Disput

Hauptstadt der Praline

Über Brüssels Schokoladenseite, einfl ussreiche Lobbyisten und die Erfahrung unserer Abgeordneten: Enorm viel ist hier für DIE LINKE zu tun

Von Gert Gampe

Schokolade gab es noch bis 1912 als pharmazeutisches Mittel gegen verschiedenste Beschwerden in Apotheken. Ein gewisser Jean Neuhaus entwickelt das erste Mal Schokolade als Süßigkeit und nennt die Schokobonbons »Praline«. Und so leuchten seitdem viele Sterne am Brüsseler Schokoladenhimmel, wie die weltbekannten Marken Galler, Leonidas, Marcolini, Chocolatier Wittamer, die mit ihren Schaufensterauslagen Pawlow’sche Reflexe auslösen und die Geldbörse schrumpfen lassen.

Aber wegen der Praline sind wir ja nicht in die belgische Hauptstadt gefahren, Polittourismus für ein volle Busbesatzung ist angesagt und ein Kennenlernen der Tätigkeit unserer Fraktion im Parlament der Europäischen Union. Dabei sind Mitglieder der LINKEN aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Bekanntlich kommt Brüssel in den Nachrichten zu 99 Prozent im Zusammenhang mit der EU vor und existiert in vielen Köpfen diffus als Ort, wo Fritten (die besten in der Welt), Muscheln und Pralinen gegessen werden und wo fast 400 Biersorten existieren, die eine exotische geschmackliche Bandbreite besitzen. Das belgische Bier ist dazu noch gerne stark, 12 Prozent sollten es schon sein, und ignoriert das deutsche Reinheitsgebot. Waffeln, Törtchen und Kekse (hier wurde der Spekulatius erfunden) lachen den hungrigen Passanten überall entgegen, mit Eis, Obst und leckeren Sahne- und Puddingcremes versehen. Die Stadt ist eine hochkarätige Gourmetmetropole und hat nicht nur die höchste Restaurantdichte und mehr Michelin-Sterne als Frankreich. Das kleine Brüssel ist zugleich ein kosmopolitischer Ort, wo in direkter Nachbarschaft von Parlamentariern, Lobbyisten und Beamten, Modemachern, Designern und Studenten auch viele Migranten aus Afrika und Asien ein buntes Sprachgewirr zaubern. Gesprochen wird meist französisch und niederländisch, die beiden Amtssprachen, aber gleichfalls italienisch und deutsch (eine Minderheit lebt im Osten Belgiens, vielleicht 70.000).

Auf sieben Hügeln errichtet, am Ufer der Senne (der Fluss ist fast vollständig eingemauert), wurde Brüssel mit der Unabhängigkeit 1830 zur Hauptstadt, und obwohl in beiden Weltkriegen Belgien Aufmarschgebiet deutscher Kriegstruppen war, blieb die Stadt von Zerstörungen weitgehend verschont. So begegnet uns eine sehr schöne Stadt in der Architektur der Gründerzeit mit Plätzen und Straßenzügen, Parkanlagen und großen Gebäuden, wie der Börse, dem Justizpalast, dem Königspalast, dem Triumphbogen und einem der Wahrzeichen, dem kugeligen Expobau von 1958, dem Atomium. Jedoch ist ein pinkelnder Knabe von nur 60 Zentimeter Höhe, geformt in einer Bronzefigur, der unentwegt zu allen Jahreszeiten und alltäglich 24 Stunden lang – als Manneken Pis – agiert, die schillernde Figur der touristischen Neugier und der Andenkenindustrie. Und in Sachen Kultur zeigt sich die Stadt als eine wahre Fundgrube und als Ort des wirklichen Surrealismus (René Magritte kommt von hier), der Comics und der vielfältigsten Häuserwandgestaltungen.

Dies eine kurze und unvollständige Beschreibung der Schokoladenseite, ohne die besonders tolerante, freundliche und charmante Art der Brüsseler zu vergessen. Dagegen steht wie ein Mikrokosmos die im Zuge des Ausbaus der EU-Strukturen erfolgte Modernitätseuphorie mit ihren Folgen von Abrisspolitik, Bürohochhausbebauung, autogerechter Stadt, Ghettoisierung wertvoller Stadtviertel usw. So bietet sich dem Betrachter eine Optik von Bürostadtteilen im Zentrum, wo Parlamentarier und Lobbyisten in engster Tuchfühlung in gläsernen Zellen sitzen, Gesetze (die einen) und Geldströme (die anderen) zu beeinflussen suchen. Mittendrin in dieser sterilen und geschäftstüchtigen Bürowelt sind unsere Europaabgeordneten mit ihren MitarbeiterInnen und versuchen, die Welt sozialer und friedlicher zu gestalten.

Wir dürfen nicht Arbeitsräume und Parlamentsraum besichtigen, bleiben quasi in der allgemeinen »Besucherebene« hängen. Dem kollektiven Fotoshooting vor den Nationalfahnen der EU verweigert sich jedoch niemand. Wir sagen eben Ja zu Europa und wollen ein anderes. Die aktuellen Kräfteverhältnisse sind bekannt, und der Europaabgeordnete Helmut Scholz, auf der Durchreise von NY nach Johannisburg, erläutert unserer Delegation »die Mühen der Ebene« und das Ringen um Mehrheiten, Kompetenz und Veränderungen. Optimistisch klingt das, und wir nehmen es positiv auf, weil eine Führung an Lobby-Brennpunkten im EU-Viertel Spuren hinterlassen hat und Zweifel. Unternehmenfinanzierte »Denkfabriken«, Tarnorganisationen der Industrie, Netzwerke von Europa- und US-Abgeordneten sowie Wirtschaftsführern tummeln sich im EU-Viertel, abgesehen von der Präsenz von Geheimdiensten und dem NATO-Headquartier. Interessanter Weise bedeutet der Name Brüssel eine altniederländische Wortverbindung – Wohnort im Sumpf. Eher ein Haifischbecken, und wer nichts Böses dabei denkt, ist ein Träumer. Die Pralinenstadt hat eben auch ihren bitteren Geschmack.

Der Besuch unseres Büros der Europäischen Linken und die Erläuterungen von Martin Herberg verstärken den Eindruck: Es ist enorm viel zu tun, und wir brauchen mehr Power und Mitwirkende. Überhaupt scheint es notwendig, viel stärker Europapolitik und ihre Folgen für die Bevölkerung, die einzelne Bürgerin, den einzelnen Bürger zu erläutern und mehr Aufmerksamkeit zu wecken. Glanzdruckbroschüren und Eigenwerbung gibt es genug, es geht um den Blick hinter die Kulissen. Ich melde Bedarf an.

In einer unauffälligen Seitenstraße am Justizpalast gelegen: ein Gourmetrestaurant, durch einen schlichten Eingang zu betreten, ohne Außenwerbung. Wir folgen einer Einladung zum Abendessen mit Lothar Bisky, Gabi Zimmer und Cornelia Ernst. Die Mehrheit entscheidet sich für gegrillte und caramelisierte Spare Ribs, natürlich mit Belgian fries. Das offene Gespräch wandert unausweichlich zwischen Politik und Küche und erfordert einige Flaschen Wein. Das persönliche Gespräch, wir wissen um die Bedeutung und dann unter diesen Bedingungen, stimmt einfach heiter und vertreibt die Müdigkeit einer disziplinierten und neugierigen »Politik-Touristengruppe«, die unbedingt alle Programmpunkte wahrnehmen will.

Gute Laune verbreitet auch die Leiterin der Repräsentanz der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Birgit Daiber nimmt in einem wunderschönen Haus mit ihrem Team langsam volle Fahrt auf, um mit einem attraktiven Programmangebot die Debatte über Alternativen zum neoliberalen Europamodell zu fördern und intellektuelle Verbindungen aufzubauen. Es gibt eben auch positive Lobbyarbeit.

Das Schlachtfeld bei Waterloo war am Anfang der Reise und verdient am Ende des Artikels durchaus Erwähnung. Schaut euch beim (nächsten) Besuch in Belgien die verschiedenen Museen an und geht in die Kleinstadt Waterloo (liegt gleich neben Brüssel), da gibt es wunderschöne kleine Cafés und das schon oft zitierte gute Essen.