Disput

Offene Räume

Über linke Organisationskultur. Bildungsarbeit muss sich auf das konzentrieren, was Menschen aktuell praktisch und gedanklich beschäftigt

Von Tilman Rosenau

Linken Politikern fällt es oft leicht, die Organisation der Ausbeutung zu geißeln. Wenn sie die Leiden der Massen vermitteln sollen, verfallen sie nicht selten in moralisierende Rhetorik. Eine Befreiungspolitik zu entwickeln, die von den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen ausgeht, fällt ihnen hingegen unsäglich schwer. Dabei fehlt es nicht so sehr an ausgearbeiteten Ideen für sozial gerechtere Systeme, wohl aber fehlt es an Organisationsmodellen zu ihrer Umsetzung.

Entscheidend zur Behebung dieses Mankos ist die Erkenntnis über die Zusammenhänge von individuellen und gesellschaftlichen Triebkräften. Grundlage ist das Wissen vom Verhältnis der politischen, kulturellen und sozialen Produktivkräfte zur Veränderung der Herrschaftsstrukturen innerhalb der Gesellschaft. Um an die Herzen und Hirne der Menschen zu gelangen, bedarf es der Kenntnis von den über Generationen gewachsenen kulturgeschichtlichen Eigenheiten. Emanzipatorische Gegenkräfte haben es schwer, auch wenn ihre Geschichte genau so alt ist wie die ihrer Unterdrücker und Ausbeuter.

Linke Kultur entsteht dabei im Zusammenwirken des Strebens nach Freiheit, Kooperation, zur gewollten Veränderung und zur bewussten Gestaltung. Im kulturellen Raum der Linken darf dabei keine der progressiven Faktoren – Offenheit, Popularität, Kooperation, Persönlichkeitsentfaltung – vernachlässigt werden, sonst besteht die Gefahr, dass sie ihren Gleichstellungsanspruch verliert. Das Soziale zeigt sich im Engagement für Mitbestimmung, direkte Partizipation und Kooperation, für Selbsttätigkeit, Selbstbestimmung und direkte Demokratie sowie Gleichberechtigung, Solidarität und Integration. Das Kulturelle und Soziale bleibt aber ohne politische Perspektive unvollständig, denn die Gesellschaft wird von Interessengruppen organisiert, deren Hang zur Monopolisierung von Wissen und Können charakterisiert ist. Diesen Herrschaftsinteressen entgegenzuwirken bedarf es hegemoniefähiger Gegenkräfte von links. Mitentscheidend für die Entstehung linker Organisationsmodelle ist der Einflussgewinn einer Emanzipationskultur derjenigen, die auf der Verliererseite sind.

Aus den Erfahrungen der Widerstandskulturen ist zu konstatieren, dass Liebesromane, Promiskandälchen in Printmedien, Video- und Internetspiele und nicht zuletzt Fernsehsoaps und -shows die Herzen und Hirne der Mehrheit der Menschen im Alltag nachhaltiger beschäftigen als Fragen nach einem gerechteren Leben und einer besseren Welt. Dies trifft auch in Zeiten wie diesen zu, in denen sich die Krisen des Kapitals zu einem explosiven Gemisch zusammenzuballen scheinen. Große Krisen sind dem Kapitalismus nicht fremd, und seine Profiteure besitzen die Fähigkeit, aus ihnen zu lernen, Systeme zu entwickeln, die das Überleben ihrer Herrschaftsstruktur gewährleisten. Deshalb wirken in modernen Industriegesellschaften ökonomische Krisen in der Regel nicht automatisch auf der politischen Ebene. Den Instrumentarien der Kulturindustrie und des Staatsapparats gelingt es, systemerhaltende Kräfte zu binden bzw. zu generieren, die in der Lage sind, von der Tiefe der Krise abzulenken. Die heutige Kulturindustrie bietet eine indifferente Ware an, in der den Konsumenten eine Teilhabe an einem imaginären Reich unbegrenzter Freiheiten und Möglichkeiten vorgegaukelt wird. Dieser kulturelle Konsumterror versperrt den Weg zu ökosozialem Engagement, bietet hingegen die Flucht aus dem unerträglichen Sein ihrer individuell und gesellschaftlich zerrissenen Existenz.

Der Kampf um gesellschaftliche Hegemonie lässt sich nur über demokratische Strukturen im Kampf um Chancengleichheit in der Bildung und für die Teilhabe aller am kulturellen Leben erzielen. Auch das beste soziale Programm überzeugt nur wenige Menschen, wenn die anderen Lebensbereiche marginal besetzt bleiben und die direkte Partizipation fehlt.

Ein Netz von Kultureinrichtungen, in denen sich die Menschen mit den lokalen Realitäten und Impulsen aus überregionalem und internationalem Kulturschaffen kreativ auseinandersetzen können, ist dabei eine wichtige Triebkraft im Kampf um eine linke Hegemonie.

Wir sind heute mit einer differenzierten Lebensweise und einer starken Individualisierung konfrontiert, die eine Herausforderung darstellt, den realen Vergesellschaftungsprozessen in der Produktion gerecht zu werden, um eine Herausbildung gemeinsamer politischer Identitäten zu gewährleisten. Will man diese vernetzen, darf man diese Dialektik nicht außer Acht lassen. Kollektive Entwicklungen basisdemokratischer Kräfte fußen notwendig auf der Selbstorganisation lokaler Initiativen. Ihnen sind dort offene Räume und Medien zu stellen oder durch sie zu erkämpfen, damit ihre emanzipatorischen Kräfte zur Entfaltung kommen können. Das politische Eingreifen darf dabei mit seiner Argumentationslogik nicht von einem »du darfst, du darfst nicht« ausgehen. Es muss einen Weg entwickeln, der den Menschen klar macht, dass, wenn sie wollen (oder nicht wollen), dass etwas ist (oder nicht ist), ihr eigenes Handeln dafür mitentscheidet. Also, dass das eigene Tun oder Lassen entscheidend für die Realisierbarkeit des jeweiligen Wollens ist. Dabei ist zu beachten, dass niemand sich Deutungen aneignet, ohne deren Nutzen zu begreifen. Die kulturelle Bildungsarbeit muss sich deshalb konzentrieren auf das, was die Menschen aktuell praktisch und gedanklich beschäftigt. Von diesem Ausgangspunkt ist die Motivation zu aktivieren, die die Selbstverständnisse der eigenen Lage bewusst werden lässt und zur Aneignung sich materialisierender Persönlichkeitsentwicklung führt, letztlich zum systematischen und selbständigen Denken und Handeln.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass Ausbeutung und Unterdrückung immer damit verbunden sind, dass die Herrschenden die Fähigkeiten zum selbstbewussten und selbstbestimmten Handeln monopolisieren. Wo sie agieren, sollen andere nur reagieren, wo sie entscheiden, sollen die anderen sich fügen, wo sie schöpferisch sind, sollen andere nur ausführen. Diese Logik muss eine linke Politik durchbrechen. Sie muss dahin wirken, offene Räume zu schaffen, in denen ein plurales Zusammenwirken der Individuen Realität wird.

Tilman Rosenau ist Mitglied im Bezirksvorstand Hamburg-Mitte.