Disput

Auf dem Kirchentag

Unter dem Motto »Mensch, wo bist du?« fand in Bremen der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag statt. DIE LINKE war dabei

Von Sabine Bomeier

Das Programm zum 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 20. bis 24. Mai umfasste weit über 500 Seiten mit fast 2.500 Veranstaltungen. Rund 300.000 Besucher kamen allein zum Eröffnungsgottesdienst, täglich bevölkerten um die 100.000 Gäste die Stadt an der Weser. Unter den Angeboten fand sich Kurioses wie die schwankende Brücke zwischen den Spitzen des Bremer Doms – wer wollte, konnte sich dort oben, gegen ein Entgelt und wohl in erhoffter Stille, seinem Gott näher fühlen. Die Christlichen Biker kamen lauter daher, sie fuhren mit donnernden Motoren zu der eigens für sie ausgerichteten Andacht. Gebetet haben auch sie.

Losung (1. Moses 3,9) und Motto des kirchlichen Großevents »Mensch, wo bist du?« wollten Fragen nach der menschlichen Existenz aufwerfen. Das sollte, so die Organisatoren, auch die Frage nach dem eigenen Standpunkt beinhalten. Dazu konnte und wollte auch die DIE LINKE sich äußern. Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen ChristInnen und SozialistInnen? Wo und wie finden Gläubige ihren Platz in einer linken Partei? Mit diesen Fragen gingen LINKE mit einem Informationsstand auf dem sogenannten Markt der Möglichkeiten und verschiedenen Veranstaltungen rund um das Thema Religion und Gott unter die Gläubigen.

Billig war das für die Besucher des Kirchentages übrigens nicht. Eine Dauerkarte für eine Person kostete 89 Euro, dafür gab’s eine Tagungsmappe und den Fahrausweis für die Straßenbahn mit dazu. Familien konnten eine Dauerkarte für 138 Euro bekommen. Ermäßigte Karten für Hartz-IV-Beziehende, StudentInnen, Rentner/innen und andere waren zwischen 15 und 49 Euro im Angebot. Für wirklich Bedürftige keine Kleinigkeit.
Den Auftakt der linken Veranstaltungen bildete ein Empfang der Bundestagsfraktion in einem kleinen Bistro nahe der Landesgeschäftstelle. Bescheiden, nicht pompös, sehr menschlich ging es dort zu. Denn hier hat das Gespräch untereinander noch Platz, vielleicht schon das ein erstes sozialistisches und christliches Anliegen. Die LINKEN aus der Bürgerschaft waren anwesend, Helfer/innen auf dem Kirchentag, engagierte Parteimitglieder und als Gastgeber Bodo Ramelow, stellvertretender Vorsitzender und religionspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion. Er brachte Gäste mit, unter ihnen Peter Sodann, unseren Kandidaten bei der Wahl ums Bundespräsidentenamt. Zur Rolle der Kirche angesichts der derzeitigen Krise meinte er: »Die Kirche könnte viel bewirken, wenn sie sich in die Probleme von Arm und Reich einmischen würde. Ich achte den Glauben sehr, aber nicht unbedingt immer die Institution.«

Bodo Ramelow war tags drauf am Stand der LINKEN. Vom skeptischen »Was macht ihr denn hier?« bis zum begeisterten »Toll, dass ihr auch hier seid!« reichten die Reaktionen der Besucherinnen und Besucher. Der bekennende und engagierte Christ Ramelow meinte dazu: »DIE LINKE macht damit deutlich, dass wir auch im religiösen Bereich Diskussionen anbieten bei Menschen, die glauben, einer Kirche angehören oder auch nicht glauben.« Auf einer Podiumsdiskussion mit Cornelia Hildebrandt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung am selben Tag betonte er, dass DIE LINKE eine Partei ist, die für Religionsfreiheit eintritt, das sei »ein universelles Menschenrecht«. Er sprach sich dafür aus, bereits in den Schulen über alle Religionen zu informieren, sowohl über Inhalte als auch Ursprünge. »Ich plädiere für ein Miteinander und wechselseitiges Akzeptieren und die Gleichbehandlung aller. Nur so wächst Gemeinsamkeit.«

Nach der Vereinbarkeit seiner Mitgliedschaft bei den LINKEN und seines Glaubens gefragt, meinte er bibelfest, dass sogar die Forderung nach einem Mindestlohn sich aus der Bibel ableiten lasse. Denn dort würde schon gefragt, wie viel ein Mensch bekommen müsse, um von seiner Hände Arbeit leben zu können.

Nach einer Fahrt quer durch die Stadt, in einer völlig überfüllten Straßenbahn, in der ständig irgendwelche Chöre liebliche Gesänge zum Besten gaben, gelangten Interessierte zu einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Initiative. Statt »Mensch, wo bist du?« wurde dort in einer offenen Diskussionsrunde gefragt: »Mensch Marx, wo bist du?«. Neben dem Philosophen Jan Rehmann aus New York diskutierten unter anderem der Theologe Dick Boer aus den Niederlanden und der Sozialpfarrer Jürgen Klute aus Herne. Karl Marx selbst wurde nicht gefunden, aber lebhaft darüber geredet, was sozialistisches Leben heute heißt. Gerade angesichts der Krise und der sich ausweitenden Armut sind oftmals christliche und sozialistische Forderungen nicht weit voneinander entfernt.

Fast zeitgleich fand in der »Glocke«, einem großen renommierten Konzerthaus der Hansestadt, eine Veranstaltung zu Gerechtigkeit und Chancengleichheit statt. Eingeladen waren unter anderem Gesine Schwan, Olaf Scholz und Cem Özdemir. Nach Gerechtigkeit in der eigenen Tasche verlangten dabei ein paar Gäste, indem sie ein Transparent entrollten, auf dem zu lesen war: »Rücken krumm, Taschen leer, EKD danke sehr«. Was ein »gerechter Lohn« ist, entscheidet offenbar auch in der Kirche nicht der Herr, sondern der Lohnherr. Gesine Schwan soll mit großer Gelassenheit auf die Aktion reagiert haben.

Am Samstag (23. Mai) schloss der »linke Kirchentag« mit einer Friedensdemo, eine an sich tradierte Einrichtung bei Kirchenevents. Wer wenn nicht die Kirche sollte zu Frieden in der Welt aufrufen? Hier rief dazu allerdings nur, neben zahlreichen anderen Organisationen und Vereinen, der Friedensbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche auf. Die Organisatoren des Kirchentages schwiegen.

Bisher können sich nur wenige vorstellen, dass links auch christlich heißen kann, und umgekehrt. Vielleicht sollte DIE LINKE auf dem religionspolitischen Feld mehr Präsenz zeigen. Sie kann es. Das hat der Kirchentag bewiesen.