Disput

Genug ist genug

Pflege in Deutschland. Meine Erfahrungen

Von Astrid Wörn

Eine Supervision beginnt meist mit einem »Brainstorming«. Zu einem bestimmten Thema, sagen wir einmal »Pflege«, schreiben die Teilnehmer spontan auf, was ihnen dazu einfällt. Alle Gedanken und Gefühle sind erlaubt und erwünscht, positive wie negative. Am Ende bereitet die Gruppe die Informationen auf. Fachliches, Emotionales und sehr Persönliches gehen im besten Fall eine förderliche Allianz ein. Ähnliches lernte ich in den 80er Jahren in meinem Sozialpädagogik-Studium. TZI – Themenzentrierte Interaktion. Entwickelt von der Schweizerin Ruth Cohen, gedacht für Menschen, die in sozialen, pflegerischen und medizinischen Berufen arbeiten, um die hohen menschlichen Belastungen zu integrieren und vor einem »Burn-out« zu schützen. Denn ausgebrannt zu sein, macht anfällig für Fehlverhalten, dafür, die eigene Not am Schwächeren abzureagieren. Genau hier beginnt Gewalt in Worten, Blicken, Taten. Genau hier beginnen die seelischen und körperlichen Übergriffe, wie sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in unseren Pflegeheimen und Krankenhäusern passieren, ohne dass wir als Gesellschaft das überhaupt als Verletzung der Menschenwürde wahrnehmen.

In meinen ersten Berufsjahren in sozialen Brennpunkten haben meine Kollegen und ich noch geredet. Das Miteinander-Sprechen war nicht eine nette Pausenbeschäftigung, sondern machte neben Fachwissen unsere Professionalität aus. Die hohe Kunst des Hinguckens wurde hier geübt und gelebt. Nicht das Verschweigen von Fehlern und Fehlverhalten stand im Mittelpunkt, sondern das Reflektieren. Wie wichtig dabei die persönlichen Lebensumstände sind, zeigen viele Beispiele aus der täglichen Praxis. Ein Mitarbeiter, dessen Frau letzte Nacht als Notfall ins Krankenhaus gekommen ist, eine Mutter, die von Hartz IV lebt und immer mit Existenzsorgen beschäftigt ist, werden am Arbeitsplatz die Sorgen nicht plötzlich ablegen können. Eine gute Leitung schafft Raum für Kollegialität und wird damit zum Vorbild für ihre Mitarbeiter. Sobald über ein privates oder fachliches Problem geredet werden kann, verliert es seine Schärfe. Der Druck, die Angst weichen einem Gefühl des solidarischen Miteinanders. Die Arbeit wird nicht weniger, die Probleme auch nicht, aber es ist Luft zum Atmen da. Eine bessere Mobbing-Prophylaxe gibt es gar nicht und einen besseren Arbeitsschutz auch nicht.

Auf dieser Ebene entwickeln Mitarbeiter auch die nötige Courage, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, anstatt Hunderte von Überstunden vor sich her zu tragen, die sie niemals abbummeln werden, weil niemals Zeit dafür sein wird. Überbelastungen körperlicher und seelischer Art machen blind für das Leid anderer Menschen, weil man nur noch mit dem eigenen Durchhalten beschäftigt ist. Das macht hart, verbittert und gleichgültig. Gegen die chronischen Kopfschmerzen werden Migränemittel eingenommen, gegen die chronischen Rückenverspannungen Schmerzmittel geschluckt, und die Schlafstörungen werden mit Alkohol zugeschüttet. So geht es dann halbtot zur nächsten Schicht, und wenn ein alter, verwirrter Mensch um Hilfe ruft, wird er als Störenfried beschimpft und mit Psychopharmaka zur Ruhe gebracht. Die Nerven liegen blank, und trotzdem geht es so gar nicht. Ich habe als Mensch eine Verantwortung und die kann mir niemand abnehmen, auch schlechte Bedingungen sind keine Ausrede. Ich muss es anders machen wollen, weil ich ein freier Mensch bin und kein Handlanger. Darum geht es, um den Willen, das wirkliche, echte Interesse, alten, kranken, verwirrten Menschen so zu helfen, wie ich möchte, dass auch mir und meinen Liebsten geholfen wird.

Was passiert eigentlich mit den Mitarbeitern in der Pflege, die anderes wollen, die genug haben von den permanenten menschlichen und sozialen Übergriffen? Sie werden demontiert, gemobbt, es werden Intrigen gegen sie eingefädelt. Wer auch nur den Versuch unternimmt, die alten, kranken Menschen, ihre Angehörigen und sich selbst ernst zu nehmen, wer es wagt, Fragen zu stellen, der muss sich warm anziehen. Allein kann man diesen Kampf kaum gewinnen, man braucht Menschen, die einen unterstützen. Viele haben verlernt, sich zu organisieren. Wären die Ärzte und Pflegkräfte rechtzeitig auf die Straße gegangen und hätten sie Unterstützung durch Gewerkschaft und Politik erhalten, sähe es heute anders aus in unseren Krankenhäusern und Pflegeheimen. Solange Zeit für ein paar tröstende Worte als Zeitverschwendung geahndet wird, bleibt das System in sich erhalten. Dazu gehört die Pflegeoptimierung, wie es zynischerweise heißt. Die alten, oftmals verwirrten Menschen werden niedergespritzt, fixiert, in Drei-Liter-Windeln gesteckt oder gleich mit Katheter und Essenssonde versehen. Wer macht so etwas? Die Ärzte verordnen, die Pfleger führen aus, und die Angehörigen gucken zu oder weg. Und nicht zu vergessen die Pharmaindustrie, die allein mit Psychopharmaka, Neuroleptika und diversen Versorgungshilfsmitteln Milliarden verdient. Schirmherr dieses Szenarios ist die Politik, die Heimbetreiber lachen sich ins Fäustchen und planen schon die nächsten Großprojekte, ob Krankenhaus oder Pflegeheim, beides ist lukrativ.

Neben einer generellen Verrohung aller menschlichen und sozialen Umgangsformen, einem staatlich angeordneten Desinteresse an allen Bevölkerungsschichten, die keine Börsenkurse zum Steigen bringen, haben sich die Arbeits- und Lebensbedingungen gerade im Gesundheitswesen eklatant verschlechtert. Wie schnell gingen 500 Milliarden durch alle Instanzen! Nicht für die Bürger, allein für die Banken, und nun möchten die Autobauer Geld haben und weitere Branchen werden folgen. Für die Not leidende Wirtschaft, das ist perfide. Not leidend sind andere. Alte Menschen, die hungrig sind und durstig, weil keiner da ist, ihnen das Essen zu reichen, kranke Menschen, die einsam sterben, weil keiner da ist, ihnen beizustehen. Traurige Angehörige, denen keiner zuhört und die mit all ihren Sorgen und Ängsten um einen geliebten Angehörigen allein auf irgendeinem zugigen Krankenhaus- oder Heimflur stehen. Das ist los, mitten unter uns in Deutschland.

Hightech in den Krankenhäusern führt dazu, dass immer mehr sehr alte Menschen neue Herzen, neue Hüften erhalten. Die Spezialisten operieren minimal invasiv nach neuesten medizinischen Kenntnissen. Danach liegen die alten Patienten dann im Bett und bekommen Dekubitus (Druckgeschwüre), weil das Pflegepersonal keine Zeit hat, sie zu wenden und zu lagern. Dann geht es in die geriatrische Reha und von dort weiter in die Kurzzeitpflege und von da höchstwahrscheinlich ins Pflegeheim. Schöne neue Welt. Keiner hat Zeit für die alten Menschen, die ja nun eigentlich wieder laufen könnten. Sie sitzen dann mit frischgemachten Hüften und Herzen im Rollstuhl oder liegen im Bett, und das für die nächsten Jahre. Wer hat ein Interesse an dieser menschenfernen, herzlosen Medizin? Wem bringt sie Vorteile?

Die grenzenlose Privatisierung führt seit Jahren dazu, dass Krankenhäuser und Pflegeheime an private Anbieter verkauft werden, die damit Gewinne machen. In Hamburg wurden nahezu sämtliche Krankenhäuser der Stadt Hamburg an die Asklepios-Gruppe verscherbelt. Die schon vorher nicht besonders gute Versorgung ist jetzt katastrophal, viele Ärzte und Schwestern gehen, weil sie unter so hohem Druck durch ständig neue Einsparungen nicht mehr arbeiten können und wollen. Patienten müssen inzwischen um Toilettenpapier bitten und darum, sich endlich einmal die Zähne putzen zu dürfen. Wer keinen Angehörigen oder guten Freund hat, der aufpasst, ist verloren.

Refinanzierung ist das Zauberwort, das alle Heimbetreiber und Krankenhausgesellschaften gesetzlich verpflichtet, einen bestimmten Teil der jährlichen Einnahmen und Gewinne in ihre Häuser zurückfließen zu lassen. Was ist daran so schwer und so schlimm? Dann werden solide Partner in das Pflegegeschäft einsteigen und mit den Seilschaften aus Politik, Medizin und Bürokratie hat es ein Ende. Immer mehr Menschen werden krank an ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen, weil Armut und Existenzsorgen krank machen. Viele Menschen wünschen sich wieder ein breites Spektrum an bezahlbarer Gesundheitsversorgung. Brillen, Zähne und Hörgeräte sind zur Luxusausstattung geworden, und das ist zutiefst undemokratisch, anti-sozial und beschämend. Wie fühlt man sich wohl mit Zahnlücke und alter Brille, durch die man nicht mehr richtig sehen kann? Wie fühlt man sich alt und krank und abgeschoben in irgendeinem Pflegeheim? Brennende Fragen für die nächste aktuellen Stunde des Bundestages, und es gilt Anwesenheitspflicht!