Disput

Die Ohren offen halten

Gerd Nier – 62 Jahre, Berufsschullehrer, Direktkandidat im Wahlkreis 54 (Göttingen/Niedersachsen)

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie, habe ich erfahren, wie schwer sich viele Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und wie wichtig es ist, dass sie ihre Interessen solidarisch vertreten.

Ich hatte noch das Glück, mehrere staatlich geförderte Bildungs- und Berufsabschlüsse machen zu können. Deshalb setze ich mich vehement dafür ein, dass Bildungschancen nicht vorrangig vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein dürfen. Kinder mit den unterschiedlichsten Lebenshintergründen sollen möglichst lange gemeinsam eine Schule besuchen können.

In meiner Tätigkeit als Sozialarbeiter, unter anderem in der Obdachlosenarbeit, erlebte ich, was es bedeutet, keine Lobby zu haben und in unserer Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Das hat mich endgültig dazu bewogen, mich gewerkschaftlich und parteipolitisch zu engagieren.

So bin ich seit knapp 40 Jahren Mitglied in der Gewerkschaft. Fast 20 Jahre lang war ich Mitglied der SPD, ich habe sie im Rat der Stadt Göttingen vertreten und war ihr Direktkandidat zur Bundestagswahl 1987. Drei Jahre darauf habe ich die SPD verlassen. Ausschlaggebend dafür war der sogenannte Asylkompromiss. Ich konnte es nicht mehr mittragen, dass sich eine Partei, deren eigene Mitglieder während der Verfolgung durch die Nazis auf politisches Asyl angewiesen waren, so weit verbiegen lässt. Auch das Schielen der SPD-Spitze nach der ominösen »Neuen Mitte« und das Aufweichen sozialpolitischer Positionen und schwer erkämpfter Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern war für mich nicht mehr hinnehmbar.

Meine Begeisterung für ein parteipolitisches Engagement hielt sich dann für 15 Jahre in engen Grenzen. Erst mit Gründung der WASG habe ich wieder einen Ansatz gesehen, linke Politik innerhalb einer Partei glaubwürdig vertreten zu können.

Als Landesvorstandsmitglied der WASG in Niedersachsen konnte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, den wichtigen Zusammenschluss von PDS und WASG voranzubringen. Das erfolgreiche Abschneiden bei den Landtagswahlen schon kurze Zeit nach Gründung der LINKEN übertraf selbst meine optimistischen Erwartungen.

Und nun, eineinhalb Jahre später, trete ich selbst für DIE LINKE als Direktkandidat im Wahlkreis Göttingen an. Selbstverständlich vertrete ich überzeugt das sozial- und wirtschaftspolitische Konzept unserer Partei, die Notwendigkeit einer tief greifenden gerechten Steuerreform, unsere antimilitaristische Überzeugung und die Forderung nach Demokratisierung. Davon muss ich nicht näher berichten, das teile ich mit allen Mitgliedern der LINKEN, und dafür habe ich bei der Verabschiedung des Bundestagswahlprogramms meine Hand gehoben.

Mein direktes Engagement orientiert sich schwerpunktmäßig an den Lebenssituationen im Wahlkreis. Bei vielen Menschen in der Region Göttingen bin ich mittlerweile bekannt dafür, dass ich mich gegen Ämterschikane und Behördenwillkür einsetze und dass ich dies auch öffentlich mache. Mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern konnte ich etliche Auswüchse im Rahmen der unseligen und abzuschaffenden Hartz-IV-Gesetze aufdecken. Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte ich mit der Offenlegung des sogenannten Bettelskandals in Göttingen.

Mein Protest gegen die Auslagerung der Gastronomie mit den damit einhergehenden deutlich verschlechterten Arbeits- und Lohnbedingungen für das Küchen- und Reinigungspersonal der Uni-Kliniken sorgte ebenfalls für einiges Aufsehen. Der Platzverweis und eine Strafanzeige der Klinikleitung gegen mich wegen unerlaubten Betretens des »Hoheitsgeländes« trugen dazu bei, dass viele Menschen über die Pressemeldung von den geplanten Maßnahmen und dem Protest dagegen erfuhren. Die Unterstützung der streikenden Erzieherinnen und meine Beiteiligung am Bildungsstreik wurden von den KollegInnen, den SchülerInnen und StudentInnen erkennbar registriert.

Wichtig ist, dass wir als LINKE Entscheidungen in Berlin und deren Auswirkungen vor Ort in einen erkennbaren Zusammenhang bringen. Was mir dabei Spaß macht, ist das direkte Gespräch. Ich möchte, dass die Menschen mich auch künftig zu Ungerechtigkeiten im Alltag ansprechen und ich hier und da einen Beitrag zur Verbesserung ihrer Situation leisten kann.

Eine andere Politik ist möglich und umsetzbar. Dafür werde ich – unabhängig davon, ob ich das Bundestagsmandat erobere oder nicht – meine Ohren offen halten, mich informieren, an Solidaritätsaktionen teilnehmen und in der LINKEN mitarbeiten. Nach wie vor leitet mich dabei die Überzeugung, dass soziales und ehrenamtliches Engagement wichtige Elemente einer humanen Gesellschaft sind. Die grundlegende Veränderung von Machtverhältnissen ist jedoch nur durch den politischen Druck vieler Menschen zu erreichen.

gerd.nier@dielinke-goettingen.de