Disput

Wege in den Landtag

Unterwegs auf Wahlkampfreise in Oberbayern

Von Stefan Richter

Der Huber und die Haderthauer hauen allüberall gegen diese »Kommunisten« und »Mauerbauer«, derweil DIE LINKE zwischen Bayerischer Rhön und Zugspitze wahlwerbend unterwegs ist. DIE LINKE in Bayern hat Gesichter und Namen, in Oberbayern die von Fritz Schmalzbauer und Nicole Gohlke, von Ursula Maxim und Dr. Eckhardt Kaiser und von anderen.

Zum Beispiel von Thekla Leininger, 51, Bürokauffrau, derzeit arbeitssuchend. An diesem Dienstagmorgen ist Thekla vor allen anderen auf dem Marienplatz in Wolfratshausen. Wolfratshausen? Äh, oh, äh, äh. Ja, ausgerechnet in Stoibers Heimat will die Partei eine Kundgebung abhalten, mit einem kleinen Transrapid-Modell passend zur großen Prestige-Projekt-Pleite.

»Es ist meine erste Kundgebung«, sagt Thekla. Und: »Es ist auch mein erster Infostand.« Sie hat sich eine angesteckt und packt Zeitungen und Flyer auf den Tisch. Vor fünf Jahren hatte sie sich bei der PDS gemeldet. »Die einzige Partei, die mich gegen Hartz IV vertreten hat, die wollte ich vertreten.« Nun steht sie zur Landtagswahl auf Platz fünf der Liste Oberbayern und versichert: »Ich lerne mich in alles ein.« Für eine Podiumsdiskussion zur Schulpolitik und für eine weitere zur Gentechnik. Sie wirbt für ihre Partei selbst auf dem Flohmarkt, und nun geht sie eben auf die Vormittags-Passanten zu. Bei einigen mit Erfolg.

In den Bezirkstag will Andreas Wagner (36, Heilerziehungspfleger und Betriebsrat) aus Geretsried. Er ist offenkundig ein anderer Typ. Ein Früheinsteiger in die Politik. In der Hauptschule hatten sie die örtliche Geschichte in der Nazizeit erforscht. Mit dem Widerstand manch älterer Einwohner wuchs die Motivation der jüngeren; später setzten sie in der Stadt ein Denkmal für den Todesmarsch von Dachauer KZ-Häftlingen durch. Andreas fand den Weg zu VVN und Friedensbewegung, er war mal den Grünen nah und wurde Mitglied der WASG, als der Antritt der neuen Linken zur Bundestagswahl ’05 feststand.

Die »Münchner« kommen! Der Kleinbus mit dem falschen Kennzeichen (HH für Hamburg) und der richtigen Losung (»DIE LINKE in den Landtag!«) biegt auf den Platz ein. Ein kurzes Hallo, ein paar Materialien. Drei oder vier Journalisten treten näher. Fritz (61, Sozialökonom) wird vom Bayerischen Staatsanzeiger interviewt, Nicole und Uschi reden mit der »Lokalen« von der Süddeutschen (oder vom Merkur?).

Auf der anderen Straßenseite parkt das Polizeiauto, ein Beamter tut freundlich und korrekt. Also, diese Maske da, teilt er mit, dürfe sich keiner der Kandidaten und auch nicht der Veranstaltungsanmelder überstülpen. Warum nicht? Vermummungsgefahr. Was? Ja – wirklich! – wegen des Vermummungsverbotes.

Walter Winzker kandidiert glücklicherweise nicht, er hat nichts angemeldet und ist doch ein guter Genosse, folglich darf er für Fotografen und Wahlkampfspaß ein Weilchen den Stoiber spielen. Lange hält er’s nicht aus: »Das ist so eng, man kriegt dahinter kaum Luft – vielleicht stottert der Stoiber deswegen so.«

Die Kundgebung fällt klein aus, sehr klein. Die GenossInnen bilden einen Kreis und hören zu. Uschi kritisiert sinnlose Prestigeprojekte der Marke Transrapid und die Privatisierung der Bahn. Sie will einen bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr. »Mein Name ist Programm: Maxim. Es ist klar, wir wollen ins Maximilianeum!« Dort soll’s endlich eine »laute und kreative Opposition geben«, pflichtet ihr Nicole bei. Genau.

Kreativität ist schon während dieser fünftägigen Oberbayern-Tour nötig. Dabei hatten sie alles durchdacht: einen ausgewogenen Mix an Gesprächen und Veranstaltungen, an Politik und Kultur, befördert durch einen kleinen roten Bus mit Parteilogo und Parteilosung. Doch dann kam alles ganz anders: Unmittelbar vor Tourbeginn endete der Bus in einem Frontalzusammenstoß, und am folgenden Tag gab’s einen Trauerfall in Fritz’ nächster Verwandtschaft. Der Spitzenkandidat kann zunächst nicht all das leisten, was er sich selbst vorgenommen hat, und seine Mitstreiter/innen sind plötzlich mehr gefordert, als sie es vorher erwartet hatten.

Wir fahren nach Berg, zum Geburtshaus von Oskar Maria Graf. Graf war Vagabund und Bohemien, Tausendsassa und Schriftsteller, Münchner Revolutionär und Antifaschist. Dieser Mann darf nicht in Vergessenheit geraten! Er ist Bayern mindestens so sehr wie Beckenbauer I. und Ludwig II.

Die Tür zum Museum ist verriegelt, heut’ ist Ruhetag. Fritz holt ein Graf-Buch raus – fürs Foto und für den guten Vorsatz, mal wieder reinzuschauen. In: »Wir sind Gefangene« oder »Das Leben meiner Mutter« oder, ja mei, ins »Bayrische Dekameron«. Durchdringend sein Aufschrei im Mai 1933, als er seinen Namen auf der Nazi-Liste der verbrannten Bücher vermisste: »Verbrennt mich! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen.«

Keiner stört sich an dem fremden Wagen mit den fremden Menschen gleich neben der Starnberger See-Idylle. Nachdem der dritte Porsche vorbei rollt, mutmaßt die Runde: »Allzu viele unserer Wähler werden hier nicht wohnen.« Kurz darauf ruft eine Radfahrerin rüber: »Ich wünsche euch Erfolg!«

Der Bus bringt uns, an München vorbei, nach Freising. Neben mir Nicole, vor ihr Fahrer Börnie Schütz, neben ihm Uschi, hinter mir Eckhardt, neben ihm Helferin Anja Mayer. Nicole, 32, Kommunikationswissenschaftlerin, echte Münchnerin, war früher bei Linksruck und in der WASG, sie wirkt ebenso kontaktfreudig wie unruhig; alles soll trotz der misslichen Begleitumstände bestens klappen. Sie telefoniert und fragt und drängelt freundlich. Genau.

In Freising ist Eckhardt (62) zu Haus, seine Praxis hat der Allgemeinarzt in einem sozialen Problemgebiet, viele Patienten sind »Polen, Rumänen, Afrikaner, aus den neuen Bundesländern, Vietnamesen«. Welche Erwartungen haben MigrantInnen an die bundesdeutsche Gesellschaft und welche an DIE LINKE? Die KandidatInnen wollen das, wie es im Tourplan heißt, von »Vertretern migrantischer Vereine zum Thema ›Integration‹ im ›Löwen Freising‹« erfahren. Haleru Yerima vom Togo-Verein erwartet uns, neben ihm ein Sympathisant, sonst niemand. Die »Münchner« sind ein bisschen enttäuscht. Das Gespräch wird jedoch mit jeder Minute lebendiger: Familie, Arbeitsplätze, Mieten, Feste, blöde Sprüche ... Herr Yerima beschreibt die Sprache als »Schlüssel« und berichtet, was in dieser Hinsicht nicht passt: Die Männer könnten Deutsch auf der Arbeit lernen, die Frauen allenfalls beim Einkaufen – wenn sie denn auf Verständnis treffen. Der Dialog wird zum Disput. Eckhardt sieht’s eher praktisch (»Gegen Menschenrechtsverletzungen in Togo können wir weniger tun als für bessere Bedingungen hier«), Nicole möchte es prinzipieller, was sie später urteilen lässt: Wir müssen auch unter uns weiter diskutieren.

Ich hoffe, meint schließlich Haleru Yerima, ihr kommt in den Landtag. Die Einladung zur Abendveranstaltung schlägt er aus, die Nachtschicht hat Vorrang.

Vor der Kultur droht Krach. Schon unterwegs machte uns Eckhardt auf große Schilder aufmerksam: »Keine 3. Startbahn!«. Wir sind mit einer Bürgerinitiative verabredet, sie ist eine von einundsechzig.

Es wird knapp. Treffpunkt soll ein Aussichtspunkt sein. Als wir an einem solchen nördlich vom Flughafen stehen, wird Nicole aufgeregt: Wer kennt schon diesen Hügel, die Presseleute werden bestimmt zur Plattform direkt am Airport fahren. Die Zeit ist ran, die Luft dick. Eckhardt läuft ruhig davon, telefoniert mit Franz Spitzenberger von der BI. Nicole entscheidet: Wir dürfen die Medien nicht warten lassen, wir fahren dorthin. Als wir die Plattform erreichen, ist niemand da (außer ein sehr interessierter Genosse). Macht nichts, diesmal noch nicht. Und überhaupt: In fünf Jahren, beim nächsten Landtagswahlkampf, läuft alles wie geschmiert, weiß Nicole. Genau.

Zurück zum wirklichen Problem: Die Anwohner zwischen München und Freising haben sich auf den derzeitigen Flugbetrieb eingestellt. Aber eine dritte Startbahn, bekräftigt Herr Spitzenberger, sei völlig unakzeptabel. Er breitet große Karten aus, nennt noch größere Zahlen und Begriffe; ich habe Mühe zu folgen. Fakt ist: Die Belastungen für Umwelt und Anwohner würden drastisch zunehmen. Und sozial stinkt’s schon heute: Reguläre Arbeitsplätze werden für zeitweilige und mies bezahlte Jobs gestrichen.

Die Stimmung um Freising ist brisant. Bis auf die FDP wagt keine Partei ein Ja zu den Ausbauplänen. Damit das so bleibt, erhofft sich Herr Spitzenberger den Einzug der kleinen Parteien in den Landtag und – »dass die CSU weit unter 50 Prozent fällt.« DIE LINKE und die BI tauschen Faltblätter und Aufkleber, weiter geht’s – vorbei an einem Transparent: »Wer jetzt noch schläft, schläft bald nicht mehr.«

Uschis Handy klingelt. Uuuschi! Die lässt sich ausgiebig Zeit bei der Suche nach dem Telefon. Na und? Die 40-Jährige strahlt eine wunderbare fröhliche Gelassenheit aus. Wie konnte sie die gewinnen? Im Studium der Sozialpädagogik? Oder aus den Wechseln in ihrer Biografie: autonomes Kulturzentrum, Frauenhaus, zehn Jahre Reitlehrerin, derzeit Elternzeit ...? Politisch begann es mit 13; da nahm der Bruder sie mit zu Protesten gegen die Pershings. Jetzt ist sie Kreisvorsitzende in der Region Ingolstadt und schwört darauf, sich innerparteilich aus »Spielchen« rauszuhalten. Im Moment habe DIE LINKE einen Glaubwürdigkeitsvorteil. Uschi singt in einem Gospelchor, mischt in einer Mutter-Kind-Spielgruppe mit und träumt tatsächlich vom Landtag: »Ich kann’s mir vorstellen«, und ihr Mann ebenso, dann würde er für Enno und Esther daheim bleiben. Und falls es nicht klappt mit den fünf Prozent? »... hätten wir trotzdem nicht verloren. Jeder sieht: Wir zwingen den anderen unsere Themen auf.«

Ein paar Minuten bleiben bis zum Kulturabend. Bis zum nächsten Problemchen: Fritz, der am Vortag mit seinem Programm über das »rebellische Bayern« brilliert hat, muss heute fehlen. Improvisation ist gefragt. Der Guido Hoyer kann auch gut was vortragen. Kann der Guido kommen? Im dritten Klingelversuch erreicht Eckhardt seinen Kreisvorsitzenden. Ja, Guido kommt. Er ist Politikwissenschaftler (und Spitzenkandidat in Niederbayern!) und wird später im »Löwen« Lokalgeschichten von Bischöfen und Widertäufern, von Mord und Totschlag pointiert zum Besten geben, die gut 15 Zuhörer/innen werden sich vergnügen, zumal sich zudem zwei Posaunisten kräftig ins Zeug legen, von der Internationale bis zu Pippi Langstrumpf.

Doch bevor die Kultur ihren Lauf nehmen kann, meldet sich ein eigens angereister Genosse zu Wort. Er wird gleich prinzipiell: Die Plakate (»Bayern für alle«) seien das Letzte, seine Leute wollen weiße Flächen, auf die sie ihre wichtigsten Forderungen schreiben können. Wer hat euch eigentlich zu Kandidaten gemacht? Und überhaupt: Ohne uns kommt ihr nicht in den Landtag. Das klingt ein bisschen nach Drohung. Es geht hin und manchmal auch her, die Posaunisten horchen verwundert, die Gäste zunehmend verstört. Kultur? Nein, Streitkultur, lästert meine Nachbarin, bis Börnie beruhigend vorschlägt, mit dem Kreisverband direkt zu beraten, wie und wo geholfen werden kann.

Endlich beginnen die Geschichte-Geschichten. DIE LINKE-Fahne ist angebracht an Schützentrophäen. In der Nachbarstube gibt’s einen FDP-Wimpel und neben der Theke den kernigen, gut beleibten Wirt in Lederhose auf einem viel zu kleinen Hocker, vor sich ein feines Notebook. »Meine Gäste sind sehr verschieden.«

Am nächsten Morgen nehmen mich Eckhardt und seine Lebensgefährtin mit zum Treffpunkt in Dachau. Es ist der dritte Tag der Tour, wieder mit vollem Programm und möglichen Überraschungen. Der Vortag, meint Eckhardt, sei nicht sein Tag gewesen. Nach der Kultur habe er noch mal mit nach München gemusst, um sein Auto zu holen. Vergeblich. Der Wagen parkte auf einem bereits verschlossenen Platz. Also zurück nach Freising mit der Bahn, in der er beinahe seine Tasche vergessen hätte ...

Was mag der gestandene Mediziner, der zig Jahre Mitglied der SPD, Abgeordneter und Vorsitzender eines Ortsvereins war, über diesen ersten Wahlkampf der LINKEN denken? Was würde er anders machen? Zeit für Antworten bleibt jetzt nicht; er stellt sich wie seine Genossinnen dieser Aufgabe, die Wahlkampf heißt und deren Erfolg offen ist.

In der Gedenkstätte des KZ Dachau legen die Oberbayern-Kandidaten ein Blumengebinde nieder. Für sie mehr als ein Pflichttermin. Mir fällt auf, dass sich hier offenkundig mehr ausländische als deutsche Besucher informieren. Vielleicht ein Zufall an diesem Vormittag, vielleicht nicht.

In einem Nachbarort verteilt die Gruppe ein paar Flyer. Nichts Besonderes. Bis auf die Ankündigung eines etwa 70-jährigen Mannes: »Ich wähle euch. Ich bin zwar seit Jahrzehnten in der SPD und werde auch nicht austreten, aber wählen kann man die Partei nicht mehr. Ich wähle euch. Der ganze Ortsverein wird das so machen.«

Nicole kann das kaum fassen. Na klar, das hört sie gern, doch in den Worten des Alten schwang eine Menge Traurigkeit mit. Genau.

Punkt 12 sind wir in München beim Katholischen Männerfürsorgeverein zu Rundgang und Gespräch angemeldet. Seit mehr als einem halben Jahrhundert gibt es das Städtische Unterkunftsheim in der Pilgersheimer Straße. Vieles hat sich verändert (erst unlängst wurden die 4-Mann-Zimmer in solche mit zwei Betten umgebaut), der Bedarf und die Probleme sind geblieben. Wohnungslose Männer finden hier Quartier, im wahrsten Sinne des Wortes: Tag für Tag; bis 12 Uhr müssen sie die Räume verlassen, ab 14 Uhr können sie wiederkommen. Die durchschnittliche »Verweildauer« beträgt 44 Tage. Dass es nicht mehr sind, hängt mit der Arbeit der Betreuer/innen und Sozialarbeiter/innen zusammen. Im vorigen Jahr konnten 170 Wohnungen vermittelt werden, eine Art Rekord. »Das System greift«, informiert die stellvertretende Leiterin. Aber: »Das System muss sich mehr auf Ausländer einstellen.« Ihr Anteil stieg auf 29 Prozent.

Für mich wird es Zeit, die Bahn ruft, während unsere KandidatInnen Uni-Mensa und anschließend den Englischen Garten ansteuern, um dort »zu flyern«. Ihre Tour wird noch zweieinhalb Tage dauern und sich immer besser einspielen, schreibt mir später Nicole. Sie hat viel Energie und, mindestens, ein Lieblingswort: genau.

Was immer am Abend des 28. September an Ergebnissen errechnet werden wird: DIE LINKE hinterlässt im Wahlkampf Spuren, sie hat zugehört, nachgefragt, mitgeredet und geantwortet. Das wird sie, wo auch immer, weiterhin tun. In Wolfratshausen hatte Uschi auf dem Marienplatz den schönen Satz formuliert: »Unsere Tour zeigt, dass es möglich ist, unterschiedliche Strömungen unter einen Hut zu bringen.«

Drücken wir Nicole, Thekla, Uschi, Andreas, Eckhardt, Fritz und all den anderen die Daumen!