Disput

Der rote Fels wächst

Ein wahres Hochsee-Märchen. Vom kleinsten Kreisverband im ganzen Land

Von Wilfried Hille

Wer Helgoland möglichst gut kennen lernen, dabei zugleich bestens unterhalten werden möchte, dem sei ein Inselrundgang mit Gerwin Bastrup empfohlen. 1.300 Bewohnerinnen und Bewohner leben hier auf nicht einmal einem Quadratkilometer. Jeder kennt fast jeden, jeder kennt garantiert Gerwin Bastrup. Gemeinhin wird er als Original bezeichnet. Die Insulaner begrüßt er wahlweise als »meine Zuckerschnecke« oder auch mit »du hässlicher Vogel«. Er kann sich das erlauben, aus seinem Mund klingt das so gar nicht nach billigen Zoten, es wird ihm mit allseits bester Laune geantwortet.

Dabei ist Bastrup alles andere als ein Witzbold. Vom Leid der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg – »hier gingen viel mehr Bomben nieder als in etlichen Großstädten« – weiß er ebenso zu berichten wie von den auch heute nicht gerade geringen Sorgen der Insulaner. So kann DIE LINKE sich glücklich schätzen, dass er im Spätsommer 2007 mit Uwe Menke, seinem Partner im Leben wie in der Politik, die SPD verließ. Gemeinsam mit Silke Brundaler gründeten sie den Ortsverband der LINKEN. Aus dem wurde mittlerweile der wohl flächenkleinste Kreisverband aller deutschen Parteien, vor allem aber einer der erfolgreichsten.

Daran mochte anfangs niemand glauben. »Linke auf Helgoland, ihr spinnt wohl«, schallte es den Dreien allseits entgegen. Die Gemeinde verweigerte Infotische, sowas sei hier nicht üblich, hieß es. Üblich war hingegen, dass die etablierte Inselpolitik den Niedergang Helgolands fast tatenlos begleitete.

Nicht nur die Lange Anna, das im Meer stehende Wahrzeichen Helgolands, droht umzukippen. Die Besucherzahlen der ausschließlich vom Tourismus lebenden Insel sind seit vielen Jahren rückläufig, die Einwohnerzahlen ebenso. Die Wohnungen sind klein, die Mieten umso höher. Die Lebenshaltungskosten übertreffen die auf dem Festland um rund dreißig Prozent. Viele Jobs gibt es nur im Sommer. Da heißt es dann placken bis zum Umfallen. Im Winter gibt es dafür Hartz IV. Weiterführende Schulen? Fehlanzeige. Eltern, die ihre oft noch nicht pubertierenden Kinder auf ein Festland-Internat schicken, berappen dafür rund 500 Euro monatlich. Existenzängste und -nöte haben sie gleichermaßen, die Arbeiter, Angestellten, Einzelhändler, Wirte und auch die Vermieter.

So ließen Silke, Gerwin und Uwe die anfänglichen Kommentare kalt. Die verwehrten Infotische brachten sie auf eine viel bessere Idee. Mit selbst gebastelten roten Bauchläden zogen sie los, verteilten Flyer, die die Probleme der Insel klar benannten. Schon galten sie nicht mehr als Spinner, die Mitgliederzahl stieg rapide. Sie waren bereits zu acht, als sie im Januar 2008 ihr Kommunalwahlprogramm vorstellten. Dessen Inhalte brachten die anderen Parteien auf Trab. Die SPD hatte es so eilig nachzuziehen, dass ihr Papier zur Kopie geriet. Ganz so, als sei in einer solch kleinen Gemeinde zu verschleiern, wer agiert und wer nur reagiert.

16,1 Prozent erbrachte die Wahl im Mai. Das war da schon keine Überraschung mehr. Im Gemeinderat krempelten Gerwin und Uwe gleich die Ärmel auf. Das Kurmittelhaus sollte privatisiert werden, so war es in der vergangenen Legislatur beschlossen worden. Das einzige Gebot lag aber deutlich unter Wert. Für DIE LINKE Anlass genug, nicht auf bessere Angebote zu warten, sondern die Rücknahme des Beschlusses zu verlangen. Die Argumentation war schlüssig, die Stimmung der Bevölkerung einhellig. Die anderen Fraktionen beeilten sich, den LINKEN zuzustimmen. Acht Arbeitsplätze waren gesichert.

Allein innerparteilich waren die Helgoländer fast isoliert. Die Teilnahme am Parteileben war schon im eigenen Kreisverband Pinneberg, der an Hamburg grenzt, so gut wie unmöglich. Reisen dahin bedingten Übernachtungen und hohe Kosten. Die Idee, sich selbstständig zu machen, fasste Fuß. Die Gremien der Partei hatten schließlich ein Einsehen.

Gerwin Bastrup, vormals Orts- und nun Kreissprecher, ist froh, die Formalien hinter sich zu haben. »Im Winter haben die Leute Zeit, Inhalte zu diskutieren und gemeinsame Ideen zu entwickeln.« Weitere Themen gibt es zur Genüge: die Energieversorgung, der übertriebene Denkmalschutz, die Bürgermeisterwahl 2010. Die würde DIE LINKE gerne um eine eigene Kandidatur bereichern, möglichst gar gewinnen. Qualifizierte Bewerber/innen dürfen sich heute schon angesprochen fühlen.

Große Hoffnung setzen die Helgoländer auf die künftige Fraktion im Europaparlament. »Viele unserer Strukturprobleme könnten mit Hilfe der EU gelöst werden«, weiß Gerwin. Da trifft es sich gut, dass Lothar Bisky Ehrenmitglied des Kreisverbandes ist. Der Parteichef war im Wahlkampf zu Besuch und so angetan, dass er wenige Tage später, zu Beginn seiner Cottbusser Parteitagsrede, den staunenden Delegierten ausführlich über DIE LINKE auf Helgoland berichtete.

Derweil will Gerwin seiner Sammlerleidenschaft frönen. »Ich freue mich auf weitere Eintrittserklärungen.« So sehr er Herz, Hirn und Seele des Kreisverbandes symbolisiert, so klar ist, dass DIE LINKE auch auf Helgoland keine One-Man-Show ist. Siebzehn Mitglieder, mehr als ein Prozent der Einwohner, hatte der Kreisverband bei seiner Gründung Ende November. Selbstverständlich erscheinen alle Genossinnen und Genossen bei den zweiwöchentlichen Treffen, nur Bettlägerigkeit oder Festlandaufenthalte gelten als Entschuldigung.

Beim Gang über die Insel begegnen wir einer Frau, die aus ihren Sympathien keinen Hehl macht. »Die ist auch bald dabei.« Dann zählt Gerwin auf: Gleich hier wohne jemand, der in jüngeren Jahren politisch aktiv gewesen sei. Dazu der Wirt, dessen Kneipe nur einen Steinwurf entfernt liegt. Dann wäre da noch die SPD-Genossin, die DIE LINKE in aller Stille mit einer dreistelligen Wahlkampfspende bedacht hatte. So geht es beinah endlos weiter.

Keine Frage, der überaus gelungenen Mischung aus überzeugenden Inhalten und sympathischen Persönlichkeiten mag man sich gar nicht entziehen.

Wenige Tage später meldet Helgoland drei Neueintritte.

www.die-linke-helgoland.de