Disput

»Wir wollen ja Gesicht zeigen«

Zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten in Guben und zur Verharmlosung durch den Bürgermeister. Ein Interview mit Peter Stephan

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1999 wurde Farid Guendoul, der unter dem Namen Omar Ben Noui in Guben lebte, von Rechtsextremisten durch Guben gejagt. Daraufhin sprang dieser in panischer Angst durch eine Glasscheibe und verletzte sich dabei tödlich. Diese Tat machte Guben für kurze Zeit bundesweit bekannt. Doch allmählich scheint die Erinnerung daran zu verblassen. Dagegen will Peter Stephan etwas tun. Der parteilose Veranstaltungstechniker sitzt für DIE LINKE in der Gubener Stadtverordnetenversammlung (SVV) und ist Mitinitiator der »Initiative Jahr der Mahnung«. Diese Initiative will das Gedenken an den Tod von Farid Guendoul bewahren. Darüber sprach DISPUT mit ihm.

Du engagierst dich in der »Initiative Jahr der Mahnung«. Was ist das Ziel dieser Initiative?

Zu allererst wollen wir natürlich auf den zehnten Jahrestag der Hetzjagd auf Farid Guendoul aufmerksam machen. Aber dabei soll es nicht bleiben. Mit dem »Jahr der Mahnung« wollen wir auch die Menschen für das Problem mit dem Rechtsextremismus sensibilisieren, das es hier in Guben gibt. Wir wollen erreichen, dass die Leute nicht wegschauen. Zum Beispiel wenn es um Schmierereien der Rechten geht. Wir werden viele nicht verhindern können, aber wir wollen, dass Bürgerinnen und Bürger sagen: »Das sind Schmierereien, das gefällt uns nicht!«

Seit wann gibt es eure Initiative?

Ende letzten Jahres, am 19. Dezember, habe ich als Vorsitzender des Ausschusses für Soziales, Bildung, Jugend und Kultur dazu aufgerufen, eine Initiative zu starten, um den zehnten Jahrestag der Hetzjagd auf Farid Guendoul zu begehen. Dieser Aufruf richtete sich an alle Gubener Bürgerinnen und Bürger. Im Nachhinein bin ich unsicher, ob dies der richtige Weg war. Schließlich hätten darunter auch Rechte sein können. Bei unserem ersten Treffen Anfang Januar 2009 waren aber keine Rechten dabei. Es kamen ganz verschiedene Leute, schön bunt gemischt. Vonseiten der Politik der Stadt waren nur DIE LINKE und eine Vertreterin vom Bündnis für Guben anwesend. Das fand ich sehr schade.

Am 13. Februar 2009 jährte sich die Hetzjagd auf Farid Guendoul zum zehnten Mal. Wie wurde dieser Tag begangen?

An dem Tag haben wir eine Andacht in der Bergkapelle veranstaltet. Von dort aus gingen wir mit Kerzen zum Gedenkstein. An diesem Stein fand eine 24stündige Mahnwache von Jugendlichen statt, die in der Jugendinitiative »Open Gate« Mitglied sind und sich auch in der »Initiative Jahr der Mahnung« engagieren. An dem Gedenkmarsch nahmen zwar nur 80 Leute teil, die Mahnwache wurde jedoch enorm unterstützt. Da kamen Leute und brachten Pizza oder Kaffee und Kuchen vorbei. Irgendwann stellten die Jugendlichen fest, dass das Zelt, was sie aufgebaut hatten, nicht ausreichte, um die geplanten Videos zeigen zu können. Schnell wurde ihnen ein weiteres Zelt aufgebaut. Die beiden Jugendvereine »Fabrik« und »Comet« haben bei der Technik und der Logistik geholfen. Ein Vertreter der katholischen Gemeinde hat auch stundenlang an der Mahnwache teilgenommen.

Die Unterstützung war also sehr breit. Besonders schön fand ich, dass sich so viele Leute beteiligt hatten, die ich überhaupt nicht kannte. Als politisch engagierter Mensch kenne ich ganz viele Leute hier in Guben, aber weit über die Hälfte der Menschen, die da waren, hatte ich vorher noch nie gesehen. Es waren also nicht nur die »üblichen Verdächtigen,« sondern ganz normale Gubener Bürgerinnen und Bürger. Das hat mich sehr gefreut.

Die Initiative spricht vom »Jahr der Mahnung«. Ihr wollt euch also nicht nur auf den 13. Februar beschränken. Welche Aktionen habt ihr noch geplant?

Für das Jahr planen wir eine ganze Menge von Veranstaltungen. Am 28. März fand in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Podiumsdiskussion über die Rolle und Bedeutung von Initiativen und Runden Tischen für die öffentliche Meinungsbildung statt.

Das Gymnasium in Guben bekommt den Titel »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« verliehen. Dazu gibt es am 21. April einen Projekttag. Daran werden wir uns zwar nicht direkt beteiligen, aber wir haben darum gebeten, dort erwähnt zu werden. Auf jeden Fall werden wir dort präsent sein. Dann gibt es noch die Idee, die Cottbusser Autorin des Buches »Die Würde«, Hansi Hilbrich (Maxi Hill), einzuladen. In Braunschweig stellt ein Ballett die Hetzjagd nach. Das nennt sich »Jagdszenen«. Es hier in Guben aufzuführen, wird wohl leider nicht funktionieren, weil wir dafür einfach nicht die nötigen Voraussetzungen haben. Aber vielleicht zeigen wir eine Aufzeichnung des Balletts, die es auf DVD geben soll, und laden uns die Protagonisten dazu ein. Im September gibt es noch die »Woche des ausländischen Mitbürgers«, zu der wir definitiv planen, etwas zu machen. Dazu steht aber nichts Konkretes fest. Es kommen sicherlich noch mehr Ideen. Das ist alles ein sehr dynamischer Prozess.

Der Bürgermeister von Guben, Klaus-Dieter Hübner (FDP), gab anlässlich des zehnten Jahrestages der Hetzjagd eine sehr merkwürdige Erklärung ab. Die Hetzjagd bezeichnete er als »Vorfall«, und generell bedauerte er mehr, dass die Stadt Guben in ein schlechtes Licht gerückt worden ist.

Das stimmt leider. Es ist so, dass es hier in Guben Personen gibt, die, sobald die Sprache auf die Hetzjagd auf Farid Guendoul kommt, sofort eine Verteidigungsstellung einnehmen. Das sieht man in der Erklärung des Bürgermeisters recht deutlich. Es geht ihm vorwiegend um das Image der Stadt Guben. Das ist ein Verhalten, das ich überhaupt nicht verstehe. Man kann doch diese Hetzjagd verurteilen.

Ich finde die Rolle des Bürgermeisters in dieser Sache allgemein etwas zwielichtig. Er nahm am Gedenkmarsch am 13. Februar auch teil und verhielt sich dort wie ein kleiner Junge, der nicht in den Zoo will. Es war beschämend. Nur mal ein Beispiel: Der Pfarrer bat darum, dass sich alle an den Händen fassen und zusammen ein Lied singen. Der Kreis wurde beim Bürgermeister unterbrochen. Er begründete das damit, dass er keine Handschuhe dabei hätte und es ihm zu kalt wäre.

Generell muss man sagen, dass der Bürgermeister ein großes Problem mit sozialem Engagement hat. Es ist manchmal schon ziemlich eigenartig, wenn man sich hier sozial engagiert und mit der Stadtverwaltung über Betriebskosten richtig streiten muss.

Diese Erklärung erinnert sehr an Reflexhandlungen, die man oft erlebt. Da wird ein Problem mit Rechtsextremisten kleingeredet oder gar komplett ignoriert, aus Sorge um das Image einer Stadt. Wie ist denn in Guben der generelle Umgang mit dem offensichtlichen Rechtsextremismus-Problem?

Der Bürgermeister handelt so, als gäbe es hier kein Problem mit Rechten. Vor zwei Jahren hat er dies sogar bei »Sabine Christiansen« gesagt. Ein halbes Jahr später wurden hier linke Jugendliche von Rechten zusammengeschlagen. Dann vernichtete er einen Jugendclub, der sich in der antifaschistischen Tradition verstand. Es gab dort zwar Konflikte innerhalb der Antifa, man war allerdings auf dem Weg, diesen Konflikt zu schlichten. Das hat der Bürgermeister verhindert und den Club einfach dicht gemacht.

Mit welcher Begründung hat er diesen Jugendclub schließen lassen?

Lautstärke und etwas in der Art, also Ruhestörung. Es gibt noch andere Beispiele. Ergebnis dieser Politik des Schweigens ist, dass die NPD jetzt einen Vertreter in der SVV hat. Erschreckend ist: Die Wählerinnen und Wähler der NPD sind gar nicht so sehr Jugendliche, sondern eher vierzig bis fünfzig Jahre alt.

Wie groß ist deiner Meinung nach das Problem mit dem Rechtsextremismus in Guben?

Das Problem ist groß. Wir haben einen guten Kontakt zur Polizei, die ebenfalls in unserer Initiative dabei ist. Wir sind deshalb über die rechte Szene in Guben informiert. Diese ist sehr gut organisiert und immer mehr auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Ich persönlich sehe, dass sich hier ein Bild wandelt. Es könnte sein, dass der liebe Schwiegersohn oder der gute Nachbar ein rechtsextremer Gewalttäter sein könnte, der gegenüber seinem Nachbarn ganz anders auftritt als im rechten Milieu.

Das weit größere Problem ist aber, dass viele Rechte Familien gründen und ihre rechtsextreme Meinung und auch ihre Gewaltbereitschaft an ihre Kinder weitergeben. Und es kann sein, dass sich diese Leute auch im Elternbeirat wiederfinden. Das wäre der Super-Gau. Außerdem sind sie viel selbstsicherer geworden. Früher haben es sich die Rechten nicht getraut, »Erkennungsklamotten« zu tragen. Jetzt sieht man sie öfter in diesen Sachen, selbst wenn sie mit ihren Kindern unterwegs sind.

Das zeigt auch, dass innerhalb der Bevölkerung die Akzeptanz gestiegen ist.

Genau. Die Akzeptanz ist ziemlich stark geworden. Ich habe ja schon erwähnt, dass die NPD von Leuten mittleren Alters aus ganz unterschiedlichen Schichten gewählt wird. Die Berührungsängste scheinen weggefallen zu sein. Es ist nicht mehr verpönt, rechts zu sein oder die NPD zu wählen

Ein weiterer Grund, warum die rechte Szene so sehr erstarkt ist, ist der, dass gerade linken Jugendlichen mehr und mehr die Möglichkeit der Entfaltung entzogen wird. Es wurden hier drei Jugendtreffs einfach so kaputt gemacht. Diese drei Jugendtreffs verstanden sich als Alternative zu den Rechten. Nicht unbedingt als linke, aber als Alternative. Und die wurden seitens der Stadtverwaltung mit maßgeblicher Beteiligung des Bürgermeisters im wahrsten Sinne des Wortes platt gemacht. Zwei von den Gebäuden, in denen sie sich befanden, wurden nämlich abgerissen.

Du bist mit der »Initiative Jahr der Mahnung« sehr in der Öffentlichkeit präsent. Hast du deshalb schon Anfeindungen erleben müssen, gerade aus der rechten Szene?

Nein, so was habe ich noch nicht erlebt. Das ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass die Rechten hier in Guben Fuß fassen wollen. Das heißt, sie müssen sich ein bestimmtes Benehmen aneignen, um dies zu schaffen. Gewalt kommt bei der Wählerschaft halt nicht gut an.

Die NPD hat dennoch zur letzten Kommunalwahl in Guben und im Kreis Spree-Neiße jemanden aufgestellt, der an der Hetzjagd auf Farid Guendoul beteiligt war. Das zeigt, dass sie sich von solchen Gewalttaten nicht wirklich distanzieren.

Ja, Alexander Bode, der wegen der Hetzjagd auch verurteilt wurde. Er war auf Platz zwei der Liste der NPD und er verfehlte den Einzug in die SVV nur ganz knapp.

Du hast einen gewalttätigen Übergriff von Rechten auf linke Jugendliche vor zwei Jahren erwähnt. Gab es in letzter Zeit weitere solche Übergriffe?

In letzter Zeit nicht. Am Tag des Gedenkmarsches und der Mahnwache gab es keine Provokationen. Die Polizei war aber auch gut vertreten gewesen. Dennoch haben die Rechten durchaus ein Drohpotenzial aufgebaut und Fotos von den Beteiligten gemacht. Das war mir persönlich aber egal. Wir wollen ja Gesicht zeigen. Wir wollen uns nicht verstecken. Ein paar Tage später wurden die Blumen, die am Gedenkstein niedergelegt worden waren, niedergetrampelt. Davon lassen wir uns aber nicht entmutigen, im Gegenteil.

Interview: Dirk Schröter