Disput

Rot feiert im Blauen Hirsch

Saarland kommunal: Deutlicher Wahlgewinner ist DIE LINKE. Sie zieht flächendeckend erstmals in die Kommunalparlamente ein

Von Birgit Huonker

Sonntag, 7. Juni, Saarbrücken, Blauer Hirsch. Hier, wo normalerweise Kabarett, Comedy, Komödie, Boulevard, Musik, Travestie- und Karnevalsveranstaltungen »uff gudd saarländisch« stattfinden, ist für diesen Abend eine Großleinwand installiert. Ab 18 Uhr wird die Sondersendung des Saarländischen Rundfunks zur Europa- und zu den Kommunalwahlen übertragen. DIE LINKE Saarbrücken hat zur Wahlparty eingeladen. Anfangs sind erst ein Dutzend Parteimitglieder eingetroffen, unter ihnen Landesvorsitzender Rolf Linsler. Die meisten Genossinnen und Genossen sitzen noch in den Wahllokalen, um Stimmzettel auszuzählen. Zur Hochrechnung für die Europawahl ist es ruhig. »Schade, wir hatten mit mehr gerechnet«, murmelt ein älterer Mann. Später erweist sich, dass DIE LINKE im Saarland zwölf Prozent und damit das beste Ergebnis der westdeutschen Bundesländer bei der Europawahl erreicht hat.

»Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, hier das erste Ergebnis von der Kommunalwahl«, kündigt SR-Moderatorin Marie-Elisabeth Denzer an. In Rehlingen-Siersburg erreicht die Liste der LINKEN 1,6 Prozent. Betretenes Schweigen im Blauen Hirsch. »Um Gottes willen, was haben wir denn falsch gemacht?« Jeder hofft, dass die Ergebnisse in den anderen Orten doch bitteschön höher ausfallen mögen. Die Spannung steigt. Dann werden die Ergebnisse aus Neunkirchen bekannt gegeben: Für den Kreistag erreichen die dortigen Parteifreunde 14,5 Prozent, im Stadtrat sitzen künftig sieben LINKE! Die Erleichterung ist allen anzusehen – endlich! Kurze Zeit später korrigiert die SR-Moderatorin das Ergebnis für Rehlingen-Siersburg, DIE LINKE kommt nun auf 5,7 Prozent. Nein, es ist kein Ausrutscher, es ist ein Trend. Die Kreistagswahlergebnisse belegen dies: Saarlouis 13 Prozent, Merzig-Wadern 9,7 Prozent, Saarpfalzkreis 10,3 Prozent, und sogar im schwarzen St. Wendel punktet DIE LINKE auf Anhieb mit 8,9 Prozent!

 

Als die Ergebnisse der Landeshauptstadt bekannt gegeben werden, kennt der Jubel keine Grenzen mehr: 16,2 Prozent für den Regionalverband (vergleichbar einem Kreistag), und in den Saarbrücker Stadtrat ziehen nun mit satten 17 Prozent sogar elf Frauen und Männer der LINKEN ein. Im Stadtteil Burbach werden 32,33 Prozent erkämpft – noch vor CDU (21 Prozent) und SPD (29 Prozent). Die schwarz-gelbe Koalition im Saarbrücker Stadtrat wird abgewählt: Die CDU verliert knapp elf Prozent. Ähnlich sieht es im gesamten Kreis Saarbrücken aus: In Püttlingen büßt die CDU ihre Alleinherrschaft ein, dort und in Riegelsberg holt DIE LINKE aus dem Stand über zehn Prozent, in Friedrichsthal gar 17,5 Prozent, und das allerbeste Ergebnis landesweit kann der Ortsverband Völklingen verzeichnen: 17,9 Prozent. In der einstigen CDU-Hochburg Quierschied – immerhin erreichte sie bei den letzten Gemeinderatswahlen satte 62,7 Prozent – stürze die durch Innenminister Klaus Meiser angeführte CDU ins Bodenlose auf 36,9 Prozent – ein Minus von 25,8 Prozent! DIE LINKE in Quierschied holt zehn Prozent.

Feierstimmung im Blauen Hirsch. Nach und nach treffen die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer ein, die teilweise bis 22 Uhr ausgezählt haben. Ein Fotograf der größten Agentur im Saarland kommt später hinzu: »Ich bin lieber bei den Gewinnern, das macht mehr Spaß. Bei der CDU-Wahlparty herrscht blankes Entsetzen.« Als Oskar Lafontaine eintrifft, steigert sich der Jubel nochmals: »Oskar, Oskar, Oskar«, mit rhythmischem Klatschen wird er begrüßt. »Das war ein guter Aufschlag. Die Hoffnung der anderen Parteien, dass DIE LINKE doch nicht so stark sein werde, hat sich nicht erfüllt«, sagt der Parteivorsitzende. Alle im Raum wissen, ohne den Oskar-Bonus im Saarland hätte man diese Ergebnisse nicht erreichen können. Nachts steht fest: In allen 48 Gemeinden, in denen die saarländische LINKE mit eigenen Listen kandidierte, ist sie in die Kommunalparlamente eingezogen. Über 450 Kandidaten traten an, knapp 230 sitzen nun in den Parlamenten. Selbst in Orten, in denen es noch keine Ortsverbände gibt. Lediglich in vier Gemeinden war es nicht gelungen, Listen aufzustellen.

Kräftezehrender Wahlkampf

Klar, der Erfolg hat einen Namen: den des langjährigen Ministerpräsidenten des Saarlandes. Doch auch die vielen Helfer haben dazu beigetragen. Bereits im August 2008 begannen die Planungen für das Superwahljahr. Regelmäßig trafen sich die technische und die politische Wahlkampfleitung, die sich aus Mitgliedern aller sechs Kreise zusammensetzte. Ende 2008/Anfang 2009 startete der Wahlmarathon: zunächst die Wahlen zur Listenaufstellung für die Gemeinde-, Orts- und Kreisräte, später die Wahlen der Landtags- und Bundestagskandidaten – sowohl die Landeslisten als auch die Bereichslisten bzw. die Direktkandidaturen. Geduld wurde den Parteimitgliedern abverlangt, wie kann man sie also motivieren? An drei Tagen im März, nämlich von Freitag bis Sonntag, wurden über 220 Kandidatinnen und Kandidaten in einer Agentur fotografiert. Die Fotos finden später ihre Verwendung in Flyern – pro Kandidat werden 1.000 Flyer gedruckt, die dann in der heißen Wahlkampfpause landesweit an den unzähligen Informationsständen der Ortsverbände vor Bibliotheken, Einkaufszentren oder Märkten an die Passanten verteilt werden. Mit einem Foto von Oskar in jedem dieser Flyer wirbt er mit seiner Unterschrift: »Ich bitte um Ihr Vertrauen für unsere Kandidatinnen und Kandidaten.« Und noch etwas sorgte für Aufmerksamkeit: der Motorrad-Korso mit Initiator Norbert Wagner, Bergmann aus Großrosseln. Selbst die politische Konkurrenz räumte ein: »Da habt ihr aber eine Show abgezogen.«

Als am Freitag, den 5. Juni, Oskar Lafontaine in Saarbrücken zu einer kurzfristig organisierten Abschlusskundgebung aufrief, kamen etwa 500 Menschen. Mitreißend rief er ihnen zum Schluss zu: »Tragt diese Begeisterung hinein in eure Familien, sagt euren Arbeitskollegen und Freunden, warum sie uns wählen sollen – damit das Saarland sozial gerechter wird!«

Es gibt nur eine kurze Verschnaufpause: Am 30. August 2009 wird der Landtag neu gewählt. Die Wahlparty wird nicht im Blauen Hirsch stattfinden. Dieses Theater wäre dafür zu klein …