Disput

Annäherung an einen Feiertag

Zum 3. Oktober

Von Katja Kipping

1. Versuch

Freilich, manchmal blitzt – auch in meinem Freundeskreis – so was wie ein Ossi-Gemeinschaftsgefühl auf, wie neulich bei der Redaktionssitzung »prager frühling«. Irgendwie waren wir aufs Konsumverhalten gekommen. Und ehe wir uns versahen, erfasste die von uns, deren Kindheit in der DDR stattfand, das Bedürfnis von der seltsamen Faszination der Intershops und der unerwarteten Enttäuschung darüber, dass an sich nichts, was da so glänzte und lockte in den Läden des Westens, das Westgeld wert war. Und natürlich, wenn es um die Frage Knusperflocken oder Milka geht, da liegen meine Loyalitäten klar bei der etwas kratzigen Süßigkeit. Bei der Frage Abrafaxe oder Asterix wird es allerdings schon schwerer. Letztlich sind solche Eindrücke aber allenfalls unterhaltsam und für das jetzige Leben ungefähr so bedeutend wie die Rivalitäten in der Grundschule mit der Parallelklasse. Klar: 2A – das waren die Anfänger. Wir, die 2B, waren natürlich die Besten. Langsam jedoch legt sich auch darüber die Zeit, und plötzlich bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Oder waren in der 2A die Allerbesten und in der 2B die Belanglosen …?

Von Bedeutung für unser Leben heute ist eins: der Fall der Mauer – einfach unschätzbar. Nicht nur unsere Freundeskreise, auch unsere Liebesbeziehungen sind Ost-West gemischt. Das Leben in einem Land ist also mehr als politische Realität, es ist vielmehr zentraler Teil des eigenen Lebens – nicht mehr wegzudenken, zutiefst verinnerlicht. Und dass sich dies so leicht, so selbstverständlich schreiben lässt, ist etwas, was wir der Wendezeit verdanken.

2. Versuch


Wie ich die Wende erlebt habe, nun diese Frage höre ich wahrlich nicht zum ersten Mal von Journalisten. Meist wurde ich bei der Beantwortung das Gefühl nicht los, die Fragenden wollen nur eins wissen, welche Schublade sie öffnen können: Frustration über die sozialen Umbrüche (wie man es eben bei einem Mitglied der PDS erwartet) oder Begeisterung über das Ende des Unrechtsstaates (wie man es eben von jemandem, der in der DDR leben musste, erwartet). Meine Antworten waren meist ein vergeblicher Versuch, gegen jene Klischees anzureden. Um das Klischee passend zu machen, wurde meinen Eltern auch schnell mal angedichtet, sie wären mit der Wende in Erwerbslosigkeit gestürzt. Was braucht es Fakten, wenn man über klare Stereotype verfügt.

Im Rückblick begannen für mich die Umbrüche im Jahr 1989 mit einem Musik-Video der Band Milli Vanilli bei »Elf 99«. Nicht dass ich vorher – sicherlich auch altersbedingt – dazu gekommen wäre, einen Mangel an Musikprodukten zu bemerken. Aber als es plötzlich möglich war, diese Welt zu genießen, war es toll. Bis dahin hatte sich meine Sammelwut auf russische bunte Bildchen bezogen, nun schnitt ich fleißig Bilder der beiden Milli-Vanilli-Sänger aus. (Als ironische Fußnote der Geschichte entpuppte sich später, dass die attraktiven Frontmänner dieser Band gar nicht die wahren Sänger waren und des Betrugs angeklagt wurden.)

Die Wendezeit, das hieß für mich ganz persönlich, dass sich am Anfang der Pubertät, am Übergang von der Kindheit zur Jugendzeit, sich plötzlich feste Gewissheiten verschoben. Anfangs noch von Unsicherheiten geprägt, dominierte bald das Gefühl der Öffnung, des Aufbruchs. Vieles schien plötzlich möglich. In der Schule wurde ausgiebig diskutiert. Eine für ihre Strenge bekannte Lehrerin bestand besonders lange auf den morgendlichen Pioniergruß, auch hier gab es plötzlich Diskussionen.

Einige Zeit später sammelten wir Unterschriften an einer Haltestelle für den Erhalt der Straßenbahn. Dass nicht alle unterschreiben würden, war uns klar. Was jedoch auffällig war, mehrere begründeten ihre Ablehnung damit, sie wollten keinen Ärger auf Arbeit bekommen. Meine Beteuerungen, ihre Chefs würden diese politischen Unterschriftenlisten ja gar nicht sehen, verhallten in Ungläubigkeit. Plötzlich traf mich die Erkenntnis, dass ein großer Teil dieses bewegenden Gefühls des Aufbruchs bzw. der – inneren wie äußeren – Öffnung sich irgendwie verflüchtigt hatte. Diese Empfindung gegenüber Medien auszusprechen hat meist nur einen Effekt: »Sie wollen also die BRD mit der DDR gleichstellen?« Nein, unpassende und zu simple Gleichsetzungen sind meine Sache nicht. Und dennoch kann ich mein Bedauern darüber, dass sich nur zu schnell wieder Konformismus und Opportunismus – wenn auch mit anderem Vorzeichen – wie Mehltau auf die Atmosphäre der Öffnung legte, nicht verhehlen.

3. Versuch

Es ist doch merkwürdig, wie im Rückblick, in der aktuell dominanten Geschichtsschreibung die Wendezeit mehr und mehr verdichtet und nur zu schnell auf den 3. Oktober 1990 reduziert wird. Dabei lagen ereignisreiche Monate zwischen den ersten Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 und dem Tag, an dem sich die sechs ostdeutschen Bundesländer der BRD anschlossen. Da waren die vielen Kundgebungen, unvergessen die Rede von Christa Wolf. Da war die Gründung des Runden Tisches in Dresden, der quasi aus einer Demonstration heraus entstand und der sich aus einer spontanen sozialen Bewegung kommend später Legitimation verschaffte. Da waren der Fall der Mauer, die Öffnung der Grenze und nicht zu vergessen die Stürmungen und Besetzungen der Stasi-Zentralen.

Die Stasi, der Geheimdienst der DDR, galt vielen Menschen als der Inbegriff der Unterdrückung. Nicht wenige im Osten verbanden mit dem Neuaufbruch nach 1989 nicht nur die Hoffnung auf ein geeintes Deutschland, sondern auch die Hoffnung auf ein Deutschland, in dem Freiheit groß geschrieben wird. Dazu gehörte die Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der die Meinungsfreiheit nicht mehr durch die Willkür der Stasi bzw. durch das politische Strafrecht ausgehöhlt wird.

Von dieser Hoffnung, aber auch von der darauffolgenden Enttäuschung, zeugt der Aufruf »Wir haben es satt« aus dem Jahre 2001 von Bürgerrechtlern und Bürgerrechtlerinnen der DDR. Der Aufruf wurde anlässlich der Vorhaben von Otto Schilly, dem damaligen Innenminister, verfasst und von mehreren Gründungsmitgliedern des »Neuen Forum« sowie von »Demokratie jetzt« unterzeichnet. Darunter waren so zentrale Persönlichkeiten wie Christian Führer, der Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, der Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel und der Minister a. D. Wolfgang Ullmann. Darin heißt es: »Wir haben nicht vergessen, wie die Gummiparagraphen des politischen Strafrechts der DDR uns die Luft abgeschnürt haben. Wir greifen uns jetzt an den Hals, wenn wir lesen, mit welcher Leichtfertigkeit das Terrorismusbekämpfungsgesetz (…) Gummistricke dreht, die wir glücklich losgeworden zu sein gehofft hatten. (…) Wir haben in der Revolution von 1989 Kopf und Kragen riskiert, um das System von Bütteln und Spitzeln in der DDR zu überwinden. Wir hatten erwartet, dass nach dem Ende des Kalten Krieges auch die westlichen Geheimdienste abrüsten. Keiner von uns hat jedoch damit gerechnet, dass nach Beendigung des Kalten Krieges die Telefonabhöraktivitäten steil ansteigen, dass die von uns abgerissenen Stasi-Videokameras nur durch neue ersetzt werden.«1

Es gibt geschichtliche Erfahrungen und Lehren, denen man sich nicht verschließen darf. Dazu gehören die Erfahrungen der DDR. Diese haben eins mehr als deutlich gemacht: Es ist kreuzgefährlich für eine Gesellschaft, wenn Grund- und Freiheitsrechte auf dem Altar vermeintlicher Sicherheit geopfert werden. Deshalb kommt es heute darauf an, Wege aus der Überwachungsfalle einzuschlagen. Diese Gesellschaft braucht keine Stasi 2.0! Insofern empfehle ich als Feiertagslektüre für den 3. Oktober den Aufruf »Wir haben es satt!«

Katja Kipping ist stellvertretende Parteivorsitzende.

katja.kipping@die-linke.de