Disput

»Eine gewisse Art von Befreiung«

Vom schwierigen Anfang und vom kaum weniger schwierigen Alltag der Berliner »Kaufland«-Betriebsrätin Annelie Gröpke

Frau Gröpke, Ihr Arbeitgeber gilt nicht als besonders betriebsratsfreundlich. Kaufland gehört wie Lidl zur Schwarz-Gruppe, und Gewerkschaften berichten oft davon, wie die Bildung von Betriebsräten behindert wird. Vor einem Jahr haben Sie dennoch den Schritt gewagt. Wie kam es dazu?

Bei mir hatte sich vieles angestaut. All die Überstunden und eine Planung, die immer so kurzfristig war. Teilweise haben wir den Dienstplan für die nächste Woche erst drei Tage vorher bekommen – da kann doch keine Familie planen. Auch hatte ich Ärger mit einem Vorgesetzten, und als er mich zur Strafe immer in der Spätschicht einsetzte, dachte ich mir, mein lieber Chef, so nicht. Wir können auch eine andere Saite aufziehen, ich bin bereit, zur Gewerkschaft zu gehen. Und als ich da war, entstand die Idee, selbst einen Betriebsrat zu gründen.

Hatten sie Angst?

Wovor?

Dass Ihr Unternehmen Sie vielleicht versetzt oder Ihnen kündigt?

Nein, ich habe mir gesagt, was soll mir denn passieren. Ich erledige meine Arbeit immer qualitativ und quantitativ gut, und wenn was kommen sollte, na, da gibt es das Arbeitsgericht. Also, ich bin da relativ dickhäutig. Ich weiß jedoch, andere Kollegen bekommen schon beim Wort Betriebsrat Magengeschwüre.

Außerdem wusste ja auch keiner im Unternehmen, dass ich diesen Plan hatte.

Also doch Angst?

Nein, ich persönlich nicht. Die Gewerkschaft hatte mir aber größte Geheimhaltung empfohlen. Ich sollte nichts riskieren, bis die Wahl sicher war. Vielleicht ist das eben eine Typfrage. Andere hatten Angst, und ich kann das sehr gut verstehen, es geistern ja so viele Geschichten herum. Ein Gerücht besagt, vor Jahren hat man eine Person in eine andere Filiale versetzt, weil sie einen Betriebsrat gründen wollte.

Und was ist dran an solchen Gerüchten?

Ob wahr oder unwahr, das lässt sich schwer sagen. Fatal ist auf jeden Fall die Wirkung. Als die Katze aus dem Sack war und ich nach Kandidaten für den Betriebsrat suchte, habe ich die Angst der anderen kennengelernt. Ich habe mehr als dreißig Leute angesprochen, und viele fürchteten sich davor, was passieren könnte, wenn sie mitmachen: Mobbing, Kündigung.

Wie viele Kandidaten kamen zusammen?

Zehn. Einige wenige musste man zum Glück nicht überzeugen, die hatten nur auf ein Signal gewartet. Dennoch war es eine harte Zeit. In den Wochen vor der Wahl standen wir unter Hochspannung. Wir mussten ja auch mit dem Misstrauen untereinander kämpfen.

Aber Sie arbeiten doch seit Jahren zusammen?

Schon, aber man kennt sich dennoch kaum. Es gibt einfach kein Gemeinschaftsgefühl mehr. Die Belegschaft ist extrem gespalten. Festangestellte unterteilen sich in 4-, 5-, 6-, 8-»Stundler«, und dann gibt es noch Pauschal- und Servicekräfte. Zudem sind die Arbeitsabläufe oft voneinander getrennt. Jeder kümmert sich um seinen Kram und wird zum Einzelkämpfer.

Die Gewerkschaften berichten oft davon, dass Unternehmen eigene Listen ins Rennen schicken, wenn sie die Wahl eines Betriebsrates nicht verhindern können.

Bei uns gab es auch eine andere Liste. Inwieweit es da aber eine Verbindung zur Hausleitung gab, kann ich nicht sagen. Auffällig war nur, dass einige der Kandidaten in der Belegschaft als sehr »unternehmensnah« galten, weil sie zwar juristisch gesehen keine leitenden Angestellten sind, aber dennoch bis zu 60 Mitarbeiter unter sich haben. Außerdem unterstützten einige eine Unterschriftenliste, auf der zum Verzicht auf Nachtzuschläge aufgerufen wurde. Wohl auch deswegen haben viele Mitarbeiter die andere Liste als die »Arbeitgeberliste« bezeichnet.

Und dementsprechend gewählt, oder? Ihre Liste hat bei der ersten Wahl im November sieben von neun Plätzen im Betriebsrat bekommen.

Ja, ein riesiger Erfolg für uns. Ich vermute, vor allem die vielen Pauschalkräfte haben uns gewählt, denn wir haben gesagt: Gleichbehandlung für alle. Die sollen auch Zuschläge und Urlaubsgeld bekommen.

Wie war das Gefühl, als Sie das erste Mal am Verhandlungstisch der Hausleitung gegenübersaßen?

Extreme Unsicherheit, ich hatte so ein flaues Gefühl im Magen und gar kein Selbstvertrauen. Was kann ich, die kleine Angestellte, sagen und was nicht? Überhaupt: frei zu sprechen, Dinge zu fordern, und das auch noch vom Chef! Es ist eine ganz andere Grenzsetzung. Nach der ersten Sitzung war ich durchgeschwitzt, total fertig, aber auch glücklich.

Weil Sie doch nicht so sprachlos waren wie befürchtet?

Ja, weil ich gemerkt habe, es geht, und weil die Angst immer mehr einem Gefühl von Selbstvertrauen wich. Es ist doch kein Geheimnis: Einem einfachen Angestellten, der immer Angst davor hat, arbeitslos zu sein, bleibt nicht viel Selbstvertrauen. Bei mir ist das erst mit jeder Sitzung gewachsen, vor allem, nachdem wir die Nachtzuschläge von 50 Prozent durchboxten.

Was konnten Sie noch durchsetzen?

Eine 14-tägige Arbeitsplanung im Voraus, die funktioniert jetzt bis auf wenige Ausnahmen. Dazu Urlaubsanspruch und Urlaubsgeld für Pauschalkräfte, und außerdem werden die Überstunden jetzt besser aufgezeichnet.

Die sogenannte Arbeitgeberliste hatte ja auch zwei Plätze im Betriebsrat. Wie lief die Zusammenarbeit?

Die haben nach kurzer Zeit einfach die Mandate niedergelegt.

Wieso?

Da hieß es dann, keine Zeit mehr.

Eigentlich gut für Sie, oder?

Nein, fatal, weil auch bei uns Leute abgesprungen sind. Das war eine harte Zeit, denn plötzlich kursierte eine Unterschriftenliste, auf der die Mitglieder des Betriebrates aufgefordert wurden, die Mandate niederzulegen.

Da haben Kolleginnen und Kollegen unterschrieben?

Ziemlich viele sogar. Es hieß ja immer, ach, der Betriebsrat sitzt nur rum und trinkt Kaffee, während die anderen arbeiten müssen.

Aber Sie haben doch Konkretes für die Leute erreicht?

Schon, doch einige Leute haben nicht verstanden, dass wir die Sachen durchgesetzt haben, die dachten, die 50-prozentigen Nachtzuschläge wären ein Geschenk der Hausleitung. Und Schulungen, Diskussionen und Lektüre sehen für einige wie Nichtstun aus, und da kann man dann leicht Stimmung machen.

Kamen genug Unterschriften zusammen, um den Betriebsrat aufzulösen?

Die spielten keine Rolle mehr, weil irgendwann so viele Leute die Mandate niedergelegt hatten und es ohnehin Neuwahlen geben musste.

Mit welchem Ergebnis?

Unsere Liste hat jetzt fünf Sitze, also immer noch eine Mehrheit.

Denken Sie bei all den Widerständen nicht auch ans Aufhören?

Klar, manchmal hat man die Nase voll, aber die Sache ist zu wichtig. Jetzt wollen wir eine Betriebsvereinbarung durchsetzen, und außerdem ist es wunderbar, endlich das zu sagen, was man früher nur gedacht hat. Jetzt arbeitet man freier. Ja, es ist eine gewisse Art von Befreiung, und auf die will ich nicht verzichten, bloß weil es mal schwierig ist.

Interview: André Preußner