Disput

Cousin und Cousine, Teil II

Petra und Jörg: vor zwei Jahren noch »Neumitglieder«, heute schon »alte Hasen«

Von Brigitte Holm

Vor gut zwei Jahren haben sich Petra Hörning und Jörg Lehr zufällig in Dortmund getroffen. Das heißt, nicht ganz zufällig, denn beide hatten einen guten Grund, sich dort aufzuhalten. Petra nahm am Parteitag der PDS teil, Jörg im Nachbarsaal am Parteitag der WASG. Als Petra ihren Cousin Jörg entdeckte, war die Überraschung auf beiden Seiten groß. Gar nicht lange zuvor hatten sie sich noch bei einer Familienfeier gesehen. Dort war aber nicht groß über Politik gesprochen worden. So erfuhr Petra nicht, dass Jörg in die WASG eingetreten war, und Jörg erfuhr nicht, dass Petra seit Kurzem der PDS angehörte. Das alles beschrieb ich schon einmal im »DISPUT« (5/2007; »Cousin und Cousine«).

Jüngst waltete wieder der Genosse oder genauer: die Genossin Zufall. Im Internet stieß ich auf einen Artikel in der »Mitteldeutschen Zeitung«. Es ging um die Linksfraktion im Kreistag, speziell um deren stellvertretende Vorsitzende Petra Hörning.

Da lag der Gedanke nicht fern, einmal zu hören, wie es Petra und Jörg geht, was aus ihren Erwartungen und Hoffnungen geworden ist, die sie an die neue Partei geknüpft hatten. Beide waren einverstanden mit einem Gespräch für »Cousin und Cousine, Teil II«.

Petra, vor zwei Jahren noch ein sogenanntes Neumitglied, ist also stellvertretende Fraktionsvorsitzende im anhaltinischen Burgenlandkreis. Von den 60 Abgeordneten gehören elf zur LINKEN. Zu denen wiederum gehören fünf Frauen – von lediglich 13 insgesamt im Kreistag. Dass ihre Partei in dieser Frage so gut dasteht, freut sie. Auch den Fraktionsvorsitz hat eine Frau inne. Was können elf gegen 49 ausrichten?! Das ist gar nicht die Frage, meint Petra. Vielmehr geht es darum, genügend Abgeordnete aus den anderen Fraktionen für unsere Anliegen zu gewinnen. Und das gelingt schon hin und wieder. Aus jüngster Zeit nennt Petra zwei Beispiele: Zum Ersten die Möglichkeit zur anonymen Geburt. Die Diskussion darüber entstand, als im Kreis ein totes Baby aufgefunden wurde. Ursprünglich wollte die Fraktion auch die Einrichtung einer Babyklappe erreichen. Nach genauerer Befassung mit der Problematik nahm sie davon Abstand, denn so viele Argumente dafür sprechen mögen – es gibt erhebliche rechtliche Gründe, die dagegen sprechen. So ist in der bundesdeutschen und europäischen Gesetzgebung klar geregelt, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, seine Herkunft zu erfahren.

Erreicht hat DIE LINKE mit Abgeordneten anderer Fraktionen, dass in der Burgenlandklinik keine Schwangere weggeschickt wird, selbst wenn sie keine Auskünfte über sich geben will. Glücklicherweise, sagt Petra, gehört die Klinik noch dem Kreis.

Zum Zweiten geht es um die Finanzierung der Schülerverkehrs für Hartz-IV-Familien. Bis zur 10. Klasse ist das geregelt und die Kosten werden vom Land erstattet. Besucht das Kind ein Gymnasium, wird es ab der 11. Klasse eng, denn dann müssen die Eltern für die Fahrtkosten aufkommen. Viele können das einfach nicht, und so bleibt ihren Kindern der Weg ins Gymnasium versperrt. Das fand DIE LINKE ungerecht und wollte eine Unterstützung vom Kreis erwirken. Tatsächlich fand sich dafür über Fraktionsgrenzen weg eine Mehrheit. In Zeiten knapper Kassen wurden 20.000 Euro bereitgestellt. Allerdings hatten die Abgeordneten nicht mit der Bürokratie gerechnet. Nach einem Landesgesetz von Anfang der 90er Jahre darf der Kreis bei solchen Finanzierungen nämlich höchstens zwei Drittel zuschießen. Nun denkt Petra darüber nach, woher das dritte Drittel kommen könnte. Sie kann sich vorstellen, dass Unternehmen oder auch Einzelpersonen Familienpatenschaften übernehmen. Außerdem will die Fraktion im Landtag einen Vorstoß unternehmen.

Für Petra ist diese Angelegenheit nicht nur aus sozialer Sicht so wichtig, sondern auch mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung: 202.000 Einwohner hat der Kreis; im Jahr 2025, wird vorausgesagt, werden es vielleicht nur noch 152.000 sein. Diese Entwicklung müsste man bei fast allen Beschlüssen mit berücksichtigen. Ortsplanung, Ärztemangel, Wegzug von Fachkräften, das sind nur drei Themen.

Petra Hörning ist inzwischen 40 und gehört in ihrer Kreisorganisation immer noch zu den wenigen jungen Mitgliedern. Leider hat die Parteineugründung hier, wie anderswo im Osten, keinen großen Schub gebracht. Der Gang der Dinge ist, dass die Älteren immer älter werden. Viele, die sich vor Jahren noch auf die Leiter machten zum Plakatieren, schaffen das – meist zu ihrem eigenen Bedauern – heute einfach nicht mehr. So ist Petra durch die Dörfer gezogen, um die Plakate für die EU-Wahl anzubringen.

Petra ist nicht in die PDS gegangen, weil es ihr an menschlicher Nähe mangelte. Sie, ihr Mann und ihre drei Kinder haben Freunde, die Familie hält zusammen. Trotzdem hatte sie erwartet, dass es in der Partei etwas herzlicher zugeht, dass – wie sie sagt – eine gewisse »Grundfreundschaft« besteht. Dieses gute Gefühl hat sie bei Lisa, der Frauenarbeitsgemeinschaft der Partei. Sehr vermisst hat sie es jüngst auf dem Parteitag in Essen. Das Gegeneinander der einzelnen Gruppierungen hat ihr regelrecht wehgetan. Für den Wahlparteitag in Berlin wünscht sie sich eine bessere Atmosphäre.
Ihren Cousin Jörg wird sie dort nicht treffen. Aus Celle kommt ein anderer Genosse. In der Ortsgruppe haben sie sich verständigt, dass möglichst jedes Mal ein anderes Mitglied die Möglichkeit erhalten soll, an so einem wichtigen Ereignis teilzunehmen.

Jörg Lehr lebt mit seiner Familie noch immer in Celle, wohin es ihn nach der Wende als frischgebackenen Ingenieur verschlagen hatte, und er arbeitet auch noch im selben Betrieb. Dieser ist neben dem Krankenhaus einer der größten Arbeitgeber am Ort. Trotzdem: Außer Jörg gibt es dort nur ein einziges Mitglied … Das weiß er ziemlich genau, denn er ist für die Mitgliederbetreuung zuständig. Dabei ist die ehemalige WASG-Gruppe von etwa 50 auf über 60 Mitglieder angewachsen. Zumeist sind es Männer, die Frauen machen nur etwa 30 Prozent aus. Aber diese, so Jörg, seien sehr engagiert. Da würden sich die Prozente ausgleichen.

Wie schon in der WASG ist Jörg außerdem der Schatzmeister der Gruppe. Einen Schatz hat er immer noch nicht zu verwalten, aber ganz leer ist die Kasse auch nicht. Er hat das Geld tüchtig für den Wahlkampf zusammengehalten. Dieser wird die Arbeit der nächsten Monate bestimmen.
Schon jetzt stehen sie häufig samstags ab 10 Uhr mit ihrem Info-Stand im Zentrum. Würden auch die anderen Parteien kommen, stünden sie ebenfalls dort. Bisher sind sie aber nicht gekommen, was sich ganz sicher in den nächsten Wochen ändern wird. Dort, dicht bei Karstadt, kommt eigentlich niemand an den LINKEN vorbei. Heranzukommen und mit den LINKEN zu reden, ist aber für viele ein zu großer Schritt. Wenn die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr aufspielt, wird’s für die meisten allemal interessanter. Auch wenn ihnen die Materialien nicht aus den Händen gerissen werden – es gibt Gespräche und Neugier auf die Partei. Alles braucht seine Zeit.

Die örtlichen Medien berichten zwar nicht jeden Tag über DIE LINKE, aber sie ignorieren diese auch nicht. Als kürzlich die Genossen im Stadtrat die Rekommunalisierung der Stadtwerke auf die Tagesordnung gebracht haben, war das der »Celleschen Zeitung« einen Bericht wert. Die Forderung der LINKEN hat einen interessanten Hintergrund: Vor einiger Zeit wurde der CDU-Bürgermeister abgewählt, er ging direkt danach zum Energiekonzern E.ON; zuvor hatte er die Privatisierung der Stadtwerke betrieben. Inzwischen hat Celle ein Stadtoberhaupt mit SPD-Buch.

Auch in Wietze im Landkreis Celle gab es wegen einer CDU-Affäre (Wahlbetrug) Neuwahlen. Für die Kommunalvertretung kandidierten zwei Mitglieder der LINKEN. Die Genossinnen und Genossen aus Celle haben sich tüchtig ins Zeug gelegt. Einer hat es in den Gemeinderat geschafft.
Das Thema Privatisierung beschäftigt Jörg noch von anderer Seite. Die bisher kommunale Schule seines Sohnes soll in eine kirchliche Trägerschaft übergehen. Es sieht so aus, als sei Jörg der einzige im Schulvorstand, der gegen dieses Vorhaben ist. Jörg hat nichts gegen die Kirche, aber er ist für eine Trennung von Kirche und Staat. Lehrer- und Elternschaft erhoffen sich wohl bessere Bedingungen für die Schule: mehr Lehrer, weniger Stundenausfall, mehr Ausgeglichenheit und Ruhe durch Rückbesinnung auf christliche Werte. Jörg sieht hier eine zweifache Ausgrenzung: Zum einen die Ausgrenzung derer, die nicht gläubig oder anderen Glaubens sind. Zum anderen eine soziale Ausgrenzung, denn eine Umwandlung würde Schulgeld nach sich ziehen. Als Mindestsumme sind 35 Euro im Gespräch. Es kann nicht sein, sagt Jörg, dass das Heil in einer Privatisierung gesucht wird, weil der Staat nicht leistet, was er leisten müsste.

Auf einer Familienfeier haben sich Petra und Jörg inzwischen noch nicht wieder getroffen. Aber manchmal telefonieren sie. Dann geht’s um die Kinder, die Gesundheit, die Arbeit und irgendwann auch um DIE LINKE.