherungen zu verkaufen. Sie absolvierte Schulungen und machte sich selbständig. Frühzeitig verlor sie den Ehemann. »Meine zwei Töchter waren klein. Wie geht das jetzt weiter, fragte ich mich.«

Unerwartet Licht im Dunkel: Die Landtagsabgeordnete Gudrun Tiedge beschäftigte Petra Hort als Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro der damaligen Die Linke.PDS. Petra Hort erklärt: »Mein beruflicher Werdegang hat sich so ergeben. Ich hatte nicht geplant, Bürgermeisterin zu werden. Aber unser Kandidat von der LINKEN war ausgefallen. Es war niemand da. Und keine Zeit mehr. Ich dachte kurz nach und stellte mich zur Verfügung.« Gudrun Tiedge sah sich bereits nach einer neuen Mitarbeiterin um: »Na, die Leute wählen dich«, prophezeite sie der Kandidatin. Petra Hort wurde gewählt.

Bei Amtsantritt setzte sie sich Schwerpunkte. In erster Linie möchte sie den ausgeglichenen Haushalt erhalten. Und Geld soll übrig bleiben für die freiwilligen Ausgaben. Mittel, um Vereine zu unterstützen und die Bibliothek zu unterhalten. Sachen, die sich andere Kommunen nicht mehr leisten können. »Das ist gewiss nicht einfach zu bewerkstelligen. Manchmal muss die Erneuerung einer Brücke warten«, sagt sie. Viel Energie steckt Petra Hort in das Organisieren von Festen, Konzerten und Aktionen, an denen alle teilnehmen können. Die Bürgermeisterin erklärt: »Wir versuchen, Höhepunkte zu bieten. 2007 veranstalteten wir ein erstes Seifenkistenrennen. Das war das Ereignis! Viele sind von außerhalb angereist. Die Straßenränder waren gesäumt, als wenn Schumacher führe.«

Sie erzählt weiter: »Abwanderung gibt es zwar kaum, und es werden sogar vierzig Kinder pro Jahr geboren. Aber leider sterben jährlich sechzig Einwohner.« Die Einwohnerzahl sinkt entsprechend. Damit das Wohnen in Wanzleben interessant bleibt, stritt Petra Hort im Stadtrat für die Erhaltung des unrentablen Spaßbades. Sie erklärt das so: »Die Leute von der CDU reden andauernd von Straßensanierung. Natürlich ist das wichtig. Doch wir dürfen nicht vergessen, wie wichtig das Bad für die Menschen und den Wohnstandort Wanzleben ist.« Letztendlich konnte sie im Stadtrat überzeugen. Schlaflose Nächte scheint Petra Hort nicht zu kennen. Sie packt die Dinge an, statt zu grübeln. Den Ausgleich zur Arbeit findet sie beim Spielen mit der Enkelin. Und sie schwört auf Musik, auf Ostrock. Zum Beispiel die Puhdys; sie will den Text verstehen. Im letzten Jahr gab City in Wanzleben ein Konzert.

Petra Hort macht einen Schlenker, sie erklärt den Ärger mit der Gemeindegebietsreform. Im Juli 2007 trat sie durch Beschluss der CDU-SPD-Koalition in Sachsen-Anhalt in Kraft. Das bedeutet, dass Einheitsgemeinden gebildet werden müssen. Einheitsgemeinden sollen effizienter arbeiten. Petra Hort sagt: »Für mich ist der Beweis nicht erbracht, ob das tatsächlich so ist. Forderungen, darüber Nachweise zu erbringen, wurden nicht erfüllt. Aber das Gesetz gilt.« Es verpflichtet die Verwaltungsgemeinschaft dazu, in eine Einheitsgemeinde zu gehen. Große Unruhe ist das Ergebnis dieses Gesetzes. Alle in der Verwaltungsgemeinde »Börde« Wanzleben müssen sich einigen. Also die acht kleineren Gemeinden, die Städte Seehausen und Wanzleben. »Das sind 16.000 Einwohner, die unter einen Hut zu bringen sind. Da steht viel auf dem Spiel. Je nachdem, welche Form der Einheitsgemeinde gewählt wird. Städte und Gemeinden könnten sich auch auflösen und neu bilden. Die Folge wäre, dass Wanzleben sein Stadtrecht verliert. Auch der Ruf, dann eine/n neue/n BürgermeisterIn zu wählen, ist schon erklungen. Im Moment bin ich etwas ratlos. Der Bürger befindet sich in Unkenntnis. Ohne die Einwohner zu befragen, wurde ein Gesetz erlassen«, sagt Petra Hort. Sie betrachtet die Gemeindegebietsreform sehr kritisch. Gleichermaßen betont sie, dass eine Entwicklung nicht aufzuhalten sei. Nur, dass die Kommunen per Gesetz gezwungen werden zu handeln, hält sie für problematisch. Die letzte Reform reduzierte 24 Landkreise auf 11. Zahlreiche Politiker sprechen bereits davon, dass in ein paar Jahren wieder neue Modelle ins Haus stehen. Jede Neustrukturierung kostet Unmengen Geld. »Das ist einfach unüberlegt. Und ärgert mich! Die LINKEN haben gesagt: Gleich einen Schritt überspringen und fünf große Landkreise bilden, damit für ein paar Jahre Ruhe ist.« Petra Hort holt tief Luft und erzählt von der Einwohnerversammlung, die für Ende November anberaumt ist. Dort soll das Thema diskutiert werden. Sie hofft auf eine große Beteiligung und eine vernünftige Einigung.

Jetzt treibt Petra Hort erst einmal das dreitägige Stadt- und Vereinsfest in Wanzleben um. Zahlreiche Gewerbetreibende, Organisationen und Schulen sind mit dabei. »Es gibt viel zu tun.« Eineinhalb Wochen nach unserem Gespräch zeigt sich das Ergebnis der Arbeit am Raßbachplatz. Buntes Getümmel, Kinderlachen und -geschrei. Dazwischen, schick im schwarz-weißen Zweiteiler, modischem Schuhwerk und frisch geföntem kurzen Blondhaar, die erste Frau von Wanzleben. Strahlend eröffnet sie das Fest. Ein Gruß hier, ein Händedruck da, eine gutgelaunte Bürgermeisterin unter vergnügten Wanzlebenern. Das Festprogramm im Kulturhaus, präsentiert von der Kindertagesstätte Sarrezwerge, dem evangelischen Kindergarten Regenbogen und der katholischen Kindertagesstätte Sankt Bonifatius sowie der Grundschule »An der Burg«, lockt Fotografen an. Auf den Flächen rund um das Kulturhaus bieten Händler und Vereine ein Stelldichein. Die Riesenluftrutsche erfreut die kleinen und nicht mehr kleinen Gäste. Ein Bücherflohmarkt zieht Leseratten in seinen Bann. Beim Ponyreiten proben Kinder das große Turnier.

Auf die Frage, wie es sich seit Amtsantritt der Bürgermeisterin Petra Hort in Wanzleben so lebt, folgen Kommentare wie: »Setzt sich für die kleinen Leute ein« und: »Organisiert eine Menge«. Besonders heiter äußert sich ein älterer Herr vom Kleintierzuchtverein. Er kämpfte mit Beschwerden von Anwohnern über tierische Lärmbelästigung. »Meine Hähne dürfen jetzt wieder krähen – dank der Bürgermeisterin«.