Disput

Lese-Lust im LINKEN-Laden

Neben Politik gehören Kultur und Satire zum Programm

Von Mario Gesiarz

Unter Frankfurt am Main stellen sich viele nur die Bankenmetropole und ihre imposanten Hochhäuser vor. Vielleicht noch eine nicht besonders schmucke Innenstadt mit einer (Einkaufs-)Zeil als Dauerbaustelle. Dass dieses Frankfurt auch eine komplett intakte Altstadt mit kurmainzischem Schloss, einem barocken Palast und einem wunderschönen Mainufer zum Verweilen hat, ist vielen unbekannt. Kann passieren, denn dieses Kleinod liegt im Westen Frankfurts und ist der 1928 eingemeindete Stadtteil Höchst, bekannt einst durch die Hoechst AG und deren Vorläufer, die Kriegsverbrecher der IG Farben.

Mitten in diesem Altstadtensemble, in der Gasse Schlossplatz 3, gibt es seit September 2008 den LINKEN-Laden der Stadtteilgruppe Frankfurt-Höchst und westliche Stadtteile. Ist der Laden geöffnet, wird einfach die Tür der ehemaligen Kneipe aufgemacht, ein Tisch mit Informationsschriften vor das Schaufenster gestellt – fertig ist der Infostand.

So auch am ersten Adventwochenende. Da gestalten die örtlichen Vereine einen zweitägigen romantischen Weihnachtsmarkt in der Altstadt. Die Stadtteilgruppe war sich einig, dort mitzutun. Um den Vereinen keine Konkurrenz zu machen, kamen wir auf eine neue Idee: »Lese-Lust im LINKEN-Laden« nennt sich die Veranstaltung. Am Samstag und Sonntag wurde zwischen 16 und 20 Uhr jeweils zur vollen Stunde 15 Minuten Literatur gelesen. Mitglieder der Gruppe lasen Kurzgeschichten, Satiren von Hüsch und philippinische Märchen. Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke plauderte über Krimis, und seine Mitarbeiterin Jutta von Freyberg las anschließend aus Mankells »Der Chinese«.

Von Anbeginn war sich die LINKE-Stadtteilgruppe darüber einig, in ihrem Laden mehr als allein Politik anzubieten. Der »Hauptsponsor« des Ladens, der Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag, Willi van Ooyen, sieht das mit Sympathie. So gab es im Sommer eine Fotoausstellung der LINKEN-Stadtverordneten Yildiz Köremezli-Erkiner sowie Buchlesungen mit Gerhard Zwerenz und Heiner Halberstadt. Weitere sind geplant, unter anderem mit Heinrich Dröge, Jörg Goldberg, Diether Dehm und André Brie.

Aber auch wenn es um Politik geht, bemüht sich die Stadtteilgruppe, die immerhin neun Frankfurter Stadtteile umfasst, um Inhalt und Vielfalt. »Unser Motto lautet, nicht über Menschen zu reden, sondern mit ihnen«, beschreibt Dominike Pauli, eine der drei SprecherInnen, die Philosophie. Die Ortsbeirätin im Ortsbezirk 6 (mit über 110.000 Einwohnern einer der größten in Deutschland) zählt einige der bisherigen Veranstaltungen auf: Verschiedene Bürgerinitiativen wurden zu Vorträgen eingeladen, es gab Abende mit Wolfgang Gehrcke, André Brie und Sabine Leidig. Schon sehr früh bot die Gruppe eine Diskussion zum geplanten Parteiprogramm an. Zum 8. Mai 2009 initiierte sie eine Kundgebung mit Kranzniederlegung am Mahnmal für dreizehn Antifaschisten im benachbarten Stadtteil Nied. Mit dabei waren der 102-jährige Antifaschist Hans Schwerdt, der VVN-BdA Kreisvorsitzende, SPD-Mitglieder aus mehreren Ortsvereinen und zahlreiche Bürgerinnen und Bürger.

Überhaupt tickt die Gruppe in manchen Dingen etwas anders: Da steht schon mal das gemütliche Beisammensein auf dem Programm, und auch die Satire bekommt ihren Platz: Aschermittwoch wurde beim Heringsessen die »Strömung der Strömungslosen« gegründet. Und bevor samstags der Laden geöffnet wird, kann man die LINKEN auch durchaus mal im benachbarten SPD-Laden beim Kaffetrinken sehen. »Bündnisarbeit ist für uns ein wichtiges Standbein der Kommunalpolitik«, meint dazu Dominike Pauli. Inzwischen hat der LINKE-Laden ein lebhaftes Treiben entfaltet. So trifft sich wöchentlich eine Gruppe von Hartz IV-Betroffenen, eine Schreibwerkstatt befindet sich in der »Testphase«, eine Gruppe türkischer Linker und eine ?’solid?-Gruppe nutzen den Laden ebenfalls regelmäßig.

Dass es sich für DIE LINKE im Stadtteil Höchst lohnt, zeigen die Wahlergebnisse: 13,9 Prozent gab es bei der Bundestagswahl, zehn Prozent bei der Landtagswahl, 8,5 Prozent bei der Europawahl. Das waren mit die besten Ergebnisse in Hessen. Und so soll es weitergehen, mit Ideen, mit Vielfalt und politischer Diskussion.

Mario Gesiarz ist einer der Sprecher/innen der Stadtteilgruppe.