Disput

»Wir mussten darum kämpfen«

Oder: Die starken Seiten des behinderten Menschen. Ruth Kretzer-Braun und Johannes Kretzer über das Regenbogenhaus in Freiberg

Ruth Kretzer-Braun ist Pädagogin und Vorsitzende der Linksfraktion im Stadtrat von Freiberg in Sachsen. Johannes Kretzer ist Betriebswirt und Mitglied der Linksfraktion im Kreistag von Mittelsachsen. Ihr größtes Projekt ist aber kein politisches. Es hört auf den Namen Regenbogenhaus. Darüber sprach DISPUT mit ihnen.

Wir sitzen im Hotel Regenbogenhaus im sächsischen Freiberg. Für dieses Hotel habt ihr bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, zum Beispiel wurdet ihr zu Sachsens Assen 2007 gekürt und mit dem Bürgerpreis 2008 der Stadt Freiberg geehrt. Was ist das Besondere am Regenbogenhaus?

Johannes: Das Besondere ist, dass wir in unserem Hotel als schwerbehindert geltende Menschen ausbilden und in Arbeit gebracht haben beziehungsweise bringen. Normalerweise werden sie von der Agentur für Arbeit in Werkstätten für Behinderte beschäftigt. Diese sollen behinderten Menschen eine angemessene berufliche Bildung und eine Beschäftigung zu einem angemessenen Gehalt ermöglichen. In einer Werkstatt gibt es ganz unterschiedliche Beschäftigungsgebiete: Zuliefereraufgaben, Holz- und Metallbearbeitung bis hin zu Schnürsenkel knüpfen. Alle – vor allem geistig – behinderten Menschen haben nach dem Abschluss der Schule Anspruch auf einen Platz in der Werkstatt. Diese Werkstätten sind zwar eine wunderbare Sache, doch nicht für jeden geeignet. Viele fühlen sich durch die Arbeit in diesen Werkstätten unterfordert oder haben einfach keine Lust darauf. Wir wollten ihnen deshalb die Möglichkeit bieten, in einer anderen Branche eine Tätigkeit zu finden, nämlich im Hotel-Gewerbe. Nach unseren Erfahrungen ist diese Branche dafür besonders geeignet. Hier können sie in drei unterschiedlichen Bereichen eines Hotels arbeiten: in der Gastronomie, der Küche und der Hauswirtschaft.

Das Hotel Regenbogenhaus ist das einzige komplett barrierefreie Hotel in ganz Sachsen. Man kann also sagen, dass wir mit unserem Hotel drei Ziele verfolgen: Wir sind Hotel, wir beschäftigen behinderte Menschen und wir sind dabei ein Netzwerk mit anderen Unternehmen aufzubauen, die bei uns ausgebildete behinderte Menschen in Arbeit nehmen.

Wie kommt man auf die Idee, ein derart ehrgeiziges Projekt zu beginnen?

Ruth: 1988 waren Johannes und ich als Dozenten in Äthiopien. Ich durfte an der Universität Lehrer ausbilden und Johannes hat Management unterrichtet. Dort gab es viele behinderte Menschen. Sie hatten keine Chance, einen Rollstuhl zu bekommen. Sie hatten große Lederhandschuhe und schleiften sich damit über die Höfe und kletterten Treppen hoch. Fahrstühle gab es nicht. Viele Menschen sind auch auf uns zugekommen: Großeltern, deren Enkelkinder Augenfehlstellungen hatten und die glaubten, wenn wir eine Brille mitbrächten, seien sie geheilt. Das hat uns sehr bewegt.

Eigentlich wollten wir drei Jahre in Äthiopien verbringen. Leider war die militärische Situation vor Ort so, dass wir nach einem Jahr von unserem Urlaub zu Hause nicht mehr zurückkehren konnten. Die fehlende Sicherheit ließ es nicht mehr zu. Als wir wieder zurückkamen, war ja hier die Wende. Wir mussten uns also überlegen, wie es mit uns weiterging. Mein Arbeitsplatz war anderweitig besetzt worden. Ich hatte nichts zu tun und bekam letztlich die Aufgabe, eine Schule für geistig behinderte Menschen in Freiberg aufzubauen. So etwas gab es zu DDR-Zeiten nicht. Es gab in der DDR regionale Hilfsschulen, aber dort waren die geistig Behinderten nicht mehr dabei. Ich musste also mit diesen Inhalten ganz von vorne beginnen. Ich wurde auch in die alten Bundesländer geschickt, um zu schauen, wie die das da gemacht haben. Wir haben uns Lehrpläne besorgt aus Bayern und Baden-Württemberg. Dadurch kam ich mit ganz vielen Menschen mit Behinderungen zusammen. Wir haben uns dann in Zusammenarbeit mit der Diakonie Freiberg eine Kindereinrichtung ausgesucht, die zur heutigen Albert-Schweitzer-Schule ausgebaut wurde. Ich wollte dort eigentlich als Lehrerin arbeiten. Weil ich aber nicht mehr Kirchenmitglied war, durfte ich das nicht.

Das ist sehr schade.

Ruth: Ja. Aber daraufhin habe ich mir gesagt, dann müssen wir eben ehrenamtlich was tun. Als Mitglied der Lebenshilfe e. V. habe ich in Duisburg an einem Kongress teilgenommen. Dort erlebte ich, wie Leute aus Hamburg ein Projekt vorstellten: ein Hotel, in dem schwerbehinderte Menschen Arbeit fanden. Da habe ich gesagt, so was machen wir jetzt auch in Freiberg! Man meinte nur zu mir: »Nein! Hamburg ist nicht Freiberg und Freiberg ist nicht Hamburg!« Aber mich hat das nicht los gelassen. Ich überlegte mir, ob es denn sinnvoll ist, dass alle geistig behinderten Menschen nach der Schule in eine Werkstatt kommen, oder ob es nicht sinnvoller ist, solche Menschen auch in der Hotel-Branche auszubilden und sie dann in Arbeit zu nehmen.

Und irgendwann kam dann der Punkt, an dem es konkret wurde ...

Ruth: Im September 1997 hatten wir die Chance, im Sozialministerium unsere Idee vorzustellen. Dort fand man unsere Idee gut, meinte aber, wir müssten einen Verein gründen. Das haben wir getan und Johannes mit dazugenommen, weil wir insgesamt sieben Mitglieder brauchten und einer sich um das Geld kümmern musste. Am 3. Dezember 1997 gründeten wir den Verein Regenbogenhaus e. V. Das ging recht schnell. Wir haben diverse Förderungsanträge gestellt, so dass wir im Dezember 1998 die ersten schwerbehinderten Menschen, die zum Teil noch heute bei uns arbeiten, in eine Qualifizierung bringen konnten. Diese wurde vom Arbeitsamt gefördert. In Brand-Erbisdorf bei Freiberg bauten wir eine Etage eines Internats, das nicht mehr genutzt wurde, zu einem Übungshotel um. Wir begannen mit acht SchülerInnen und erhöhten ihre Anzahl 1999 auf 20.

Johannes: Parallel dazu suchten wir ein passendes Haus und fanden schließlich das jetzige Regenbogenhaus. Das gehörte früher zu einem Kasernenkomplex. Das Haus bauten wir zu einem in jedem Bereich barrierefreien Hotel um, was einzigartig in Sachsen ist. Das Sozialministerium hat uns 1,85 Millionen DM zur Verfügung gestellt. Den Rest haben wir über Spenden erbracht. Die Aktion Mensch hat uns zum Beispiel mit 400.000 DM unterstützt. Dennoch mussten wir einen Kredit aufnehmen, den wir heute noch abzahlen. Die Rekonstruktion des Hauses konnten wir Juli 2001 beenden. Ende August 2001 war die Eröffnung.

Ihr wurdet also von staatlicher Seite sehr gut unterstützt?

Johannes: Zu Beginn wurden wir sehr gut unterstützt. Der damalige Referatsleiter und andere Mitarbeiter im sächsischen Sozialministerium fanden unsere Idee gut und haben uns sehr unterstützt.

Zu Beginn? Hat sich später etwas daran geändert?

Johannes: In der Verwaltung des Sozialministeriums gab es wie so oft eine Rotation unter den Verantwortlichen. Und die vielen Leute, die unser Projekt kannten und es unterstützten, waren plötzlich weg. Da gab es dann einen anderen Referatsleiter, der wollte das plötzlich nicht mehr. Aber wir hatten Glück: Wir hatten bereits eine schriftliche Zusage des Sozialministeriums. So konnte das doch in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Doch wir mussten darum kämpfen. Und das haben wir gemacht.

Wie bekommt man als behinderter Mensch eine Ausbildung im Regenbogenhaus?

Ruth: Also genaugenommen ist das, was wir hier machen, keine Ausbildung. Ausbildung ist ja immer ein duales System, bestehend aus Berufsschule und Praxis. Wir machen eigentlich Berufsbildung anstelle von Werkstatt. Die Eltern kommen zu uns, wenn ihr Kind nicht in die Werkstatt will, und fragen, ob es hier ein Praktikum machen kann. Die Kinder werden dann in allen unseren Bereichen getestet: Wie sie sich dem Gast gegenüber verhalten, wie sie in den Zimmern arbeiten, wie sie sich in der Küche einbringen können. Manchmal müssen wir es leider ablehnen, dass jemand eine Berufsbildung bei uns beginnt.

Im November 2006 haben wir bei der Agentur für Arbeit in Chemnitz durchgesetzt, dass wir als Leistungserbringer über ein persönliches Budget den Berufsbildungsbereich durchführen können, analog zu einer Werkstatt. Das bedeutet, dass behinderte Menschen ihre Berufsbildung bei uns machen können anstatt in einer Werkstatt. Wenn jemand bei uns diese Berufsbildung durchführen will, muss man bei der Agentur für Arbeit einen Antrag darauf stellen. Wird er bewilligt, bekommt die Budgetnehmerin oder der Budgetnehmer von der Agentur für Arbeit das Geld überwiesen, das für ihre oder seine Berufsbildung eigentlich an die Werkstatt gegangen wäre. Dieses Geld wird wiederum an uns überwiesen. Auf dieser Basis konnten wir im November 2006 vier junge Leute bei uns in die Berufsbildung nehmen. Inzwischen sind es sechs.

Wie läuft die Berufsbildung ab?

Johannes: Die ersten drei Monate sind eine Einführungsphase. Hier durchlaufen die Budgetnehmer unsere drei Bereiche, also einen Monat sind sie in der Hauswirtschaft, einen weiteren in der Küche und einen im Service. Danach entscheiden wir im Gespräch mit den Eltern und den Budgetnehmern, in welchem Bereich sie am stärksten sind, in welchem sie also weiter eingesetzt werden möchten. Wir gehen nach dem Prinzip vor, die starken Seiten des behinderten Menschen zu stärken. Wenn jemand also seine Stärken in der Küche sieht, geht er für zwei Jahre in die Küche.

Dann wird es schwierig. Wir können nämlich niemanden mehr in Arbeit nehmen. Bisher konnten wir das, aber jetzt haben wir genug Personal. Das sagen wir den Budgetnehmern und ihren Eltern, bevor sie den Antrag bei der Agentur für Arbeit stellen. Sie gehen deshalb in einem anderen Unternehmen ins Praktikum. Und wir fragen das Unternehmen, ob sie sich vorstellen können, diese jungen Menschen später in Arbeit zu nehmen.

Ruth: Was wir machen, haben wir in einem Leistungsangebot zusammengefasst und den Eltern in die Hand gegeben. So können sie überprüfen, ob wir alles einhalten, was wir versprechen. Das ist auch insofern wichtig, als dass die Agentur für Arbeit mit den Eltern eine Vereinbarung darüber trifft, was ihre Kinder in diesen 2 ¼ Jahren schaffen müssen. Das wird alle halbe Jahre überprüft. Wenn dabei herauskommt, dass die Budgetnehmer das nicht schaffen, werden sie nicht weiter gefördert. Bisher hatten wir so einen Fall zum Glück noch nicht.

Wie finanziert ihr euch?

Johannes: Wir müssen uns selbstverständlich selbst finanzieren. Wir verkaufen ganz normale Hotelleistungen, richten Feiern aus, bieten Räume für Seminare. Wir bekommen über die Schwerbehindertenausgleichsabgabe hinaus einen besonderen Aufwand gezahlt. Diese Abgabe müssen alle Unternehmen zahlen, die zu wenige schwerbehinderte Menschen angestellt haben – bei großen Unternehmen muss das jeder Zwanzigste sein. Im Übrigen macht das volkswirtschaftlich Sinn. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen, deren Mitglied wir sind, macht in Sachsen gerade ein Monitoringprogramm. Dafür müssen wir unsere Jahresabschlüsse und eine betriebswirtschaftliche Auswertung einreichen. Die erste Untersuchung ergab, dass für jeden Euro Zuschuss, den ein Integrationsunternehmen in Sachsen erhält, 1,20 Euro zurück in die Sozialkasse fließen.

Ruth: Für jeden schwerbehinderten Menschen bekommen wir außerdem gemäß seines Unterstützungsbedarfs Zuschüsse. Mit Hilfe dieser Unterstützung können wir gut 25 Prozent unserer Personalkosten decken. Das sind alles Zuschüsse, die uns gesetzlich zustehen. Die bekommen wir nicht, weil uns jemand sehr mag. Die bekommt jedes Unternehmen, das mehr behinderte Menschen beschäftigt, als es beschäftigen müsste.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit diesem tollen Projekt!

Interview: Dirk SchröterWeitere Informationen gibt es auf: www.hotel-regenbogenhaus.de