Disput

Hallo, Thüringen!

Die Wahlkampf-Tour mit Bodo Ramelow macht Halt in 21 Städten. DISPUT war in Greiz dabei

Von Florian Müller

»Hallo, Greiz!«, grüßt der Moderator von der Bühne. Das klingt reichlich optimistisch. Der »Star« des Nachmittags auf dem Westernhagenplatz (1) ist auch kein Künstler, sondern der Spitzenmann der LINKEN für die Landtagswahl am 30. August. Was er mitbringt, sollen keine Wahlversprechen-Hits sein, sondern klare Töne zu den Absichten seiner Partei in den nächsten Jahren. Was er mitnimmt, sind folglich nicht so sehr Applaus und gute Wünsche (die auch), es sind vor allem Eindrücke und Anregungen. So wie bereits mittags beim Blinden- und Sehbehindertenverband Greiz und Gera.

Die gut 20 Gastgeber im Klub der Volkssolidarität sind zwischen etwa vierzig und weit über siebzig. Ihr Interesse ist enorm, sieben stellen mindestens eine Frage, und gleich zu Anfang bittet ein Herr darum, das Gespräch mitschneiden zu dürfen – für »unsere Mitglieder, die nicht hier sein können«. Bodo Ramelow spricht zunächst kurz Landesfakten an: Jeden Tag würden 121 junge Leute Thüringen verlassen, drei sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren gehen und 35 Frauen und Männer arbeitslos werden. Eine andere Politik sei für die Perspektive des Landes dringend notwendig. Rasch und ohne Floskeln folgen Fragen und Antworten und wieder Fragen. Sie drehen sich, selbstverständlich, auch um Geld: Müssten Sehbehinderte nicht ebenfalls einen Ausgleich für Nachteile erhalten? Wie hoch sollte das Blindengeld sein – für alle derselbe Satz? Vor allem jedoch geht es um Würde und Gerechtigkeit. Der Gast sagt unmissverständlich, dass das Blindengeld von 220 Euro – damit ist Thüringen Schlusslicht bundesweit – völlig unakzeptabel sei. Er wendet sich ebenso deutlich gegen den Wunsch nach einer einheitlichen Höhe: Die sollte individuell bestimmt werden, je nachdem, was für die Mobilität der Benachteiligten erforderlich ist; es handele sich dabei nicht um eine Art Einkommen. Würde die individuelle Festlegung nicht zu neuer, unnötiger Bürokratie führen? Nein. An konkreten Beispielen schildert Ramelow, wie wichtig der LINKEN Politik für die Benachteiligten – und mit ihnen! – ist und wie er in diesen Fragen selbst hinzugelernt hat.

Ramelow redet laut, klar, nicht unbedingt einschmeichelnd. Bei dem einen oder anderen der Gastgeber stößt nicht jede Antwort auf Zustimmung. Es entwickelt sich ein ernsthaftes, offenes Gespräch. Und wenn der Ministerpräsidentenkandidat nicht zum Schluss gebeten hätte: »… deswegen überlege jeder, was er am 30. August wählt«, wäre ein Außenstehender wohl mit keinem Gedanken auf Wahlkampf gekommen. Monika Springer vom Verband wünscht dem Gast alles Gute, der wiederum würde sich über ein weiteres Gespräch freuen.

Derweil ist auf einem Teil des Westernhagenplatzes aus einem imposanten Truck eine kleine Bühne aufgebaut worden. Davor Sitzbänke für die Älteren und eine Hüpfburg für die ganz Jungen. The Golden Sixties aus Erfurt spielen goldig Oldies aus England und dem Rest der westlichen Welt. Beatles, Stones, Pink Floyd …, das sind Klänge, die Ramelow früher mochte und heute noch mag. Aber auch Puhdys, Silly, City, was nichts mit einem »falschen« oder »richtigen« Thüringer, sprich: Ossi, zu tun habe.

Die Musikmacher kommen von ihrem Spielplatz, geben dem Musikhörer die Hand, dann geht der 53-Jährige nach oben und beginnt seine Kandidatenrede. Sie ähnelt der, die er gestern in Altenburg und vorvorgestern in Gera gehalten hat und die er morgen in Pößneck, übermorgen in Hermsdorf und überübermorgen in Sonneberg halten wird. Er hält sie mit ähnlichem Einsatz – gleich ob zwei, drei Dutzend Frauen und Männer ihm zuhören oder zwei-, dreihundert.

Es ist heiß geworden an diesem Dienstagnachmittag, da tut ein bisschen Erfrischung gut. An einem Verkaufswagen gibt's »Mix-Eis« und an einem Imbissstand rote Fassbrause, an einer Hausfassade direkt hinter der Bühne preist ein Schriftband »verschiedene Peelings ab 8 Euro« und »neue Wellnessangebote« an. Da möchte der Hauptredner dem politischen Kontrahenten auch was gönnen: »Zu den demokratischen Gepflogenheiten gehört, dass eine Partei, die 19 Jahre regiert hat, ein Recht darauf hat, sich zu erholen – und zwar in der Opposition. Wir bieten an, dass sich die CDU in der Opposition erholen kann.« Dieses Angebot kommt an, zumindest auf dem Platz. Die Rede ist dann von drei Punkten aus dem Regierungsprogramm: längeres gemeinsames Lernen (ein »Schlüsselthema in unserer Gesellschaft«), bürgerfreundliche Neuorganisation der Verwaltung (»mit Ihnen gemeinsam«) und eine andere Energiepolitik für das Land. Er stehe, sagt der Wahlkämpfer schließlich, für eine reformorientierte Landesregierung: »Die SPD muss sich entscheiden, ob sie eine Koalition der Verlierer mit der CDU macht oder ob sie mit uns die notwendigen Reformen umsetzt.«

Im Publikum steht Reiner Vogel. Er kandidiert zwar nicht und hat auch nicht kandidiert – und dennoch ist er in diesem Jahr bereits, und das auf ungewöhnlichste Weise, in ein sogenanntes Ehrenamt gewählt worden. Dabei hatte der 73-Jährige das nicht gewollt. Im Gegenteil. Nach 31 Jahren in der Kommunalpolitik, zuletzt als Ortsteilbürgermeister von Gommla, wollte er sich zurückziehen. Da sich kein Nachfolger fand, waren seine Mitbürgerinnen und Mitbürger am 7. Juni aufgerufen, auf einem leeren Stimmzettel ihren Wunschbürgermeister zu notieren. 28 Namen kamen zusammen. 27 von ihnen erhielten – insgesamt – 53 Stimmen. Den Mann der LINKEN jedoch wollten 125! Damit schoss, kalauernd ausgedrückt, Reiner den Vogel ab. Nach reichlicher Überlegung entschied er, noch mal zwei Jahre ranzuhängen, bevor (hoffentlich) ein Jüngerer bereitsteht. Warum übrigens auf einem (deswegen ungültigen) Zettel stand: »Wir wollen unseren roten Fürsten wiederhaben«, kann ich ihn nicht mehr fragen, er ist auf dem Weg in sein Gommla.

Geblieben ist Diana Skibbe. Die Diplomlehrerin für Physik und Astronomie ist seit 2004 Landtagsabgeordnete. Viele ihrer damaligen Hoffnungen, räumt sie ein, hätten sich nicht erfüllt. Da hatte eine Enquete-Kommission in der Legislaturperiode zuvor eine »wunderschöne Broschüre mit mehr als 70 Empfehlungen« erarbeitet, doch Broschüre und Empfehlungen spielten anschließend überhaupt keine Rolle. Ebenso wenig wie generell die Erfahrungen des DDR-Bildungswesens. Das ärgert und das motiviert: »Eine Erfahrung für mich ist, dass wir nur mit Mehrheiten Thüringen gestalten können«. Dafür kämpft sie auf ihre Art. Diana Skibbe ist Präsidentin des Thüringer Schachbundes und spielt mit der TSV Zeulenroda in der 2. Bundesliga. Am Brett bevorzugt sie in den Eröffnungen Gambits, die ermöglichen durch Figurenopfer eine schnelle, angriffslustige Spielweise. Anders in der Politik, da operiert die 48-Jährige zurückhaltender. 70 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer fordern ein längeres gemeinsames Lernen bis mindestens zur Klasse 8 in offenen Ganztagsschulen mit individueller Förderung von Anfang an. »Eine chancengerechte Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen und bedeutet Gebührenfreiheit aller Einrichtungen. Dazu gehört ein kostenloses warmes Mittagessen in Kindergärten und Ganztagsschulen.«

Die »Golden Sixties« spielen mit Lust und Laune, ihre Klänge kommen an. Und wenn die Erfurter Band nicht musiziert, stellen sich die Kandidaten aus den Wahlkreisen vor. Neben Diana, der Kreisvorsitzenden, ist das Frank Lux. Der verkauft beruflich Glas/Keramik und Porzellan an Großmärkte und wirbt politisch für die Solidarität mit sozial Schwachen. Sein bevorzugtes Thema: die Wirtschaft. Das heißt für ihn unter anderem: die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Förderung kleiner und mittelständischer Firmen sowie die Zahlung von Löhnen und Gehältern zumindest nach Mindeststandards. Was dies betrifft, muss ein Einschub her. Bodo Ramelow hatte auf einen sozialen wie moralischen Skandal aufmerksam gemacht: In Erfurt propagiert FDP-Spitzenmann Thomas Kemmerich, Vorstand der Friseur-Masson AG, »Kompetenz und Vision«, während in seinen Filialen Stundenlöhne von weniger als vier Euro gezahlt werden!

Frank Lux strebt an, in seiner Heimat endlich die schwarze Mehrheit zu brechen. Hoffnung machen ihm die Stimmenverluste der CDU bei den Kommunalwahlen. Und das Zusammenwirken mit einer Bürgerinitiative gegen hohe Regenwassergebühren. Die Einführung der Gebühren konnten sie nicht verhindern, aber die geplant hohen Tarife. Sein persönliches Ziel am 30. August sind 30 Prozent. Freitags lädt er in diesen Wochen zu Bürgergesprächen ein, der »richtige« Wahlkampf konzentriert sich auf die zwei Wochen unmittelbar vor der Entscheidung. Durch seine Außendiensttätigkeit ist Lux oft auf Achse. Da bleiben als Hobbys die Familie, der Kleingarten und eben die Politik. Der stellvertretende Kreisvorsitzende freut sich über drei neue Mitglieder in Zeulenroda, die gleich in die Aktivitäten mit einbezogen werden. Sein spezielles Interesse gilt abends der Zeitungslektüre, sieben, acht Blätter (»bis hin zur ›Welt am Sonntag‹«) hat er abonniert.

Sie sind sicherlich die Jüngsten weit und breit: Lisa Marie Prautzsch und Tina Albrecht. Die Gymnasiastinnen kommen jetzt in die zehnte Klasse, zur Linksjugend [’solid] sind sie vor Kurzem gekommen. Große Reden sind, glücklicherweise, ihre Sache nicht. Doch auch so wird verständlich, wogegen sie sind: »NPD geht gar nicht«, »Kinderarmut in armen Ländern, aber auch an unseren Schulen geht auch nicht.« Lisa und Tina wollen nicht wegschauen, die kleine Greizer Linksjugendgruppe freut sich über Verstärkung.

Nach drei Stunden klingen Politik und Musik langsam aus. Nein, ganz Greiz ist nicht der Einladung der LINKEN gefolgt, ein kleiner Teil war neugierig und ist zufrieden. Auch der Ministerpräsidentenkandidat ist es: Der Wahltross fährt durchs Land und fällt weithin auf – auch hinter den Fenstern der Häuser und der Autos. Und auch die Veranstaltungen sind nicht zu unterschätzen; sie helfen nicht zuletzt den Mitgliedern und SypathisantInnen. Außerdem berichtet die örtliche Presse über uns und unsere Ziele (und tatsächlich: die örtliche Kollegin der Ostthüringer Zeitung macht das anderntags recht objektiv).

Der rote, musikalische Wahltross zieht weiter. Es werden 22 Halts in 21 Städten. Eine Dialog-Tour, die vom Dialog leben soll. Die letzten Gelegenheiten – vor dem Wahltag – gibt's dafür am 21. August in Gotha (Oberer Hauptmarkt, ab 13 Uhr), am 25. August in Sondershausen (Markt, 12 Uhr), am 26. August in Jena (Holzmarkt, 14 Uhr), am 28. August in Sömmerda (Böblinger Platz, 14 Uhr) und am 29. August in Gera (Eventfläche, 11 Uhr). Überall lädt DIE LINKE ein: Hallo, Thüringen!

(1) Der Kurt-von-Westernhagen-Platz ist nach einem Wehrmachtsoffizier benannt, der 1945 die Sinnlosigkeit weiterer Kriegszerstörungen erkannt hatte und seine Soldaten in Gefangenschaft schickte. Er wurde daraufhin von einem SS-Kommando am 14. April auf dem Platz erschossen.