Disput

Für ein ganz anderes Klima

Klimacamp 08: Startschuss für eine neue Umweltbewegung?

Von Bernd Brouns

Tausende Menschen blockierten beim letztjährigen G8-Gipfel die Zufahrtswege zum Konferenzort. Der Zaun um Heiligendamm wurde zum Symbol für die mangelnde Legitimität der G8. Über den Protest konnte die globalisierungskritische Linke ihre Argumente in eine breite Öffentlichkeit transportieren. Doch dem Topthema des Gipfels – die Klimapolitik – standen große Teile der globalisierungskritischen Bewegung und der radikalen Linken seltsam sprachlos gegenüber. Und so konnte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel nahezu mühelos als »Klima-Queen« inszenieren.

Wirklich verwunderlich war diese Sprachlosigkeit nicht. In der Bewegungslinken war »Ökologie« in den letzten Jahren alles andere als ein Mode-Thema. Man wollte Distanz zu den »grünen Mittelschichtsspießern« wahren – und überhaupt gab es schließlich Wichtigeres. Die Umweltverbände verharrten derweil größtenteils in inhaltlicher wie struktureller Erstarrung. Von linker Umweltbewegung war mit wenigen Ausnahmen weit und breit keine Spur.

Doch Heiligendamm schien ein Weckruf gewesen zu sein. Auf Auswertungstreffen der G8-Proteste wurde plötzlich über linke Zugänge zum Klima-Thema gestritten. Zahlreiche linke Zeitschriften warteten mit Klima-Schwerpunktausgaben auf. Da war es nur folgerichtig, dass auch eines der vier G8-Nachfolgecamps unter dem Motto »Für ein ganz anderes Klima« stand. Aufgerufen zum Klimacamp 08 (15. bis 24. August) hatten ganz unterschiedliche Gruppierungen wie Grüne Jugend, attac, Linksjugend [’solid] oder Interventionistische Linke.

Hamburg als Standort des Camps präsentierte sich bereits im Vorfeld als wenig freundlicher Gastgeber. Erst eine Woche vor Beginn wurde eine Platzgenehmigung für das Klima- und das parallel stattfindende Antirassismus-Camp erteilt. Trotzdem schlugen rund tausend Teilnehmer/innen ihre Zelte auf. Neben zahlreichen Workshops und dem selbstorganisierten Campleben standen Aktionen öffentlichen Protests im Mittelpunkt des Camps. Täglich fanden mehrere dezentrale Aktionen wie eine Blockade der weltweit größten Agrosprit-Raffinerie im Hamburger Hafen oder eine symbolische Atommüll-Endlagererkundung im Stadtteil Altona statt. Auch ein Hamburger Grünen-Büro war Zielscheibe des Protests und wurde mit »Grüne = Kohlepartei«-Plakaten verziert.

Die anfängliche Zurückhaltung der Polizei wich dabei zunehmend unverhältnismäßiger Härte. Neben der BILD-Zeitung, die schon vor Beginn des Camps nur von den »Chaos-Campern« geschrieben hatte, trug dazu wesentlich die Hamburger SPD bei, die den Senat mit ihren Repressionsforderungen rechts überholte. Der Hamburger Juso-Vorsitzende sprach gar vom »Terror-Camp« und sah die innere Sicherheit Hamburgs in Gefahr.

Kein gutes Vorzeichen für die letzen beiden Tage des Camps, an denen zu zwei zentralen Aktionen zivilen Ungehorsams mobilisiert wurde. Unter dem Motto »Fluten 3.0« wurde zunächst die Abschiebepraxis am Hamburger Flughafen angeprangert. Als Rollkoffertouristen »verkleidet«, gelangten zahlreiche Demonstrierende in einen Flughafenterminal, wo sie Reisende mit kreativen Aktionen wie dem Ausstellen eines »global passports« verblüfften. Die angemeldete Kundgebung wurde jedoch ohne Ankündigung gewaltsam aufgelöst, ca. 70 Demonstrierende wurden in Gewahrsam genommen.

Zum Abschluss des Camps hatte die Aktion »Gegenstrom 08« zur Besetzung des in Bau befindlichen Kohlekraftwerks Moorburg aufgerufen. Bereits unter der Woche waren etwa 40 AktivistInnen auf das Kraftwerksgelände gelangt. Drei Tage später versuchten trotz Dauerregens 700 Demonstrierende, diesem Beispiel zu folgen, scheiterten aber am übergroßen Polizeiaufgebot. Selbst gegen die angemeldete Schlusskundgebung wurde mit Wasserwerfer- und Knüppeleinsatz vorgegangen, Pressevertreter wurden massiv behindert. »Schwarz-Grün lässt für Kohlekraftwerk knüppeln«, lautete das Fazit der Veranstalter.

Das Klimacamp war ein Kristallisationspunkt für die Klima-Debatte innerhalb der (radikalen) Linken. Die zahlreichen Aktionen unter der Woche waren von erfrischender Entschlossenheit und Kreativität gekennzeichnet. Insofern kann das Camp ein Startpunkt für eine neue Umweltbewegung jenseits der etablierten Verbände sein. Der Impuls aus Hamburg müsste dafür in lokalen Zusammenhängen aufgenommen und beispielsweise in Aktivitäten gegen die allerorts geplanten Kohlekraftwerke umgesetzt werden. Für DIE LINKE könnte dies Chancen für neue Aktionsbündnisse bieten. Mit der engagierten Beteiligung von Linksjugend [’solid] im Klimacamp-Prozess ist ein Fundament dafür gelegt.

Bernd Brouns ist Referent für Energie- und Umweltpolitik der Bundestagsfraktion DIE LINKE.
bernd.brouns@linksfraktion.de