Disput

Ein gemeinsames Ziel

Von Sylt zur Zugspitze: Langer Marsch für eine Welt ohne Atomwaffen

Von Manfred Sohn

Jeder noch so lange Marsch startet bekanntlich mit einem ersten Schritt. In diesem Falle knirschte unter den Sohlen der Sand der Insel Sylt. Gut zwanzig Menschen – die Mehrheit Frauen – hatten sich am 6. August 2009 am nördlichsten Gebäude der Bundesrepublik, dem Leuchtturm in List, getroffen. Hier starteten sie einen Friedensmarsch, der, wenn alles gut geht, erst knapp ein Jahr später auf dem höchsten Gebäude Deutschlands, auf der Zugspitze, enden soll.

Diese ungewöhnlich aufwendige Aktion begann um 8:15 Uhr mit dem tiefen Gong einer alten Schiffsglocke und einer gemeinsamen Schweigeminute für die über 100.000 Menschen, die am 6. August 1945 in der Hitze- und Druckwelle in Hiroshima zum Teil buchstäblich verdampften, als 560 Meter über ihnen mit einem grellen Blitz die erste Atombombe über einer Stadt explodierte.

Vera Bleicken von der örtlichen Initiative »Sylter für den Frieden« eröffnete die kleine Gedenkveranstaltung mit einigen Worten über die Notwendigkeit, dass wir – um der Menschen in Hiroshima und um unserer selbst willen – die Gefahr eines neuen Nuklearkrieges niemals vergessen und solange gegen diese Gefahr kämpfen müssen, bis diese Waffen von der Erde verschwunden sind. Die Kundgebung beendete der Rentner Bernd Funke vom Duisburger Friedensforum mit den drängenden Worten: »Der Wahnsinn wurde in unserer Generation angeschafft. Also muss er auch in unserer Generation abgeschafft werden.«

Dann ging’s los: Über den Strand von Sylt, durch Kampen bis nach Westerland. Dort hatte, begleitet von einem Musikerduo der Kirchengemeinde, die Friedensinitiative einen Stand aufgebaut und weit über hundert Unterschriften unter den »Appell für eine Welt ohne Atomwaffen« gesammelt. Das Sammeln der Unterschriften ist der Ausgangspunkt und eigentliche Sinn des Friedensmarsches. Vor einem Jahr, im August 2008, hatte eine international besetzte Konferenz in Hiroshima diesen Appell beschlossen. Er zielt auf die für den 3. Mai 2010 einberufene Konferenz zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrages. Den dort zusammentreffenden Staatschefs sollen möglichst Millionen Unterschriften überreicht werden, damit endlich ernst gemacht wird mit der Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag und – wie es in dem Appell heißt – »Nuklearwaffen ohne Verzögerungen verboten und vernichtet werden«.

Mit dem Marsch wollen wir, die wir ihn begonnen haben, auf diese Unterschriftensammlung aufmerksam machen. Der erste Abschnitt des großen Marsches liegt hinter uns. Wir sind von Sylt an der ganzen deutsch-dänischen Grenze entlang Schritt für Schritt bis nach Flensburg gelaufen. Wir haben – auch dank einer durchweg ausführlichen und positiv eingestellten Lokalpresse – überall Sympathien und insgesamt mehrere hundert Unterschriften geerntet. Zweimal haben uns Menschen zu Kaffee und Keksen eingeladen. Mal waren wir zwanzig auf dem Marsch, einen Wegabschnitt auch mal nur drei. Aber als wir uns dann Flensburg näherten, kamen uns hier, dank der wunderbaren Organisation des dortigen Kreisverbandes der LINKEN, nach und nach Menschen zwischen sieben und siebzig Jahren entgegen. Sie begleiteten uns die letzten Kilometer, bis wir schließlich wieder über zwanzig waren, als wir am 9. August, um genau 11:02 Uhr, der Menschen gedachten, die an diesem Tag vor 64 Jahren in Nagasaki Opfer der zweiten Atombombe wurden. Daran schlossen sich Reden von Vertretern der Partei DIE LINKE, aber auch des SPD-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wodarg an, der als einer der wenigen seiner Partei gegen den Afghanistan-Einsatz gestimmt hatte.

Dem Marsch weht eine Fahne voran, auf der in Deutsch und Japanisch zu lesen ist: »Friedensmarsch zum Gedenken an Hiroshima, 1945 – 2010, für eine Welt ohne Atomwaffen«. Sie ruht jetzt in Flensburg. Zum 1. September, dem 70. Jahrestag des Überfalls auf Polen, soll und wird sie – vor allem mit Hilfe der Kieler Friedensbewegung – in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins eintreffen. Damit soll auch unterstrichen werden: Weder Japan noch Deutschland waren Opferländer. Ihre herrschenden Klassen waren in Europa und Asien diejenigen, die als erste die Waffen in die Hand befahlen, um andere Völker zu unterwerfen. Hiroshima steht auch als Mahnung, dass Kriege häufig in das Land zurückkehren, von dem sie ausgegangen sind.

In Etappen wird die Fahne wie ein Staffelholz nach Süden getragen, um schließlich auf der Zugspitze an die Jugendliche übergeben zu werden, die sie mit einem Fotoalbum nach Japan nimmt. Dort ist für August 2010 eine weitere große Friedenskundgebung vorgesehen, auf der sie dann an die Japaner überreicht werden soll – als Zeichen dafür, dass Hiroshima und unsere gemeinsame Verpflichtung, für eine Welt ohne Atomwaffen zu kämpfen, in Deutschland niemals vergessen wird. Und weil der Text auf der Fahne eben zweisprachig ist, braucht ihn niemand zu übersetzen.

Für die ersten hundert Kilometer ist allein die reine Zahlenbilanz ganz beeindruckend: Sechs Menschen haben die Fahne schon getragen, mitgewandert sind irgendeinen Streckenabschnitt ungefähr vierzig, mehrere Hundert haben den Appell unterzeichnet, und Tausende haben die Zeitungsartikel gelesen, die in Schleswig-Holstein erschienen sind. Am Schluss werden Dutzende die Fahne getragen, Hunderte mitgewandert sein und Tausende werden den Appell für eine Welt ohne Atomwaffen unterzeichnet haben.

Welchen Weg genau die Fahne gehen wird, hängt vor allem von engagierten Menschen vor Ort ab. Die meisten Abschnitte werden zu Fuß zurückgelegt werden. Aber auch Fahrradabschnitte sind geplant, und diskutiert wird gegenwärtig, ob nicht einzelne Abschnitte von ReiterInnen übernommen werden, die den Gedanken einer Welt ohne Atomwaffen hoch zu Ross durchs Land tragen wollen. Dies ist also vor allem eine Aktion im Werden, eine Aktion zum Mitgestalten und zum Mitmachen.

Nähere Informationen über diese Friedensaktion sind zu finden unter www.friedensmarsch-fuer-hiroshima.de.

Manfred Sohn ist Fraktionsvorsitzender der LINKEN im niedersächsischen Landtag.