Disput

Friedensfest

Feuilleton

Es weihnachtet sehr. Lebkuchen sind verbilligt. Promis bewirten Obdachlose. Juweliere stellen Kerzen ins Schaufenster. Oma teilt die Rente durch die Zahl der Enkel. Soldaten hoffen auf Heimaturlaub. Die Kaufhäuser dudeln den Song von der weißen Weihnacht, der so endet: »Und ein einz’ger Wunsch stellt sich ein – möcht’ auf Erden Frieden immer sein!«

Doch die Welt ist voller Gefahren. Die Feuerwehr warnt vor Lichterketten aus China ohne deutsches Prüfsiegel. Da ist sie wieder – die »Gelbe Gefahr«, vor der schon unser Kaiser warnte! Heute sagt man: die Schurkenstaaten in Asien und im Mittleren Osten. Die Leute mit den blauschwarzen Haaren, den schmalen Augen und den Dynamitpatronen im Gürtel.

Ein deutscher Gesangsverein antwortet: »Lieb Vaterland magst ruhig sein – fest steht und treu die Wacht am Rhein!« Aber heute steht unsere Wacht nicht mehr am Rhein, sondern in Somalia und am Horn von Afrika, im Kosovo wie vor der Küste Libanons, im Sudan wie in Afghanistan. Denn zur Weihnacht 2002 gab Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) die Parole aus: »Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt!« Das klang wie die Kaiser-Losung: »Viel Feind – viel Ehr!«

Inzwischen ist Struck pensioniert. Der neue Oberbefehlshaber ist Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg. Worauf nun gilt: »Unser Freiherr wird am Hindukusch verteidigt!« Aber der steht in Berlin unter Beschuss, weil er zunächst in vorauseilendem Gehorsam verkündet hatte, dass Oberst Klein die Schlacht um die zwei Tankwagen bei Kundus zu Recht veranstaltet hat.

Später gab er dann zu, dass er neun Berichte der beteiligten Kommandeure und Beobachter nicht kannte. Insofern sollte die Aktion noch mal geprüft werden.

Kann ja sein, dass da 30, 40 Zivilisten zu Tode kamen. Weiß man ja nie, ob das nicht doch Taliban waren oder Dorfbewohner beim Spritklau. Sicher scheint nur, dass die Tankwagen sich festgefahren hatten. Also jeder Stoßtrupp hätte sie abschleppen können. Aber ein deutscher Obrist rechnete den Tankinhalt in Molotowcocktails um und sah den Erdball bedroht! Er lässt den Pannenort von Amibombern pulverisieren. Und nun frisst da kein Hund mehr von den deutschen und amerikanischen Besatzern.

Wer erhält nun die neue Tapferkeitsmedaille? Der forsche Oberst Klein? Der ahnungslose Ex-Minister Jung? Der gewitzte Außenminister Steinmeier, der Wahltaktik wichtiger nahm als die Wahrheit? Die Kanzlerin, die zu der schlimmsten kriegerischen Aktion deutscher Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht den Mund aufmachte? Oder der neue Sonnyboy, Chefaufklärer und Sich-selbst-Revidierer zu Guttenberg? Vermutlich Letzterer.

Er entstammt einem fränkischen Adelsgeschlecht. Der Adel zog stets voran mit Bibel und Schwert gegen die Ungläubigen. Großvater war die rechte Hand von Kanzler Kiesinger. Seine Mutter ist Christiane Henkell von Ribbentrop. Seine Frau ist Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen, verwandt mit dem »eisernen Reichskanzler«. Wer bietet mehr? Außerdem war der Wunderknabe der CSU 1992 Unteroffizier bei den Gebirgsjägern. Der versteht doch mehr vom Krieg als ein Gefreiter. Nie war Deutschland sicherer als heute!

Feldherr zu Guttenberg stellte auch gleich fest, dass in Afghanistan »kriegsähnliche Zustände« herrschen. Struck faselte noch von bewaffneten Brunnenbauern. Jung beklagte gelegentliche Scharmützel. Keiner wollte von Krieg reden. Wie viele Särge mit Helm müssen noch eingeflogen werden? Ist die Vasallentreue zu den USA wirklich stärker als die Vernunft? Die LINKEN haben vom ersten Tag dieses Krieges gewarnt, dass er nicht zu gewinnen ist. Kein Land hätte mehr Gründe, die Teilnahme an jeglichem Krieg zu verweigern! Waffengänge in Krisengebieten gießen nur Öl ins Feuer. Die Wurzel der Gewalt liegt nicht am Hindukusch, sondern am menschenverachtenden Umgang der westlichen Welt mit der muslimischen Welt. Bei der Kolonialisierung wurden Millionen arabische Zivilisten getötet. Im Irak sterben monatlich mehr Zivilisten im Chaos des Krieges, als am 11. September 2001 im World Trade Center umkamen. Wo es um Öl geht, wird die Freiheit besonders tief in den Dreck gezogen. Wie soll Afghanistan mit zweihundert Stammesfürsten, hundert Opiumgangs und zehn Nationalitäten nach dem Kommunalstatut von Pfaffenhofen funktionieren? Was kann der Wahlfälscher Karzai für die Demokratie tun?

Vielleicht fliegt unser Freiherr zur Weihnacht mit Kugelweste und Tannenbaum nach Kunduz. Seine Frau Gräfin könnte ein Lazarett besuchen. Die ARD könnte ein Wunschkonzert starten: Die Heimat grüßt die Front! Aber die Jungens aus Frankfurt am Main wie aus Frankfurt (Oder) werden den Kopf schütteln und singen: » ... möchte’ auf Erden endlich Frieden sein!«