Disput

Ist DIE LINKE offline?

Sanfter Faschismus, virtuelle Realitäten und reale Unwissenheit

Von Christian Löbel

In seinem Artikel »Die Krise – nichts gelernt aus der Geschichte?« (»clara« 13) bezeichnet Ulrich Maurer das »Computergewaltspiel ›World of Warcraft‹« als eine alltagskulturelle Vorstufe des parlamentarischen »sanften Faschismus«. Er stellt World of Warcraft somit in eine Reihe mit BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich), FPÖ (Freiheitliche Partei Österreich) und uniformiert marschierende Faschisten. Dies stellt nicht nur eine unzulässige Verharmlosung faschistischen Handelns dar, sondern zeugt in allererster Linie von großer Unwissenheit in Bezug auf die Lebenswirklichkeit junger Menschen im Allgemeinen und auf World of Warcraft im Speziellen.

Wenn weltweit über elf Millionen Menschen World of Warcraft spielen, dann tun sie das – davon kann ruhigen Gewissens ausgegangen werden –, um »Level 80« zu erreichen, neue Ausrüstung zu erspielen oder um mit Freunden endlich die neue »Instanz« zu knacken. An Mord und Totschlag denkt dabei mit Sicherheit keiner.

Richtig ist sicherlich, dass Krieg und Gewalt den erzählerischen Rahmen bilden – ebenso wie bei dem Brettspiel Risiko oder bei Schiffe versenken. Aber ebenso wie es absurd wäre, bei Schiffe versenken das gedankenlose Töten hunderter Seeleute (wer sagt eigentlich, dass keine Zivilisten an Bord sind?) anzuprangern, ist es abwegig, die Gewalt bei World of Warcraft in den Fokus zu rücken.

Nur ein Generationenkonflikt?

Das Unverständnis für die Lebenswirklichkeit junger Leute darf wohl primär als Generationenkonflikt betrachtet werden, schließlich ist noch jedes neue Medium vom Comic bis zum Videofilm von der Generation der »Alten« mit Argwohn betrachtet worden, nur um wenige Jahre später Einzug in die Alltagskultur zu halten. Daraus zu schließen, es wäre somit kein Problem, ist jedoch falsch. Denn solange in unserer Partei die Generation »Browser? Was war das noch mal?« dominiert, fällt es jungen Leuten, die ansonsten eine große Übereinstimmung mit unseren Zielen hätten, schwer, in der LINKEN ihre politische Heimat zu finden. Ist der Vorwurf, World of Warcraft sei eine Vorstufe des sanften Faschismus, für sie doch ähnlich absurd wie eine Behauptung, telefonieren sei eine Erfindung des Teufels. Dass diese und ähnliche Themen für die Generation der Computer- und Internetaffinen keine Nebensächlichkeiten sind, zeigt nicht zuletzt der Erfolg der Piratenpartei, die in dem sozialen Netzwerk »studiVZ« mit Leichtigkeit auf mehr »Unterstützer« kommt als alle anderen Parteien.

Tatsächlich gibt es eine sehr große Übereinstimmung der LINKEN mit der politischen Netzbewegung. Die Reform des Urheberrechts – weg von den Kapitalinteressen, hin zu den Nutzerinteressen – ist eine fast sozialistische Idee. Auch im Kampf gegen Überwachung und Zensur kämpfen wir Seite an Seite, so geschehen beim Widerstand gegen die »Kinderpornosperre«. Solange DIE LINKE aber als »Offline-Partei« wahrgenommen wird, deren Akteure weit von der Lebenswirklichkeit der Netz-User entfernt sind, wird es uns nicht gelingen, diese inhaltliche Nähe in Wähler/innen oder gar Mitglieder umzusetzen. Noch ist es nicht zu spät, hier glaubwürdig Kompetenz zu erlangen. Doch all zulange zögern sollten wir nicht. Erstarkt die Piratenpartei erst einmal zur parlamentarischen Kraft in Deutschland, wird sie dieses Themenfeld ebenso besetzen wie die Grünen den Umweltschutz.

Computerspiele als Sündenbock

Hinzu kommt noch, dass Internet und Computerspiele von den Konservativen schon seit einiger Zeit als Sündenböcke für ihre verfehlte Sozialpolitik herangezogen werden. Jedes Mal, wenn irgendwo ein Amoklauf stattfindet, dauert es nur wenige Stunden, bis die bürgerliche Presse den Schuldigen gefunden hat: Böse Computerspiele hat der Täter gespielt, Counterstrike, vielleicht sogar noch Schlimmeres. Und, ach ja: Auf dubiosen »Myspace«-Seiten war er auch, vielleicht entdeckt man sogar ein YouTube-Video, in dem er – oh Schreck! – mit einer Luftpistole auf einen Vogel schießt (»Warum hat das Jugendamt nicht schon auf dieses Alarmsignal reagiert?!«). Dass die Eltern seit zehn Jahren arbeitslos sind und der Vater Alkoholiker ist, dass der Amokläufer jeden Tag in der Schule verprügelt wird – das findet dann oft nur am Rande Erwähnung!

Wenn vonseiten der LINKEN ebenso unreflektiert World of Warcraft als Gewaltspiel und Schlimmeres bezeichnet wird, so erweckt dies den Eindruck, wir LINKEN teilen die Lesart der Konservativen. Vielmehr sollten wir nicht müde werden, ihre asoziale Politik an den Pranger zu stellen und vernehmbar zu artikulieren: Ein verkorkstes Leben und dieses Schulsystem machen Leute zu Amokläufern – nicht »Computergewaltspiele« oder das Internet!

Christian Löbel schrieb den Artikel namens der Linksjugend ['solid] Bayern, deren Landessprecher er ist.