Disput

Der Fan der Roten Teufel

Robert Drumm, der einzige Bürgermeister der LINKEN im (Süd-)Westen, tritt ab. Und er tritt vielerorts an, als Helfer vor den Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz

Von Stefan Richter


Dies wird eine der Geschichten mit einer guten Nachricht und mit einer ...
Die schlechte Nachricht vornweg: Wenn am 27. April 2009, 18 Uhr, sämtliche Wahlkandidaturen für Bürgermeister und Gemeinderäte in Rheinland-Pfalz angemeldet sein müssen, wird der Name Robert Drumm fehlen. Der ehrenamtliche Bürgermeister von Ruthweiler – in den westlichen Bundesländern der einzige Bürgermeister der LINKEN überhaupt – macht nicht weiter, er tritt nicht einmal für den Gemeinderat an. Schluss, aus und vorbei! Wieso vorbei?
Auf dem Weg nach Ruthweiler hält die Bahn hinter Kaiserslautern an Stationen mit Namen wie Vogelweh, Obermohr und Niedermohr, Rehweiler, Eisenbach-Mutzenbach, Rammelsbach ... Hier muss die Pfalz am ländlichsten sein. Zwei Drittel der Gemeinden in Rheinland-Pfalz haben zwischen hundert und tausend Einwohner.

Die drei Kilometer vom Kreisstädtchen Kusel in dessen Vorörtchen Ruthweiler reichen für Robert kaum, auf wirklich wichtige Plätze der Region zu verweisen: links das Klinikum, in dem er Personalbearbeiter ist, und rechts der unauffällige Fußballplatz der SG Blaubach-Diedelkopf, auf dem vor etlichen Jahren ein Bub namens Miroslav auf sich aufmerksam machte – heute stürmt er bei Bayern und in der Nationalelf, wird als Miro gefeiert, der Klose.

Fußball war (und ist) für den 58-Jährigen immer ein Thema. Als Torwart schaffte er es bei der Bundeswehr bis in die Heeresauswahl. Vor allem aber ist er Fan, seine Lieblingsfarbe: Rot. Viele Jahre fuhr er zu jedem Heim- und zu manchem Auswärtsspiel seines 1. FC Kaiserslautern, zu den Roten Teufeln. »Der FCK ist hier Religion«, sagt Drumm tiefgläubig. Und weil das so ist, fühlte sich der Rote-Teufel-Fan als Seelsorger, dessen Horizont weiter reicht als von Fanblock zu Fanblock, von Anpfiff zu Abpfiff. Als Fanbeauftragter des Klubs fühlte er sich zu mehr beauftragt als dazu, für ein stolzes, stimmungsvolles, halbwegs faires Publikum auf dem Betzenberg zu sorgen. Als auf der Tribüne die Reichskriegsflagge auftauchte, machten Drumm und Andere Druck, bis die Stadionordnung unmissverständlich verbot: »rassistisches, fremdenfeindliches oder rechtsradikales Propagandamaterial«. Und: »verboten ist es weiterhin, a) rassistische, fremdenfeindliche oder rechtsradikale Parolen zu äußern oder zu verbreiten ...«

Als der Krieg auf dem Balkan wütete, sammelten die Roten-Teufel-Fans, um Not und Schmerzen leidende Kinder mit Spenden zu unterstützen. »Ich bin aus dem Flüchtlingslager raus und habe geweint, weil ich gedacht hab’, wie gut es meinen zwei Kindern geht. Wir haben gebibbert und fühlten uns ohnmächtig. Aber wir konnten was tun.« Andere Vereine haben nachgezogen. »Das Soziale gehörte immer mit zum FCK, zumindest damals.«

Seinen Einsatz als Fanbeauftragter beendete er, als er seinen Einsatz als Bürgermeister begann. Das war 1993. Inzwischen wurde er dreimal wiedergewählt, mit Ergebnissen zwischen 75 und 95 Prozent. Frieden und Soziales sind seine Themen im Großen wie in der Kommune.

Wir sitzen in der alten Schule, jetzt ein Café im Nebenraum eines Ladens. Das war er vor Zeiten schon einmal, dann war hier lange nichts, bis die Leute merkten, was ihnen fehlte. Nun trifft man sich hier wieder zu Kaffee und Kuchen; im Saal nebenan probt derweil eine junge Tanzgruppe. Der Bürgermeister freut sich.

Die Arbeiter pendeln zu Opel nach Kaiserslautern, zu BASF nach Ludwigshafen oder bis ins Rhein-Main-Gebiet. Ruthweiler will mehr als ein billiger Schlafort sein. Drumm sorgte sich um die Gefahr eines Hangabbruchs, die Erschließung weiterer Bauflächen und die Integrierung Zugezogener. Er (wie der übrige Gemeinderat, denn soviel Demokratie muss sein) kaufte eine Solaranlage fürs Gemeindehaus und zwang spektakulär den Stromanbieter zu vernünftigen Tarifen, indem er konsequent nachts die Straßenbeleuchtung abschaltete. »Erst haben die Leute über die Aktion gelabert und gelacht. Als wir Erfolg hatten, nicht mehr! Man muss Vorreiter sein.«

Eine Führungsperson sei der schon, meint Horst Windhäuser, der mit ihm ständig zu tun hat. Der 55-Jährige ist Gemeindearbeiter (bezahlt nach dem Öffentlichen Dienst!) und sitzt in der Kommunalvertretung. »Dort geht es nicht nur nach seinem Willen«, versichert er. »Aber so schnell wie er aufbraust, ist er auch wieder unten.« Für Drumm eine Anerkennung.

»Wenn du deine Arbeit richtig machst, wirst du irgendwann jemandem auf die Füße treten. Viele nehmen’s persönlich. Da darfst du dann net jedes Wort auf die Goldwaage legen, musst ein dickes Fell haben, sonst könntest du depressiv werden.« Er sei keiner, der tricksen will, er suche den geradlinigen Weg. Eine Spur leiser wird er, als er bemerkt: »Wenn einer mal Danke sagt, ist das herrlich.«

Ruthweiler, so der Bürgermeister, sei wahrscheinlich die einzige Gemeinde weit und breit, die ihre Einwohnerinnen und Einwohner auch tatsächlich zu der einmal jährlich gesetzlich vorgesehenen Versammlung einlädt. Und weil die Leute sie nicht unbedingt zu Fragen und Diskussionen nutzen wollen (ebenso wenig wie den öffentlichen Teil der Ratssitzungen), wird dieser Gemeindetreff zu einem speziellen Thema angesetzt. Mal zur Schulchronik, im vorigen Jahr zur Dorferneuerung. Die Frauen kochen, der Gemeinderat sorgt für Imbiss, und alle fühlen sich ein bisschen besser.

»Mir geht’s net drum, denen zu erzählen, wie ein Haushalt aussieht. Mir geht’s net drum, denen zu sagen, warum diese Straße gerade gemacht wird. Mir geht’s drum, dass die Leute zusammenkommen. Da weiß auch der Fritz, dass der Otto neben ihm wohnt.« Auch deshalb sei er ein Befürworter des Bürgerhaushaltes. »Christina Emmrich in Berlin-Lichtenberg macht das ja vor. Diese Politik ist doch spannend: die Bürgerinnen und Bürger befähigen, sich selbst um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Deswegen sind meine größten Forderungen: Bürgerhaushalt, Bürgerentscheide, Bürgerbegehren. Die Möglichkeiten dafür gibt’s in Rheinland-Pfalz, aber die Eingangshürden sind sehr, sehr hoch.«

Übrigens ist Robert nicht Ruthweilers erster Bürgermeister Drumm. Das war sein Großvater, ein Kommunist. Er wurden von den Amerikanern nach dem Krieg eingesetzt.

Schon in der Volksschule spitzte Drumm seine Ohren; Politik, Gemeinschaftskunde/Sozialkunde gehörten zu seinen Lieblingsfächern. Unter eine Prüfungsarbeit schrieb ein Lehrer: Robert kennt sich besser in der Politik aus wie ich.

Eine seiner ersten Amtshandlungen als Bürgermeister war sein Auftritt  am Volkstrauertag. Woanders wird still und leise ein Kranz niedergelegt, in Ruthweiler hielt Drumm viele Jahre lang zu diesem Anlass am Denkmal auf dem Friedhof eine Rede: ... dass niemals mehr von deutschem Boden ein Krieg ausgehen darf, dass Mütter nicht mehr um ihre gefallenen Kinder, dass Frauen nicht mehr um ihre gefallenen Männer weinen müssen. »Ich war Bundeswehrsoldat und ich bin auch net Pazifist, aber im Ausland haben unsere Soldaten, wenn es um Krieg geht, nichts zu suchen. Und ich sage auch ganz klar: Ich kämpfe mit allem gegen die Bundeswehrbeteiligung«, bekräftigt er. »30 Kilometer von hier liegt Ramstein. Von dort fliegen die los. Von dort sind sie los geflogen nach Afghanistan, in den Nahen Osten. Es kann doch net sein, dass man im 21. Jahrhundert Konflikte noch immer mit Waffen lösen will.«

Diese Haltung ließ ihn konsequenterweise mit der SPD brechen: »Sollte ich weiterhin eine Partei unterstützen, die von der ehemaligen Friedenspartei Willy Brandts so weit entfernt ist wie ein Hartz-IV-Empfänger vom Luxusleben?«

WASG und Linkspartei weckten neues Interesse. Und neue Überlegungen: Lehne ich mich zurück, oder versuche ich, mit der jungen Partei als Bürgermeister Aufmerksamkeit für Alternativen zu bekommen? Zwei, drei Minuten, nachdem der Berliner Parteitag 2007 den Beschluss über die Gründung der LINKEN gefasst hatte, verschickte Drumm seine Eintrittserklärung per Fax. DIE LINKE hatte plötzlich ihren ersten Bürgermeister in den westlichen Bundesländern.

Was folgte, war ein unerwarteter Ansturm Richtung Ruthweiler, das in manchen Medien zu einer Art Rotweiler werden sollte. Die »Welt« meldete sich an, die »Frankfurter Rundschau«, Nachrichtenagenturen, und der Südwestfunk interviewte sich ausgiebig durch den 520-Einwohner-Ort in der Hoffnung, möglichst viel Enttäuschung über diesen Parteieintritt einfangen zu können. Das hat nicht geklappt, und auch Horst Windhäuser bestätigt: Streit gab es wegen seines Eintritts in DIE LINKE nicht.

Der Kreisverband Kusel zählt inzwischen schon einige Dutzend Mitglieder der LINKEN. Die Tendenz sei steigend, freut sich Genosse Drumm und mahnt sogleich: »Wir müssen aber im Umgang miteinander aufpassen, dürfen bei allem Streit net vergessen, wofür unsere Partei da sein will.«

Der anerkannte Bürgermeister, Typ Kümmerer und verlässlicher Kumpel,  mischt sich parteipolitisch ein, ackert und rackert, ist zuweilen selten daheim, will es wirklich wissen. Nur eben nicht mehr als verantwortlicher Bürgermeister. »Ich versuche, in der Politik einen graden Weg zu gehen. Das ist mir sehr oft angekreidet worden. Ich meine immer noch, dass man mit Wahrheit weiterkommt. Ich bin mir sicher, träte ich erneut als Bürgermeisterkandidat an, ich würde wieder gewählt. Aber man muss die Ehrlichkeit haben zu sagen, für den Ort ist es nach 16 Jahren besser, wenn jemand anderes es macht mit neuen Ideen. Diese Gradlinigkeit meine ich, net an den Posten zu kleben.«

Drumms Name wird also fehlen bei der Bürgermeisterwahl. Für die Ruthweiler sicherlich keine besonders gute Nachricht. Und für uns, für DIE LINKE? Robert Drumm kandidiert nun für den Verwaltungsgemeinderat – das ist eine Vertretung mehrerer Ortschaften – und für den Kreistag. Vor allem jedoch, und das ist die eigentlich hoffnungsvolle Meldung in diesen Wochen, reiste und reist er quer durch Rheinland-Pfalz, gibt Tipps und prüft Termine wie Unterschriften, damit die Wahlantritte der LINKEN überall ihre Ordnung haben. Hundert Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker könnten am 7. Juni gewählt werden, vielleicht sogar mehr. Und alle, bis auf Robert Drumm, das erste Mal für diese junge Partei!