Disput

Nicht König von Kiel ...

.. aber Oberbürgermeister möchte Raju Sharma schon sein

Von Wilfried Hille

Die Szenerie ist surreal. An einem düsteren Herbstmorgen steht die Kieler Oberbürgermeisterin um acht vor dem heimischen Bahnhof und verteilt Brötchen. Alle sollen sehen, spüren und sogar schmecken: Die soziale Kälte, die Angelika Volquartz (CDU) immer wieder nachgesagt wird, entspricht nicht der Realität. Ihre Brötchen wird sie los, die Botschaft verhallt hingegen ungehört. Den Passanten steht der Sinn nicht nach aufgesetzten Wahlkampfveranstaltungen. Sie nehmen die Backwaren, lassen ihre Oberbürgermeisterin dann aber einfach stehen. So kann sie froh sein über das mangelnde Interesse der Presse an diesem Termin. Nur ein Journalist, der sich alsbald kopfschüttelnd verabschiedet, verirrt sich zu der frühen Show.

Der SPD-Kandidat Torsten Albig hat ein ähnliches Problem. Er war schon mal Kämmerer der Stadt und hat dabei einen derart rigorosen Sparkurs gefahren, dass sein Ruf nachhaltig litt. Nur einer fand Albig wirklich gut, Peer Steinbrück. So wurde er Kieler Pressesprecher des Bundesfinanzministeriums.

Volquartz, die früher im Bundestag saß und sich der Nähe der heutigen Kanzlerin rühmte, gegen Albig. Die Wahl am 15. März 2009 drohte eine zwischen Kartoffeln und Erdäpfeln zu werden. Beide stehen für einseitige Interessenspolitik. Soziale Belange werden nur in Fensterreden und mittels Klischees berücksichtigt. Rot müsse das Rathaus wieder werden, so Albig.

»Dann aber richtig rot!«, entgegnet Raju Sharma. Der ist Ministerialrat mit Migrationshintergrund und jetzt auch OB-Kandidat der LINKEN. Seine Vita, seine Qualifikation, die Konsequenz, mit der er zu seinen Überzeugungen steht, machen ihn zu einem Bewerber, dessen Eignung für das Amt offensichtlich ist.

»Ich weiß, wie sich Armut anfühlt«, merkt er eher beiläufig an. Seiner Herkunft schämt er sich nicht, er will damit aber auch nicht kokettieren. So gibt der 44-jährige, in Hamburg geborene Sohn einer Deutschen und eines Inders nur zögernd preis, dass er mit 14 Jahren Vollwaise war und mit seinem Bruder unmittelbar vor der Einweisung in ein Heim stand. »Wir hatten großes Glück, als sich in letzter Minute doch noch ein Cousin meines Vaters fand, der uns aufnahm – in einer kleinen Wohnung am Rande eines Gewerbegebietes, ohne heißes Wasser und mit einem Badezimmerfenster, das zur Hälfte aus einer Spanplatte bestand.«

Später studierte er in Hamburg und Bombay Jura. 1990 trat er in den schleswig-holsteinischen Landesdienst ein, bald darauf auch in die SPD. »Die Aufbruchstimmung unter Björn Engholm hat mich mitgezogen.« Es war die Zeit nach Uwe Barschel, dem skandalumwitterten CDU-Ministerpräsidenten, der unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Engholm war dessen Nachfolger und zugleich Hoffnungsträger der Bundes-SPD. Seine Landespartei wurde damals ihrem linken Ruf noch gerecht. »Immer wieder standen wir im Widerspruch zur Bundespartei, sei es bei Atomkraftwerken, in der Asyl- oder in der Umweltpolitik«, erinnert sich Sharma.

Sein beruflicher Weg entwickelte sich viel versprechend. Leitenden Funktionen im Sozialministerium und beim Rechnungshof des Landes folgte – »im nationalen Interesse«, so die offizielle Begründung – eine vorübergehende Abstellung zum Deutschen Fußballbund zwecks Vorbereitung des Kulturprogramms der WM 2006. Anschließend bezog er sein heutiges Büro als Referatsleiter in der Kulturabteilung der Kieler Staatskanzlei.

Der Bruch mit der SPD kam schleichend. Vollzogen hat er ihn, nachdem Engholms Nachfolgerin Heide Simonis 2005 aus der eigenen Fraktion heraus gestürzt wurde. »Die innerparteiliche Empörung darüber war scheinheilig«, konnte Sharma aus nächster Nähe beobachten. »Ohne jede Klärung wurde weitergemacht, als sei nichts gewesen.« Die SPD wurde Juniorpartner der CDU. »Seither wird nur noch links geblinkt und rechts abgebogen.« Er selber bog links ab und wurde noch 2005 Mitglied der Linkspartei. Eine gezielte Karriereplanung sieht anders aus. »Was hilft mir die Karriere, wenn ich nicht mehr in den Spiegel gucken kann?«, hält Raju Sharma dem entgegen.

»Die Spitze des Hauses frozzelt, die Kollegen ermuntern mich«, fasst er die Reaktionen am Arbeitsplatz nach Bekanntgabe seiner Kandidatur zusammen. Unmittelbare Nachteile erfahre er dort nicht. »Klar ist aber, dass ich mich auf andere Posten nicht mehr zu bewerben brauche.« Sonderlich zu bekümmern scheint ihn das nicht.

Größere Widerstände hätte er als OB, dem eine ihm nicht wohlgesonnene Ratsmehrheit gegenüberstünde, zu überwinden. »Verwaltung kann ich«, so Sharma selbstbewusst »und Verwaltung kann eine Menge bewirken.« Beim Besuch des neuen, städtischen Bürgerhauses im Stadtteil Mettenhof, einem der sozialen Brennpunkte Kiels, findet er gleich ein Beispiel. Die Kantine des Hauses produziert täglich siebenhundert Essen. Hier arbeiten fast nur Ein-Euro-Jobber. Das verstößt gegen die Hartz-Gesetze, nach denen diese Jobs keine regulären Arbeitsplätze ersetzen dürfen. »Mit mir würde das nicht gehen.« Das gelte auch für Verträge der Stadt, die Passagen enthalten, die nicht mal den Mitgliedern des Rates zugänglich sind. Solche gibt es in Kiel offensichtlich im Zusammenhang mit Privatisierungen. »Gesetze sind im Sinne der Menschen und der demokratischer Gepflogenheiten zu handhaben und nicht in dem privater Profitinteressen. Dafür zeichnet ein OB verantwortlich.«

»Der Oberbürgermeister ist nicht der König von Kiel«, habe aber als direkt gewählter Verwaltungschef eine starke Stellung. »Ich will Akzente setzen.« Für soziale Gerechtigkeit, gegen Privatisierungen und konsequent antifaschistisch. »Ich möchte OB einer Stadt sein, die zu ihren Bürgerinnen und Bürgern steht, gleich welches Einkommen, welche Hautfarbe, religiöse Überzeugung oder politische Gesinnung sie haben.« Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist, das wird in Gesprächen mit Raju Sharma zu den unterschiedlichsten Themen schnell deutlich, dessen zentrales Anliegen. »Ich will dafür sorgen, dass dieser Verfassungsanspruch für jeden Menschen in Kiel Wirklichkeit wird.«