Disput

Zwischen Hafenstraße und Waldweiher

Die Saar-LINKE im Wahlkampf-Endspurt: Es geht um Prozente und noch mehr um den Politikwechsel

Von Stefan Richter

»Du bist der …?« – »Philip«. »Ich bin Dieter.« Wahlkampf ist manchmal auch ein Ort des Kennenlernens in den eigenen Reihen. Philip Preysing und Dieter Hofmann, 19 der eine, 52 der andere, begegnen sich an diesem 14. August 2009 unter roten Schirmen in der Saarbrücker Hafenstraße, direkt vor den Türen der Arbeitsagentur. Mit zwei weiteren Mitstreitern sprechen sie Besucherinnen und Besucher (sowie drei Mitarbeiterinnen des Hauses) an: Dürfen wir Ihnen ein paar Informationen zur Landtagswahl mitgeben? Bei knapp der Hälfte dürfen sie’s.

Dieter Hofmann in einem »Ich wähle Oskar!«-T-Shirt gehört seit zwei Jahren zur LINKEN. Vor langen Zeiten war er Mitglied bei den Sozialdemokraten, danach parteipolitisch abstinent. Auch jetzt hält er Parteien nicht für das Nonplusultra, aber für mehr soziale Gerechtigkeit im Saarland wollte er sich unbedingt wieder aktiver einmischen. Das hat auch, jedoch nicht allein, mit seinem Lebensweg zu tun. Der Ernährungswissenschaftler ist nach einigen beruflichen und privaten Turbulenzen Hartz-IV-Empfänger. Selber »drin« zu stecken, sei ein deutlicher Einschnitt, schildert er.

»Unser Saarland sozial gerecht regieren« ist überall im Land auf großen Plakaten zu lesen, daneben das Konterfei des Spitzenkandidaten und ehemaligen Erfolgsministerpräsidenten Oskar Lafontaine. Die Großwerbungen der Anderen rücken den »neuen Mann« (Heiko Maas, SPD) und den amtierenden CDU-Regierungschef Peter Müller (»Wenn’s drauf ankommt«) ins Zentrum ihrer Kampagnen.

In den regionalen Medien werden die großen Drei auffallend unterschiedlich »plakatiert«. In ihrer Einseitigkeit treibt’s die einheimische Bild-Zeitung an diesem Freitag auf die Spitze: Außer einer halbseitigen Anzeige fürs CDU-Sommerfest mit der Kanzlerin, außer einer scheinbar privaten Anzeige »Gegen extreme Parteien von rechts und links!« (www.ich-lasse-mich-nicht-linken.de) und einem Werbeartikel für Thüringens CDU-Althaus bringt das Blatt ein Interview mit Hubertus Knabe, der wortreich-dramatisch vor der LINKEN warnt und ihrem Spitzenmann einen »fast krankhaften Drang nach Anerkennung« attestieren will. Die Zielperson dieser Anfeindungen bezeichnet die regionale Bild-Zeitung als »kostenloses Flugblatt der Saar-CDU«, und da hat Lafontaine Recht. (Zum Schmunzeln liest sich in diesem Zusammenhang der Hinweis auf einem SPD-Plakat, dass sich in Bexbach ein CDU-Beigeordneter mit den Stimmen von zwei LINKEN wählen ließ.)

Philip Preysing – »bald Auszubildender, jetzt im Wahlkampf« – betrachtet in der Arbeitsagentur ein Symbol für den Abbau an sozialer Gerechtigkeit. Den Superreichen ein bisschen nehmen, um die Arbeitslosen und Geringverdienenden besser zu unterstützen – das bewegt Philip. Und eine echte Bildungsreform. Mit seinen Vorstellungen und seinem Engagement steht er im Bekanntenkreis ziemlich einsam da. Warum? Die Gymnasiasten im Saarland, erfahre ich, kämen vorwiegend aus vermögenderen Haushalten, entsprechend urteilten viele von ihnen.

Dieter und Philip gehen (wie ihre beiden Mitstreiter) auf die Passanten zu, freundlich, unbefangen und durchaus optimistisch. Auch was die Wahlhoffnungen betrifft: 20 Prozent, meinen sie übereinstimmend, wären schön.

Zur gleichen Zeit herrscht, etwa einen Kilometer von der Hafenstraße entfernt, auf dem St. Johanner Markt mehr Auflauf als ohnehin in der Altstadt. Der Spitzenkandidat wird von rund zwanzig Journalisten und drei Fernsehteams begleitet. Doch das hält zahlreiche Saarbrücker keineswegs davon ab, seine Nähe zu suchen. Die meisten schätzen ihn aus seiner Zeit als Oberbürgermeister und als Ministerpräsident, viele sprechen ihn wie selbstverständlich mit Vornamen an, manche spricht er mit Vornamen an. Immer wieder ein Gruß, ein Händeschütteln, ein Plausch, ein Foto. Für Letzteres ist Sandy Stachel zuständig. Die 22jährige stellvertretende Landesvorsitzende des Jugendverbandes drückt an die 50, 60 Mal auf eine Polaroid-Kamera, um die persönlichen Begegnungen mit »Oskar« abzulichten und den Passanten als besonderes Markt-Mitbringsel mitzugeben.

Der Wahlkampf läuft hervorragend, meint Rolf Linsler. Der Landesvorsitzende der LINKEN verweist auf die Kommunalwahlen, die Ergebnisse am 6. Juni seien eine sehr gute Grundlage für die Landtagswahlen gewesen. Auf Anhieb hatten sie landesweit 260 Mandate und in Saarbrücken, Bous, Friedrichsthal und Völklingen sogar über 17 Prozent der Stimmen erreicht. »Bei der Landtagswahl wollen wir die Messlatte von 20 Prozent überspringen. Das werden wir auch schaffen. Darin bestärken mich viele Gespräche und der Einsatz unserer Mitglieder und SympathisantInnen. Ein solcher Erfolg würde eine sehr hohe Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern bedeuten. Das ist allen bewusst.« Bei ihrer Gründung zählte die Saar-LINKE 1.300 Mitglieder, mittlerweile 3.500. Und Linsler ist sich gewiss: »Ein erfolgreiches Abschneiden bei der Landtagswahl bringt der Partei einen weiteren Schub – für die Stabilität und für die Gewinnung neuer Mitglieder. Vor allem würden wir zeigen: DIE LINKE ist nicht nur vorübergehend da, wir beißen uns fest.«

Wer gut wahlkämpft, sollte auch gut feiern. Am Burbacher Waldweiher, einem idyllischen Ausflugsziel vor den Toren Saarbrückens, nennen sie das Sommerfest. Nicht zum ersten Mal übrigens. Ein paar Dutzend Frauen und Männer packen dafür mit an, sie stellen Zelte, Schirme und Bänke auf, bringen Getränke und selbst gemachte Salate, verteilen Material und räumen auf.

Einer der Helfer auf dem Sommerfest und in diesen Sommerwochen heißt Frederick Leister (»wie Kleister ohne K«). Er ist 27, Politikstudent in Frankfurt/Main und zu Hause in Spiesen-Elversberg. Für ihn ist Koordinieren, Plakatieren, Verteilen und Feste organisieren nichts Neues. Schon vor elf Jahren hat er das im Landtagswahlkampf für die damalige PDS gemacht. Die Auffassungen der neuen LINKEN zu Bildung, Demokratie und Mitbestimmung, zum Sozialen sowieso, sind seinen sehr nahe; bei denen zur Außenpolitik etwas weniger. Doch weder damals noch heute drängt(e) es ihn in die Partei; er möchte sich, wie er erläutert, eine kritische Distanz bewahren. Das bremst freilich seinen Eifer überhaupt nicht. Langweilig wird’s im Wahlkampf nie, und hilfreich fürs Studium ist der Einblick, den er bei seinem Praktikum im Landesverband erhält, auf jeden Fall. »Es ist interessant, wie sich – im Vergleich zu PDS-Zeiten – das gesamte Umfeld verändert hat. Die positive Resonanz überwiegt. Ich hatte mir die Ablehnung im Wahlkampf größer vorgestellt.« In der Haltung zum Spitzenkandidaten würden sich die Geister stark scheiden, Zwischentöne vernehme er selten. »Wo er ist, gehen viele auf ihn zu. Sie verbinden mit ›Oskar‹« eine gute Zeit.«

Der Platz am Waldweiher erlebt ein Sommerfest im Wortsinn. Die Sonne strahlt, Kinder spielen. Man isst und trinkt zu – wie auf den Einladungen in der Stadt ausdrücklich versprochen wurde – sozialen Preisen: 1,50 Euro fürs Bier und fürs Alkoholfreie, 3,50 Euro für Schwenkbraten und einen der hausgemachten Salate. Man flachst und unterhält sich, bis der »Oskar« ans Mikrofon tritt und die Stimmung für vierzig Minuten zum Kochen bringt. DIE LINKE, konstatiert er zunächst, mische politisch das Saarland auf, was ihm die gut tausend Zuhörerinnen und Zuhörer im und vor dem Zelt applaudierend bestätigen. 20 Prozent plus X wiederholt er als Ziel für den Wahlabend; der Ehrgeiz sei da, vielleicht als Zweitstärkste durchs Ziel zu gehen. Aber, und daran erinnert er zum Schluss: »Es geht nicht darum, irgendwelche Prozentzahlen zu erreichen. Es geht darum, dass wir einen Politikwechsel an der Saar wollen.«

Am Waldweiher stärkt sich DIE LINKE-Familie für den Endspurt zur Landtagswahl. Im Zelt spielt ein Trio »Wenn nicht jetzt, wann dann«. So lautstark wie die Sommerfestler klatschen und johlen, möchten sie den Text diesmal politisch interpretieren; mit dem »jetzt« kann für sie nur der Wahltag gemeint sein.