Disput

Zum Verstehen des Anderen

Gemeinsam leben kann man nur gemeinsam lernen. Der Volksentscheid über den Ethik- und den Religionsunterricht in Berlin

Von Steffen Zillich

Am 26 April diesen Jahres findet in Berlin ein Volksentscheid statt. Unterstützt vor allem von den beiden christlichen Kirchen und von CDU und FDP und begleitet von einer aufwendigen und polemischen Kampagne, hat die Initiative »Pro Reli« durchaus beachtliche 265.000 Unterschriften gesammelt und damit einen Volksentscheid erzwungen. Begünstigt wurde dies dadurch, dass in Berlin die Bedingungen für Volksbegehren erheblich erleichtert wurden. Dass über Weihnachten in volleren Kirchen gesammelt wurde, tat sicherlich ein Übriges.
Was will »Pro Reli«?

»Pro Reli« geht es um ein altes Ziel: Der Religionsunterricht soll Pflicht werden. Unter dem Slogan der »Wahlfreiheit« soll ein Wahlpflichtfach eingeführt werden. Das hieße, dass sich Schülerinnen und Schüler zwischen Ethik und Religion entscheiden müssten. Derzeit können sie beides wählen.

Wie ist die Berliner Regelung für den Religionsunterricht?

Anders als in den meisten anderen Bundesländern ist der Weltanschauungs- und Religionsunterricht seit über sechzig Jahren ein freiwilliges Angebot.
Die Berliner Regelung wurde vor über 60 Jahren mit den Stimmen von Kommunisten, Sozialdemokraten und Liberalen beschlossen. Sie trägt in besonderer Weise der säkularen Realität in Berlin Rechnung. Und sie bewährt sich in einer multikulturell und -religiös gewordenen Stadt, weil sie flexibler als ein Pflichtfach ist und eher eine Gleichbehandlung zwischen den Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften gewährleistet.

Der Berliner Ethikunterricht

Seit dem Schuljahr 2006/07 gibt es in Berlin – von Rot-Rot eingeführt – den gemeinsamen Ethikunterricht. Er ist verbindlich für alle Schülerinnen und Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse.

Berlin ist eine Stadt der Vielfalt. Hier leben Menschen mit den verschiedensten religiösen und kulturellen Hintergründen zusammen. Das macht den Reichtum dieser Stadt aus, aber es führt auch zu Konflikten und Missverständnissen. Wir können nicht darauf vertrauen, dass sich eine Gemeinsamkeit der Auffassung über Lebensweisen, über Konventionen des Zusammenlebens im täglichen Leben von selbst herstellt. Wir brauchen die gegenseitige Kenntnis über die unterschiedlichen Hintergründe. Wir brauchen Akzeptanz und Toleranz, und wir brauchen die Verständigung über gemeinsam anzuerkennende Grundlagen des Zusammenlebens.

Dieser Herausforderung trägt das Fach Ethik Rechnung. Es ist ein religiös und weltanschaulich neutrales Fach. Das ist sowohl Verfassungsgebot für die Schule als auch die Voraussetzung dafür, dass die Verständigung gelingt. Gegenseitige Akzeptanz kann nur gewonnen werden, wenn man von der grundsätzlich gleichen Berechtigung der Weltanschauungen und Religionen ausgeht.

Das Fach soll den Jugendlichen in der Schule Raum geben, Kenntnisse über verschiedene Denkweisen und weltanschauliche und religiöse Vorstellungen sowie ihre Hintergründe zu erwerben und sich damit auseinanderzusetzen. Es soll für Gemeinsames, aber auch für Unterschiede sensibilisieren. Es soll zum Verstehen des Anderen, zum Dialog, zu friedlicher Konfliktlösung befähigen.
Es geht »vor allem darum, sich selbst dann noch gegenseitig zu achten, selbst dann noch miteinander zu sprechen, wenn man die anderen nicht mehr versteht, wenn man ihre Ansichten und Entscheidungen nicht teilen, nicht übernehmen kann oder will.«

Natürlich ist das alles nicht nur Aufgabe eines Faches. Und das Fach Ethik ist noch sehr jung, es wächst noch, und einiges bleibt zu verbessern. Wenn aber aus den Schulen berichtet wird, dass sich dadurch das Klima zu verändern beginnt, dass Schülerinnen und Schüler beginnen, Vorurteile zu hinterfragen, dann kann man erahnen, wie wichtig dieses Fach für die Berliner Schule und das Zusammenleben in der Stadt noch werden kann.

Ja zum Ethikunterricht, deshalb Nein zu »Pro Reli«

Hätte »Pro Reli« Erfolg, würde nicht nur die bewährte Berliner Regelung des freiwilligen Religionsunterrichts fallen. Auch den gemeinsamen Ethikunterricht gäbe es nicht mehr und die Schüler würden nach Religionen aufgeteilt. Aber kein Bekenntnisunterricht kann die Aufgabe des gemeinsamen Ethikunterrichts übernehmen. Es ist etwas grundsätzlich anderes, ob gegenseitiges Verständnis eingeübt werden soll oder ob man sich des eigenen Bekenntnisses vergewissert. Es ist sichtbar etwas anderes, ob sich Christen untereinander über die Verständigung mit Muslimen unterhalten oder ob Muslime und Christen dies gemeinsam üben müssen. Letzteres ist ungemein schwieriger, aber genau darauf kommt es an. Verständigung kann man nur lernen, wenn die, die sich verständigen müssen, dies miteinander üben. Deshalb wirbt DIE LINKE in der Initiative »Pro Ethik« für ein NEIN beim Volksentscheid am 26. April. Jede Stimme zählt.

Steffen Zillich ist bildungspolitischer Sprecher der LINKEN im Berliner Abgeordnetenhaus.
www.die-linke-berlin.de