Disput

Hemmungsloser Humanist

Alfred Hrdlicka (27. 2. 1928–5. 12. 2009) gelang es, politische Debatten mit künstlerischer Einmischung zu provozieren

Von Konstanze Kriese

Der Bildhauer Alfred Hrdlicka ist tot. Er hat sich unumwunden als einer der Schuldigen an der Gründung der LINKEN 2007 gesehen. Schon in den späten Siebzigern hatte er »Die starke Linke« in Stein gehauen. Die politische Debatte um die große Skulptur, die 1981 gegenüber dem Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal aufgestellt wurde, versuchte die Stadt in der Namengebung aufzulösen. Doch das »Denkmal am Engelsgarten« taugte nicht als Spiegel kommunaler Geschichtslosigkeit. Eine Referenz an die Idee, dass sich die Menschheit von ihren Ketten selbst befreien sollte, widersprach zum einen der gewohnten bildnerischen Erinnerung an große Persönlichkeiten. Zum anderen erschwerte die dreiste und dynamische Skulptur zum wiederholten Male der Stadt Wuppertal eine offenherzige Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte. Ihr wurde die lebendige Anerkennung ihres Sohnes Friedrich Engels anempfohlen. Die Ewigkeit des Denkmals, welches anstelle eines Namens eine Ortsbezeichnung erhalten hatte, entließ die Stadt von nun an nicht mehr aus dieser Auseinandersetzung. War dies ein bildkünstlerischer Geniestreich? Ja und Nein. Es kennzeichnet die Arbeitsweise Hrdlickas, dem die seltene Gabe eigen war, auf Kunst in ihrer Eigenart zu bestehen. Dabei tat er alles dafür, sie nicht zugleich sich selbst zu überlassen, sondern sie dem öffentlichen Raum zu überantworten.

Ein ums andere Mal gelang es Alfred Hrdlicka, politische Debatten mit künstlerischer Einmischung zu provozieren. Sie dauert an. Deutsche Soldaten verteidigen inzwischen eine abenteuerliche Existenzberechtigung der NATO in Afghanistan. Sie sterben und sie töten Zivilisten, denn es ist Krieg. Im Kriegsfall ist nicht der Verteidigungsminister, sondern die Kanzlerin zuständig. Statt Verantwortung für die Soldaten in einem verlorenen Krieg zu klären, statt die Verantwortung für den zivilen Aufbau in Afghanistan mit zivilen Mitteln international einzufordern, wurde vom Verteidigungsministerium ein Ehrenmal für gefallene Bundeswehr-Soldaten errichtet «Den Toten unserer Bundeswehr – Für Frieden, Recht und Freiheit«. Das Gegendenkmal steht seit über zwanzig Jahren in Hamburg. Das »Mahnmal gegen den Krieg« ist Hrdlickas bildsprachliche Auseinandersetzung mit Kriegsverherrlichung und Heldenverehrung. Als Gegendenkmal inszeniert, traf es ein ums andere Mal auch die Zukunft. Das unvollendete Mahnmal trifft auf Unbelehrbare, die Krieg wieder zum Mittel der Politik gemacht haben. Was in den 80er Jahren künstlerisch unvollendet blieb, der »Soldatentod« und das »Frauenschicksal« hat mit der prosaischen Wucht der Wirklichkeit die deutschen Wohnzimmer erreicht. Der Zeichner Hrdlicka kommentiert die Geschichtsvergessenheit unter anderem mit Zyklen zum Irakkrieg, Blättern der Wut und der Anklage, entstanden zu Beginn des neuen Jahrtausends.

Mitglieder der Partei DIE LINKE, Künstlerkollegen wie Werner Stötzer, die in diesem Jahr verstorbene Ingeburg Hunzinger und Bernhard Heisig haben Alfred Hrdlicka im vergangenen Februar zu seinem 80. Geburtstag in Berlin gratuliert. Die Galerie Berlin präsentierte »Skulptur, Malerei und Grafik«, die von Drucken zur Französischen Revolution (1985 - 1989) bis zu Aquarellen, die sich Mozarts Opern und dem Meister selbst widmen, die vom liegenden Torso bis zu den aktuellen Blättern gegen den Krieg die magischen Sehweisen Hrdlickas auf engstem Raum versammelte. Weitere Ausstellungen folgten, davon eine Werkschau mit über 400 Arbeiten aus allen Schaffensphasen in der Kunsthalle Würth. Diese Ausstellung wurde aufgrund des Besucherandrangs von Juni bis September verlängert.

Alfred Hrdlicka, der bis 1990 viele Jahre an Kunsthochschulen und Universitäten in der BRD lehrte, kehrt in seinem letzten Lebensjahr zweifach in seine Geburtsstadt Wien zurück.(1) Zum einen mit der Ausstellung »Religion, Fleisch und Macht« (2008)(2) und zum anderen erneut für immer mit dem am 27. Mai 2009 eingeweihten Bronzerelief für die 1998 selig gesprochene Ordensfrau Restituta Kafka, die von den Nazis hingerichtet wurde. Sie hat in der Barbarakapelle des Stephansdoms ihren Platz gefunden. Hrdlicka, der sich selbst als Kommunist und Atheist verstand, schuf mit seiner Kunst eine dauerhafte Aufforderung zum Widerstand gegen Bedrohungen und Verletzungen der Menschenwürde, im Krieg, durch Gewalt und Repression.

Was die Kunstkritik und das Feuilleton über Hrdlickas künstlerische Kraft selten vermeldeten, schafft sein Publikum. Der sperrige, unbeirrbare, direkte und lebensvolle Künstler war nicht nur der Garant für politische Debatten, sondern ist zugleich ein sanfter Brückenbauer: »Die Zusammensetzung der Anwesenden (zur Einweihung des Restituta-Reliefs – K. K.) verdeutlichte das politische Lager überbrückende Anliegen hinter dem Auftragswerk der Wiener Dompfarre: Zugegen waren neben dem 81-jährigen deklarierten Kommunisten Alfred Hrdlicka unter anderem die Generaloberin der Franziskanerinnen von der christlichen Liebe …, Schwester Hilda Daurer, der frühere Vizekanzler Wilhelm Molterer, der Wiener Vizebürgermeister Michael Ludwig, der steirische KP-Landespolitiker Ernest Kaltenegger, der ehemalige SP-Zentralsekretär Heinrich Keller und auch einige ehemalige im NS-Widerstand befindliche Zeitzeugen.«(3)

Hrdlickas Leben war eine klare Parteinahme für Entrechtete und Gequälte, gegen Schreibtischtäter und für eine Menschlichkeit, die angesichts des Todes um ihre Behauptung ringt. Mit archaischer Intensität schuf Hrdlicka, der Atheist, lebendige Kunst mit sakraler Tiefe. Hrdlickas explosive Treue zum Realismus war seiner eingelösten bildnerischen Überzeugung geschuldet, dass »alle Macht in der Kunst vom Fleische ausgeht«. Die Präzision seiner Steine, die Sinnlichkeit der Skizzen, die Strenge und Virtuosität in Druckgrafiken und Aquarellen sind einmalige Boten eines göttlichen Chaoten und hemmungslosen Humanisten(4), dem die Nachgeborenen nicht ausweichen können.

Lothar Bisky, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi erklärten zum Ableben von Alfred Hrdlicka: »Wir trauern um einen großen Künstler. Alfred Hrdlicka war ein aufrechter Mensch und ein couragierter Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Sein Tod ist ein schwerer Verlust für die europäische Kultur. Die deutsche LINKE wird ihrem Freund Alfred Hrdlicka ein ehrendes Andenken bewahren.«

Anmerkungen

(1) Von der weit über Hamburg hinaus geführten Debatte um das Gegendenkmal bleibt auch Wien nicht verschont. Auf dem Albertinaplatz löst Hrdlickas »Mahnmal gegen Krieg und Faschismus« (1988/91) heftigste Angriffe auf den Künstler aus.

(2) Auch die letzten Ausstellungen regen auf. Das Dommuseum macht auf sympathische Weise auf die Entfernung des homoerotisch lesbaren »Abendmahls« nach innerkirchlichen Protesten aufmerksam. Im Archiv zur Ausstellung heißt es: »Das Exponat ›Leonardos Abendmahl, restauriert von Pasolini‹ wurde auf Anweisung der Diözesleitung aus der Ausstellung entfernt. Abbildung siehe Katalog Kunsthalle Würth, Seite 55.« (siehe www.dommuseum.at/archiv.html#2008_1, 9. Dezember 2009).

(3) www.stephanscom.at/news/0/articles/2009/05/27/a16721, 9. Dezember 2009.

(4) Die Titel gehen auf Elias Canettis Äußerungen zu Hrdlicka und auf ein Vorwort von Oskar Lafontaine zurück. In: Alfred Hrdlicka - Zeichnungen. Dortmund 1994, indem er Hrdlicka als schonungslosen Humanisten charakterisiert.